Tour 2008 - plus Wolf Parade & Dag För Dag
Eigentlich bin ich ja viel lieber auf kleinen Clubkonzerten als auf grossen Events in sterilen Riesenhallen. Rockstargepose sieht man im Verlaufe eines Jahres mehr als genug und in der eher intimen Atmosphäre solcher Läden wie dem Kölner Luxor kann sich niemand hinter Choreografien, Videowänden oder Pyroeffekten verstecken. Hier zeigt sich, wer sein Handwerk versteht. Außerdem ist man unbewusst auch immer ein wenig auf der Suche nach dem nächsten grossen Ding, von dem man dann später mal behaupten kann: "Über die haben wir schon berichtet, als die noch keine Sau kannte". Alter Me haben zweifellos das Zeug dazu, diesen Spruch in nicht allzu ferner Zukunft mit Leben zu füllen.
Nachdem ich ihr Debütalbum "The Fall" (das hierzulande am 30.01.2009 erscheint) vorab bereits hören konnte, mache ich mich hoffnungsfroh auf den Weg in die an diesem Abend bitterkalte Luxemburger Strasse. Im mollig warmen Luxor wird heute gleich ein Dreierpack geboten: Die schwedischen Dag För Dag, die dänischen Alter Me und die kanadischen Wolf Parade. Obwohl Wolf Parade Headliner sind, wollen wir uns an dieser Stelle in erster Linie auf Alter Me konzentrieren. Etwa 250 bis 300 Leute sind ebenfalls gekommen und geben dem Ganzen einen entsprechend würdigen Rahmen.
Um 21 Uhr wird die Reihe von Dag För Dag eröffnet. Dag För Dag, das sind die Geschwister Sarah und Jacob Snavely, die live durch einen mir unbekannten Drummer zum Trio erweitert werden. Eigentlich aus Amerika stammend, haben die beiden Snavelys ihre Zelte seit zwei Jahren in Stockholm aufgeschlagen. Mit Schweden hat ihre Musik allerdings wenig zu tun. Die Songs klingen wie eine Mischung aus Alternative Rock, buddhistischer Tempelmusik und dem irischen Mainstream von Clannad. Ihr halbstündiger Auftritt erinnert mich außerdem stellenweise an The Doors mit Janis Joplin, was sowohl am Äußeren von Sarah Snavely als auch ihrem Gesang liegt. Hört sich alles spannend an und ist es auch. Anfang 2009 soll das Debütalbum "Boo" folgen und wenn Dag För Dag es schaffen ihre Live-Präsenz auf CD zu übertragen, dürfte das sehr vielversprechend ausfallen.
Alter Me sind da zwar schon einen Schritt weiter, dürften aber bei uns noch ähnlich unbekannt sein wie ihre schwedischen Kollegen. Immerhin konnten sie mit "You Can`t" bereits eine Vorabsingle aus dem kommenden Longplayer bei einigen deutschen Radiostationen platzieren. Kopf der Band ist der 25-jährige Hans Mortensen (Gitarre, Gesang, Piano). Wenn man weiß, dass Mortensen 15 Jahre seines Lebens auf der Insel Grönland verbracht hat, dann wird klar, warum Alter Me im Bereich melancholischer Alternative Pop/Rock anzusiedeln sind. Coldplay meets R.E.M. meets The Beatles. Eingängig, abwechslungsreich und richtig schön. Wie Mortensen mit seinen Bandkollegen Nicolai Westh (Gitarre, Orgel), Gitarrist Kasper Rassmussen und Jesper Van am Bass (dazu im Hintergrund noch Schlagzeuger Esben Brandt) da aufgereiht auf der Bühne steht, lässt an eine Boy-Group denken, doch von derlei Plattitüden sind Alter Me natürlich weit entfernt. Am heutigen Abend spielen sie sieben Stücke von "The Fall". Symphatisch, dass Hans Mortensen die Fans auf Deutsch begrüsst. "Me And Myself" und die nächste Single "Love" bilden den Auftakt. Es folgt "You`re Crazy", bei dem Mortensen eine Kostprobe seines Könnens am Piano gibt. Der Sound ist perfekt und beim eher rockigen "The Fall" kommt dann erstmals so richtig Bewegung in die Menge vor der Bühne. Das Quintett glänzt sowohl musikalisch als auch gesanglich auf ganzer Linie und erntet dafür verdientermaßen auch reichlich Applaus. Abgerundet wird das Set durch "Ghost", "Problems" und "You Can`t". Eine wirklich überzeugende Vorstellung, leider nur eine halbe Stunde lang. Da der Zeitplan eingehalten werden muss, bleibt kein Raum für Zugaben. Schade! Gute Riffs, scharfe Hooks, klasse Melodien - ich gehe jede Wette ein, dass Alter Me nächstes Jahr als Headliner ins Luxor zurückkehren werden! Wir behalten sie auf jeden Fall im Auge und ihr dürft euch schon jetzt auf eine Albumbesprechung im Januar freuen.
Wolf Parade stehen dazu im krassen Gegensatz. Die vierköpfige Band aus Montreal (Soundtüftler Hadji Bakara hat die Reise nach Europa nicht mit angetreten, da er sich um sein Soloprojekt Megasoid kümmern möchte) nennt The Arcade Fire oder Modest House als ihre musikalischen Einflüsse. Hier und da hört man auch ein bißchen was von David Bowie heraus. Die Band um die beiden Gründungsmitglieder Dan Boeckner und Spencer Krug hat von schrägen Tönen bis zu gradlinigen Rocksongs einiges zu bieten, wie ihr aktuelles Album "At Mount Zoomer" (erschienen beim amerikanischen Kultlabel Sub Pop) erneut beweist. Live klingen die Songs noch rauer als aus der Konserve. In den ersten Reihen wird von Anfang an fleißig gepogt, als Wolf Parade ihre energiegeladene Show starten. Trotzdem mache ich mich nach den ersten vier Stücken auf den Heimweg, was mir die pogenden Kollegen hoffentlich verzeihen. Liegt zum Teil am reichlich vermatschten Sound (kein Wunder, denn die Frau am Mischpult rennt ständig durch die Gegend), aber vor allem eben daran, dass Alter Me meine Erwartungen bereits mehr als erfüllt haben. Zufrieden und sehr viel wärmer ums Herz als noch vor drei Stunden fühlt sich auch die Nacht gar nicht mehr so kalt an.