Amplifier

The Octopus Tour 2011 - Support: Mouth

11.06.2011 Underground / Köln

Von: Shirin K

Amplifier Köln

Tausendmal gehört, tausendmal ist nichts passiert Â… Bei manchen Bands dauert es eben länger, bis sie zünden, und bei manchen passiert es, dass es einen ordentlichen Flächenbrand gibt, wenn sie denn mal gezündet haben. So geschehen bei mir mit Amplifier. Jahrelang rottete das Debüt von ihnen in meinem Regal vor sich hin, dann musste ich Anfang des Jahres das aktuelle Werk "The Octopus" rezensieren, welches mir auch gut gefiel, aber mich nicht weiter beschäftigte. Es hätte mich da schon stutzig machen müssen, dass die ganze Welt gar nicht mehr aufhören konnte, das Werk mit Lobhudeleien zu beschmeißen. Bei mir dauerte es noch, bis ich sie vor einigen Wochen in Holland sah - und da machte es plötzlich aus heiterem Himmel ZOOM. Aber so richtig. Seitdem hat mich das Amplifier-Fieber gepackt und das Thermometer steigt weiter ...

Amplifier spielen also an diesem bewölkten Samstagabend im Underground. Der Laden ist knackevoll. Vorgruppe ist die Kölner Band Mouth, die aus drei Musikern besteht: Bass und Gitarre und Drums, wobei Bassist und Gitarrist noch zusätzlich ihre Casio Keyboards bearbeiten. Das, was die Herren anbieten, ist so schräg, dass die Zeit im Flug vergeht. Verschrobene Sounds und chaotische Melodienläufe gepaart mit exaltiertem Gesang á la Patton bei Mister Bungle (na gut, ein Mini-Patton vielleicht nur), machen es Progfans der alten Garde sehr leicht, die Band zu mögen. Sänger Chris Koller und Drummer Nick Mavridis sehen außerdem aus, als hätten sie ganz gehörig den Schalk im Nacken sitzen, während Bassist Jan Wendeler aus allen Poren schwitzt. Schade nur, dass soviel Zirkus und Drama nicht von einer passenden Lichtshow begleitet wird, ansonsten eine Top-Performance!

Die Stunde der Wahrheit naht, als Mouth die Bühne verlassen. Es ist Zeit für den Kraken! Die Bühne ist ja bereits mit dem Logo des "Octopus" zugepflastert (inklusive der Kraken auf den Krawatten, sind es genau 13, jawohl!). Riesenapparate mit tausend Effektpedalen werden hereingetragen, die Band hat nicht umsonst diesen Namen. Da Amplifier nur mit kleiner Mannschaft angerückt sind (die Entscheidung, ganz ohne Label auszukommen, hat auch Nachteile), dürfen wir den Musikern beim allerletzten Soundcheck zuschauen, wobei Sänger Sel Balamir das Publikum augenzwinkernd bittet, so zu tun, als seien sie gerade gar nicht da. Währenddessen wird das Publikum mit unsäglichem Freejazz-Gedudel als Pausenmusik gequält (zum Glück bleibt das der einzige negative Punkt an diesem Abend). Und just als ich glaube, den Verstand vor lauter Jazzgewichse zu verlieren, geht das Licht aus.

Blaue Lichter beleuchten die Bühne und Nebelschwaden ziehen über uns hinweg, während Ringo Starrs "Octopus's Garden" fröhlich aus den Boxen ertönt, allerdings mit immer lauter werdenden Störgeräuschen unterlegt, bis kaum noch was aus dem Schunkellied zu hören ist. Und als das Lied in verzerrtes Gitarrengewaber übergeht, betritt die Band, ganz in Schwarz gekleidet und mit Octopus-Krawatten behangen, die Bühne. Steif und unbeweglich, wie Soldaten in Angriffsstellung, starren sie das Publikum an und legen dann unvermittelt mit dem hämmernden Riff von "The Wave" los. Über dem Gehämmer ertönt dann Sels anpreisende Stimme: "Ladies and Gentlemen, please step right up, for the end of the woooooorld!". Whooooooohooo, was für ein Start! Da folgen wir doch der Einladung zur Weltuntergangsparty gerne!

Folgende Wörter müssen wir bemühen, um das Konzert, das hauptsächlich aus "Octopus"-Songs besteht, zu beschreiben: düster, rockig, verspielt, beängstigend schön, brachial, aufrüttelnd, verwirrend, fesselnd – und ja, auch witzig, da die Herren aus Manchester sich dafür nicht zu schade sind, hier und da ein paar kleine Scherze zu machen, z.B. wenn Sel den Song "The Fall Of The Empire" Georg Bush, "our favourite baboon", widmet, oder wenn Bassist Neil sich Zeit nimmt, sein Instrument zu stimmen, während der Gitarrist Steve Durose (Gitarrist von den aufgelösten Oceansize übrigens) angeblich duschen gegangen ist. Die Grundstimmung des Konzertes ist aber geprägt vom Heraufbeschwören einer dunklen Macht, eben jenes Kraken, der für die Leere und Kälte der Ozeane steht, welche wiederum auch die Leere des Weltraums symbolisiert – nein, das muss man nicht verstehen, weil das hirnrissiges Gefasel ist, aber das machen Amplifier mit dir: Sie machen dich verrückt, und sie lassen dich nicht los – nicht umsonst heißt es im Song "Octopus" – "I'll never let you go Â…".

Musikalisch ist das Konzert ein Shuttleflug durch die Welt des Rocks mit Betonung auf spacigen Arrangements, hypnotischen Riffs und gewittrigen Walls Of Sound. Hier und da stonert und scheppert es gewaltig, verzerrte Gitarren und wabernde Sounds lassen die Ohren nicht zur Ruhe kommen - aber hier will auch niemand zur Ruhe kommen, Extase ist angesagt! Und auch wenn Sel Balamir zeitweise den Eindruck macht, als wäre er selbst gerade in einer anderen Dimension, dringt die Energie, die die Band versprüht, durch jede einzelne Pore der Zuschauer. Es ist die Hölle auf Erden, und es ist gut so! Bis zur Zugabe werden ausschließlich Songs aus dem neuen Album gespielt, Fans der ersten Stunden kommen spätestens bei der Zugabe auf ihre Kosten. Beim letzten Song, dem psychedelischen "Airborne", steigt Sel sogar schlafwandlerisch hinab in die Menge, und während das in Trance versetzte Publikum sich noch die Augen reibt, endet ein Konzert der Extraklasse mit einer Band, die vielleicht gar nicht von diesem Planeten stammt. Was für ein Glück, dass ihre Platten in irdischen Geschäften erhältlich sind Â…

Setlist:

The Wave
Interglacial Spell
Planet Of Insects
The Octopus
Interstellar
The Emperor
Fall Of The Empire
Trading Dark Matter On The Stock Exchange
---------------
Continuum
Motorhead
UFOs
Airborne

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