We`re Here Because We`re Here-Tour 2010
Nur wenige Bands haben in ihrer Schaffensphase so eine Metamorphose durchgemacht wie die Briten von Anathema. Ließen sie Anfang der Neunziger noch düstersten Doom auf die Metal-Szene los, so sind sie heute mit ihrem poppigen Sphärenrock so Visions- und Spex-fähig wie noch nie. Für mich gehören "Judgement", das Album mit dem allerletzten Rest an Doom, "Alternative 4" und "Silent Enigma" zu den Top 50 Alben aller Zeiten. Die melancholische Grundstimmung blieb zwar auch in den Nachfolgealben erhalten, aber sie waren für mich nur noch Pflichtkäufe. Nun ist aber nach sieben Jahren Pause Anathemas neuestes Studioalbum "We Are Here Because We Are Here" erschienen und die Kritiker überschlagen sich mit Lob und Begeisterung. Das Ergebnis ist wieder sehr poppig geworden, viel Piano und hoher Gesang, und hier und da scheint Porcupine Tree durch – aber wenn man genau hinhört, ist der wunderschöne Anathema-spezifische Weltschmerz noch vorhanden. Kein Grund also, sich die Liverpooler nicht endlich mal live anzusehen!
Das Luxor ist an diesem Abend so gut wie ausverkauft, es gibt keine Vorband und um kurz nach halb acht geht es schon los: Die Brüder Vincent (Gesang und Gitarre), Danny (Gitarre) und Jamie Cavanagh (Bass), Schlagzeuger John Douglas und Keyboarder Les Smith eröffnen die Show mit "Thin Air" aus dem neuen Album. Ein Song, der zart und zögernd anfängt, um sich dann in einem episch-anklagenden Refrain zu entladen, dazu singt Vincent in ziemlich hoher Stimmlage. Genau der richtige Anfang für diesen Abend, der ganz entgegen meiner Erwartungen ("wird bestimmt lahm, aber was soll's") ein gigantischer Abend werden wird. Das liegt nicht zuletzt an dem charismatischen Energiebündel Vincent, der ein Unterhaltungstalent und eine Rampensau vor dem Herrn ist und aus jeder Nummer ein eigenes in sich abgeschlossenes Minispektakel macht - ob es nun die leisen Songs sind, bei denen er fast zu entschweben scheint, oder die rockigen Nummern, in denen er regelrecht in die Luft geht.
Gelungen ist auch die Songauswahl an diesem Abend, denn es gibt eine ausgewogene Mischung von mehr als zwanzig Songs aus den Alben "Alternative 4", "Judgement", "A Fine Day To Exit", "A Natural Disaster" und "We Are Here Because We Are Here". Die ersten Tränen fließen bei "Inner Silence", wenn die schweren Gitarrenriffs wie meterhohe Wellen über das Publikum schwappen und es in die Tiefen von Cavanaghs Ozean des Schmerzes ziehen (ne, also ich finde nicht, dass dieses Bild schwülstig ist...). Und als ob das nicht genug wäre, folgt "One Last Goodbye", an Melancholie nur von wenigen Songs, die ich kenne, übertroffen. Beim Refrain "I still feel the pain, I still feel your love" singt das mitleidende Publikum so laut mit, dass man wünscht, es möge gleich Prozac regnen, um einen Kollektivsuizid zu verhindern – tut es dann auch, und zwar in Form von "Empty", das mit stampfendem Beat und aggressiven Riffs zum Mitklatschen und Johlen animiert und gerade noch das Schlimmste verhindert. Vincent in Bestform, post und rockt und lässt die Locken durch die Gegend fliegen – mit theatralischem Rammstein-Tonfall und rollenden Augen beendet er "Empty" mit: "England England, warrrrrum kannst du nicht spielen die Fussssball!" und entschuldigt sich sofort mit einem "sorry for my bad German!". Gelächter und Gejohle im Publikum.
Damit aber nicht genug der Highlights: "A Natural Disaster", ein bluesiges Duett von Vincent und der blonden Teilzeitsängerin Lee Douglas (übrigens die Schwester des Drummers) ist absolut berauschend, zumal Lee mit ihrer kräftigen und trotzdem sehr warmen Stimme den ganzen Laden zu bezirzen weiß. Das an diesem Abend fast wie ein Punkrocksong klingende "Panic" bringt die Menge zum Pogen und Danny Cavanaghs Solo-Einlage an der Akustikgitarre mit "Are You There?" begeistert die Romantiker (persönlich finde ich den Song ziemlich langweilig...). Zwischendurch bringt Vincent das Publikum durch Sprüche wie "Ey, motherfucker, I don't need a guitar, I can do it a capella!" zum Lachen (es stimmte wohl etwas mit seiner Gitarre nicht) und verwechselt "Jägermeister" mit "Weltmeister". Mein absolutes musikalisches Highlight aber kommt zum Schluss: das Gänsehaut-Intro "Shroud Of False" (Ja, Pink Floyd-Feeling kommt auf) gefolgt von dem Überlied "Fragile Dreams"!! Kein Wunder, dass das Publikum hier endgültig austickt und es aus allen Ecken "Maybe I always knew, my fragile dreams would be broken for you" schreit! Was für ein Abend!!! Und während man denkt, dass das eigentlich gar nicht mehr getoppt werden kann, legen Anathema noch eine Schippe drauf: Als Zugabe gibt es eine Coverversion von "Kashmir", die sich wirklich gewaschen hat. Plant würde grün vor Neid werden bei so viel Stimmvolumen und Pathos.
Was soll man nach einem so sagenhaften Gig machen, außer sich alle Alben noch mal zu krallen und einer Revision zu unterziehen? Klar! Warten, bis Anathema im Herbst auf Tour gehen und dabei sein, wenn die Gebrüder Cavanagh wieder mal zum fulminanten Wechselbad der Gefühle einladen!