And You Will Know Us By The Trail Of Dead

Merck-Sommerperlen: Tao Of The Dead Tour 2011

17.08.2011 Centralstation / Darmstadt

Von: Pascal Kraus

And You Will Know Us By The Trail Of Dead Darmstadt

Die Horizontbegrenzung und die aus dem Geiste dieser Musik geborene Theorie und Suche nach einer Einheitlichkeit der Kulturen wird im Mythos der Bandgeschichte von "Â…And You Will Know Us By The Trail Of Dead" zur rituellen Auffassung. Die vier Texaner aus Austin - Conrad Keely, Neil Busch, Jason Reece und Kevin Allen (Danny Wood und Doni Schroader stoßen erst später zur Band hinzu) - lernten sich bereits im Kirchenchor des kleinen Provinznestes Planoe kennen und teilen eine langjährige wissenschaftliche Beschäftigung mit der Maya-Kultur. Die Band hat anfangs das Ziel verschiedene musikalische Mittel auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, um die Theorie der Einheitlichkeit der Kulturen darzustellen. So will es zumindest der von der Band selbst initiierte Mythos – ein Spiel mit Dichtung und Wahrheit.

Mit dem Wechsel zum Label Interscope (Universal) und dem dritten Album "Source Tags & Codes" machen Trail Of Dead schnell vielseitig von sich reden. Nach dem 2005er Meisterwerk "Worlds Apart", auf welchem sie mit ihrer eigenen Handschrift eine vierzigjährige Geschichte der modernen Rockmusik zelebrieren, begleitet von Keely´s Essay "Death Of The Enlightened Amateur – A Brief Summary Of Key Developments In Western Music", und dem vorletzten Studioalbum "The Century Of Self" (2009) sind "Trail Of Dead" heute in der Centralstation Darmstadt zu Gast. Die aktuelle Platte aus diesem Jahr nennen sie "Tao Of The Dead". Nach allem was man also über die Band und deren teilweise wechselnde Mitglieder hören und lesen konnte, deutet heute alles auf eine eher kopflastige Wahrnehmung hin. Kopflastig wird der Auftritt des Quartetts allerdings hauptsächlich aufgrund des unwillkürlichen Kopfnickens, welches sich bei der druckvollen Performance der Amerikaner sofort einstellt.

Bevor es allerdings soweit ist, dass Trail Of Dead spät gegen halb elf die Bühne betreten, wird erst einmal tief in der musikhistorischen Mottenkiste gewühlt. Die jungen Darmstädter Lokalmatadoren "Okta Logue" eröffnen diesen Abend mit erdigem (Blues)-Rock, der knietief in den für dieses Genre üblichen Referenzen watet und auch mal Arrangements von frühen Floyd´schen Ausmaßen erkennen lässt. Danach malträtieren drei Texaner (der Bandname ist bis dato leider nicht zu eruieren) ebenfalls aus Austin mit ihrem Noiserock die Trommelfelle bis zur Schmerzgrenze und in dem Soundbrei ist der Gesang kaum wahrnehmbar. Die Tonträger des Trios mögen mutmaßlich in die Richtung Sonic Youth gehen und es lohnt sich sicherlich dort reinzuhören, aber heute ist das leider nur ansatzweise zu erkennen.

Im Rahmen der Merck-Sommerperlen werden in jedem Jahr funkelnde Schätze aus der Tiefsee geborgen oder wahlweise wie Sterne vom Himmel geholt. Den diesjährigen Abschluss bildet jetzt dieser furiose Ritt auf einer Welle aus orchestralem (Achtung: böses Wort) Progrock und avantgardistischen Versatzstücken der gesamten Historie moderner Musik, die brachialen Hardcore genauso wenig außer Acht lässt, wie verspielte psychedelische Arrangements. Die aktuelle Besetzung besteht aus Conrad Keely, Jason Reece, Autry Fulbright II und Jamie Miller. Die vier Musiker haben zwar ihre zugedachte Funktion im Bandgefüge, doch Trail Of Dead zelebrieren im Laufe ihres Sets einen munteren Instrumenten-Wechsel zwischen Schlagzeug, Gitarren und letztlich auch Gesang. Den übernimmt die meiste Zeit aber Conrad Keely an diesem Abend und schreit, singt, spricht seine Version der erzählerischen Aufarbeitung menschlicher Urängste und Hoffnungen. Die Weltauslegung der Texaner manifestiert sich in solchen Song-Monstern wie zum Beispiel "Caterwaul" oder "Will You Smile Again For Me", in die sie Lebensdeutungen mit allgemeinen Wahrheiten verpacken.

Bei aller rigoroser Brachialität laufen dieser immer wieder grenzenlose Harmonien entgegen, die eingebettet sind in einen dynamischen Gesamtfluss mit einem Spannungsbogen zwischen laut und leise, zwischen schnell und langsam. Perkussiv schlagen die Songs direkt zu, bäumen sich auf, suchen nach dem Popsong, der Hymne, den noch intelligenteren Arrangements als zuvor – und finden all dies letztlich auch. Trail Of Dead lösen mit ihren schneidenden Riffs, den atmosphärischen Tonbildern unter dem donnernden Drum-Rhythmus alle Bindungen zwischen dem Jetzt und dem was noch kommen wird. Sie sind immer wieder wie das Schwert des Maya-Gottes Itzamna, mit welchem sie die Schneise durch das Publikum schlagen und kriechen mitten im Song wieder in ihre Eidechsenhöhle zurück.

Der Mythos von Trail Of Dead spiegelt sich in ihrer progressiven experimentellen und drängenden Musik und wird ihrerseits etwa als rituelle Wiederholung von kulturellen Sinnsuchen betrachtet. Sie knüppeln ihren Hardcore in epische Breiten, huldigen Fugazi und erzeugen orgiastische Bilderstürme. Die hämmern ins Hirn und die Post-Punk Symbiose wirbelt zerfasernd durch die Eingeweide, zimmert hier und da ein romantisches Kunstwerk aus brachialen Sounds, Melodie und watteweichen Klangkaskaden. Die Texaner spielen sich und das Publikum wie in Trance, bleiben dabei hellwach und springen wie angestochen über die Bühnenbretter. Dieses Achterbahn-Konzert hat alles, was mit Rockinstrumenten 2011 machbar ist und schlägt dabei auch die Brücke in vergangene Jahrzehnte. Wer die Gitarre so bearbeitet wie Pete Townsend, der hat schon mal etwas von The Who gehört. Dazu fliegen in der Halle euphorisch die Hände und Füße, ein Unermüdlicher ruft wiederholt das Stagediving ins kollektive Gedächtnis und der kleine Moshpit vor der Bühne tobt, wie er eben toben kann in der gemütlichen Centralstation.

Glücklicherweise verzichten Trail Of Dead am Ende darauf, wie noch anno 1998 auf den Konzerten zur ersten Platte, das gesamte Instrumentarium zu zerlegen und wenig rücksichtsvoll auf umstehende Personen im Bühnenumfeld zu verteilen. "Kunst muss sich das momentan Mögliche nehmen und es rigoros bis ins Extreme benutzen", erklärte Keely vor einigen Jahren. Recht hat er!

Twitter

Amazon, Musicload, Napster & AOL-Download

Amazon.de Musicload
Musicheadquarter Twitter RSS Feed abonieren! Musicheadquarter bei Facebook
Tickets Night Of The Prog Festival
Digg Reddit Del.icio.us Facebook Twitter Google Yahoo! MyWeb Furl" BlinkList Technorati Mixx Windows Live MySpace Mister Wong
The Love Bülow