André Rieu und das Johann-Strauss-Orchester - Tour 2011
"Walzer macht glücklich" oder "Musik bringt die Menschen zusammen", so sollten die Botschaften des Abends lauten. Der Holländer André Rieu hatte mit seinem Johann Strauss Orchester in die Arena Trier geladen, um auch die letzten Zweifler davon zu überzeugen. Nach einer hartnäckigen Virusinfektion musste er in 2010 eine Reihe von Konzerten absagen. Man munkelte auch von finanziellen Problemen, doch davon ließ sich der Stargeiger nichts anmerken und führte charmant und voll guter Laune durchs Programm.
Für die bis auf den letzten Platz gefüllte Arena hatte man opulent aufgefahren: ein gut 50köpfiges Orchester in eleganter Kostümierung, ein ewig-lustiger Backgroundchor aus beschwingten Damen und drei platinbehaftete Tenöre, die immer wieder für stimmgewaltige Abwechslung sorgten. Dazu eine Musical-Darstellerin aus Australien, die eine doch recht imposante "Evita" gab.
André Rieu versteht das Spiel mit Stimmungen. Die Bühne verbreitet ein Wiener Flair und die riesige LCD-Leinwand passt sich stets den Emotionen an, die vermittelt werden sollen. Der Stargeiger selbst ist vielleicht gar nicht der beste Violinist des Abends, doch er ist ohne Zweifel ein hervorragender Entertainer, der sein Publikum fest im Griff hat.
Der Dreivierteltakt dominierte den Abend, doch es gab auch lange Ausflüge in die Metiers Operette und Musical. Das komplette populärmusikalische Repertoire für die Ü50 also. Und ich stellte mit Schrecken fest, dass sogar ich bei Stücken wie dem Medley "Die Csárdásfürstin" die Melodien mitsummen konnte. Vom "Weißen Rössl" und dem "Radetzky Marsch" ganz zu schweigen.
Rieu versucht gar nicht erst, die schwierigeren Stücke der alten Meister an den betagten Mann und die betuchte Frau zu bringen. Sein Programm bietet ein "Best Of Klassik". Das wird dem Kenner zu kitschig sein, doch die Zuschauer waren hoch erfreut und immer wieder ging ein Raunen durchs Publikum, wenn der Meister in seinen Ansagen das folgende Stück beschrieb. Es entsteht eine Magie auf seinen Konzerten, eine Stimmung, die sich durch die Reihen trägt. Plötzlich flirrt die Luft und man hört, wie rechts und links die Menschen die Melodien mitsingen und -summen und sich eine allgemeine Glückseligkeit breit macht.
Auch für die Erheiterung jenseits aller Melancholie wurde gesorgt: beim "Schneewalzer" begann es plötzlich von der Decke zu schneien und die mittleren Reihen wurden von einer feinen Pulverschicht überzogen. Zum Ende des Liedes ging gar über dem hinteren Teil des Publikums eine wahre Lawine runter und die Kamera hielt freudig auf die verdutzten Gesichter, die nun in Großaufnahme die Leinwände zierten. Die skeptischen Blicke nach oben, als Rieu dann verkündete, im nächsten Stück gehe es um "Wasser", waren Gold wert. Auch ein für die "Amboss-Polka" aufgefahrener echter Amboss mit zwei Musikern, die sich zur Freude des Publikums entblößten und mit den Muskeln spielten, sorgte für unerwartete Comedy-Elemente. Doch spätestens wenn die Tenöre "Mama" und weitere italienische Melodien schmetterten, kehrte der feuchte Glanz in aller Augen zurück.
Man mag belächeln, was da passiert, doch die Musikfreunde im Saal sind empfänglich für die Weisheiten, die André Rieu verteilt. Er erzählt von dem Arzt, der ihm mal mitteilte: "Ich hatte einen Patienten, den haben alle schon aufgegeben. Doch dann brachte die Oberschwester einen CD-Player mit ihrer Musik – und er wurde wieder gesund. Sie machen uns arbeitslos. Was soll ich tun? Geige lernen?" Damit trifft er den Nerv vieler, die ihre Sorgen für einen Abend vergessen wollen. "Ich sage euch, wer dieses Lied hört, wird für den Rest seines Lebens glücklich sein." Begeisterter Applaus ist der Dank.
Das Publikum lag im Altersschnitt zwar weit oben, doch es durften auch kleine Mädels mit ins Konzert. Im Dirndl mit den Eltern (oder Großeltern?) in der ersten Reihe. Und zu "Wiener Blut" tanzten sie gar mit ihren Vorfahren Walzer vor der Bühne. Das wirkte gestelzt und unwirklich, doch als ich mich umdrehte, sah ich ein in sich versunkenes, älteres Ehepaar eng tanzend in der Saalmitte. Authentisch – und auf jeden Fall berührend.
Mit einem Regen aus bunten Luftballons endet der Konzertabend. Ich fahre nach Hause und weiß noch nicht genau, was ich davon halten soll. Plötzlich Blaulicht und die wohlbekannte Leuchtschrift "Bitte folgen". Oje, ich sei viel zu schnell gewesen, hätte zweimal beim Spurwechsel nicht geblinkt. Aber das Konzert hat seine Spuren hinterlassen. Ich bin nicht genervt, verkneife mir jede sarkastische oder ironische Anmerkung, zeige brav Verbandskasten und Warndreieck und lächle die Beamten freundlich an. So komme ich glatt mit einer Verwarnung davon. "Walzer macht glücklich" – zumindest aber entspannt. Danke, Herr Rieu. Es wirkt!