European Tour 2010
Seit kurzem darf sich Köln wieder Millionenstadt nennen. Auch Andrew Vladeck kommt aus einer solchen, allerdings ist die einige Nummern grösser. Der Singer-Songwriter aus New York City ist zum ersten Mal solo in Europa unterwegs und macht heute Halt in "Die Wohngemeinschaft" im Belgischen Viertel. Der Laden an der Richard-Wagner-Strasse ist nicht nur Café, Bar, Hostel und Theater in einem, sondern veranstaltet außerdem regelmäßige Abende unter dem Motto "Songs To Sing", in deren Rahmen auch Andrew Vladeck auftritt.
Vladeck ist unter dem Pseudonym Dory Honey eigentlich Mitglied der kauzig-schönen The Honey Brothers und hat im vergangenen Jahr mit "The Wheel" sein zweites Solo-Album veröffentlicht. Darauf ist er tief im Folk verwurzelt. Durch seinen "hot-wired"-Stil, also das Verstärken der klassischen Instrumente Banjo, Akustikgitarre und Mundharmonika, hat er jedoch einen ganz eigenen Weg in diesem Genre gefunden. Americana im besten Sinne.
Der kleine Konzertraum versprüht den gemütlichen Charme eines Wohnzimmers. Auf der Bühne stehen zwei plüschige Sessel, eine Art Nierentisch und eine dieser bauchigen Kommoden, in denen die Grosseltern früher immer die Süssigkeiten versteckten. An der Wand hängt ein Spiegel, ebenfalls in Nierenoptik. Dazu kommt Andrew Vladecks Effektgerät, auf dessen Pedalen er später fleißig herumdrücken wird. Eröffnet wird der Abend von einem jungen Mann mit der Akustikgitarre, dessen Name mir leider nicht bekannt ist. Er spielt vier leise Lieder. Andrew Vladeck sitzt im Publikum und nickt des öfteren anerkennend mit dem Kopf. Am Ende umarmen sich beide herzlich.
Eine Umbaupause gibt es nicht. Wozu auch? Alles was der New Yorker braucht, sind seine Gitarre, eine Mundharmonika und ein Banjo, mit dem er auch gleich die ersten beiden Songs spielt. Den Schellenkranz bedient er mit dem Fußpedal. Auf Socken. That`s it. Ansonsten verlässt er sich auf seine kraftvolle Stimme und sein virtuoses Spiel. Teilweise spricht er mehr als dass er singt, und noch dazu doppelt so schnell wie andere Leute. Live erinnert sein Gesang gar nicht mehr so sehr an Bob Dylan, wie noch auf "The Wheel", musikalisch ist Vladeck dem alten Meister aber dennoch verbunden. Optisch hat er eher was vom jungen Bruce Springsteen, nur um einiges verschmitzter. Mir fällt auf, dass er sehr lange Finger hat.
In "Only Human" singt er "My tongue is full of tales" und das trifft zu. Vladeck redet viel zwischen seinen Songs, stellt mehrfach seinen Humor unter Beweis und manchmal muss er sogar über sich selbst lachen, etwa wenn er sein Banjo stimmt und sich der gewünschte Sound einfach nicht einstellen will. Als nebenan ein Feuermelder anschlägt, sagt er lapidar: "Oh, the russians are coming". Es ist diese Mischung aus nahezu perfektem Handwerk und jugendlichem Charmebolzen, die den Kerl so symphatisch macht. Zum Schluss haut er noch das brandneue "Living The Dream" und eine vollkommen verfremdete Coverversion von "Helter Skelter" raus und verabschiedet uns mit "Coffee" und den Worten "This is a song for tomorrow morning" nach intensiven anderthalb Stunden in unsere nächtliche Millionenstadt. Vorher lässt Andrew Vladeck noch ein Gästebuch durch die Reihen wandern, in dem man seine E-Mail-Adresse eintragen kann. Damit wir beim nächsten Mal unsere Freunde, deren Freunde und deren Freunde mitbringen, erklärt er uns. Bestimmt!
Setlist:
The Wheel
You Can`t Kill Time
Hold Me Back
Only Human
The Songs You Inspire
Chinatown
You
St. Petersburg
Toxic
Passing Knowledge
Orange County
Within Reach
Lonely Island
Helter Skelter
Living The Dream
Coffee