Juggernaut Of Justice Tour 2011
Man mag es kaum glauben, dass die kanadische Heavy Metal Band Anvil, das sind Steve "Lips" Kudlow (Gesang/Gitarre), Robb Reiner (Drums) und Glenn Gyrorffy (Bass), seit dem Beginn ihrer musikalischen Karriere in den Siebziger Jahren den großen Durchbruch niemals geschafft hat. Werden sie doch quasi als Wegbereiter des Speed- bzw. Trash-Metal Genres in den frühen 80er Jahren bezeichnet und ebneten stilistisch den Weg für heute so berühmte Bands wie Slayer und Metallica. Ihre größten Erfolge feierten sie 1982, als sie beim Monsters Of Rock Festival in Donington/UK mit Bands wie Status Quo und Uriah Heep spielten und 1984, wo sie beim Super Rock Festival in Japan mit Bon Jovi und Whitesnake auf der Bühne standen, an die sie jedoch nie wieder richtig anknüpfen konnten.
Erst im Veröffentlichungsjahr ihres preisgekrönten Dokumentarfilms "Anvil! The Story Of Anvil" von Sacha Gervasis rückten sie 2009 wieder ins öffentliche Interesse, traten unter anderem als Support für AC/DC auf und spielten sogar ein erfolgreiches Headliner Konzert beim Loud Park Festival in Japan. Zum Kinostart ihres Films in Deutschland tourten sie 2010 schließlich wieder durch Europa, waren auf einigen Festivals live zu sehen (als Headliner beim Wacken Open Air) und spielten sich in die Herzen der Heavy-Metal Szene zurück. Auch ich als Nicht-Metalhead bin erst durch die äußerst beeindruckende und gefühlsergreifende autobiografische Dokumentation auf Anvil aufmerksam geworden und wollte ihre unglaubliche Leidenschaft zur Musik, verbunden mit ihrem unermüdlichen eisernen Willen zur Verwirklichung ihrer Träume, wenigstens einmal im Konzert live miterlebt haben.
Anlässlich ihres sage und schreibe sechzehnten Studioalbums "Juggernaut Of Justice" (VÖ Deutschland: 17.06.2011) sind sie heute bei uns im Hamburger Knust zu Gast, um unter Beweis zu stellen, dass die legendären "Kultrocker" aus Kanada nicht nur eine spitzen Live-Band, sondern auch noch immer in der Lage sind, ihre Fans mit einer fast magischen Bühnenpräsenz mehr als nur in ihren Bann zu ziehen.
Vor dem Knust haben sich an diesem sommerlichen Freitagabend schon gegen halb neun eine Vielzahl meist langhaariger, traditionell schwarz gekleideter und mit den typischen, mit Aufnähern und Ansteckern zugepflasterten, Metal-Kutten ausgestatteter Fans versammelt, um sich plaudernd bei Astra und Wurst auf das Konzert von Anvil einzustimmen. Die Zielgruppe scheint heute vorrangig doch älteren Semesters zu sein, man trifft hier vorwiegend die Mittdreißiger bis Endvierziger Fraktion an, die in den Achtziger Jahren wohl auch in die Metal-Szene reingewachsen und dieser seitdem stets treu geblieben sind. Ein wenig überrascht bin ich lediglich von dem nicht unwesentlichen Frauenanteil, den ich so nicht erwartet hätte. Über der Bühne thront vielversprechend der megagroße und in blutrotes Licht getauchte Anvil-Schriftzug und lässt meine Erwartungen an die Live Performance weiter ansteigen.
Die kanadischen Metalisten lassen sich jedoch im Vorwege ausgiebig Zeit, erst um 21:30 Uhr betreten sie – erstaunlicherweise ohne Supportband - dann endlich die Bühne. Mit dem fetzigen Instrumentalstück "March Of The Crabs" und "666" von ihrem erfolgreichsten Album "Metal On Metal" starten sie dynamisch mit dem typisch kreischenden E-Gitarrensound in ihr Set. Frontmann Steve, genannt Lips, beginnt zunächst mit einem Gitarrensolo und nimmt im Anschluss rockenderweise direkt genüsslich ein Bad in der headbangenden Menge, wo er uns seine Fähigkeiten sowohl an der Gitarre als auch in Sachen Gesichtsakrobatik eindrucksvoll präsentiert. Schon nach dem ersten enthusiastischen Applaus fallen Sätze wie "You are fuckin´ awesome" und "It´s like coming home", womit er bei seinen Fans natürlich weiteren tosenden Applaus und jubelnde Zurufe erntet. Lips spricht außerdem von den wesentlichen Dingen wie "Love, Peace and Hope" und dass er lieber auf kleinen Konzerten den Fans in die Augen schaut, als auf den großen Festivals zu spielen. Diese ausgeprägte Publikumsnähe ist während des gesamten Konzerts spürbar, da Sänger Steve regelmäßig den Blick auf einzelne Fans fixiert, in den Pausen zwischen den Songs stets kleine Geschichten erzählt und in seinen Worten immer wieder seiner Begeisterung über das großartige Hamburger Publikum verbal freien Lauf lässt.
Die rockende Crowd aus Mattenschwingern und Headbangern reißt während des gesamten Konzerts unaufhörlich die Arme in Richtung Bühne hoch, fällt fast nach jedem Song in einen gruppendynamischen "ANVIL, ANVIL!"–Chor. Die Euphorie ist wirklich mitreißend und animiert auch den letzten Konzertbesucher (einschließlich meiner Wenigkeit) zum Mitklatschen und Mitgröhlen. Sogar zu den Stücken vom neuen bei uns noch nicht veröffentlichten Album, wie zur Power-Metal-Nummer "Juggernaut Of Justice" wird schon fleißig mitgesungen. Einige Freaks im Publikum verfallen in eine Art Trance-Zustand, singen und spielen auf der Luftgitarre komplette Songs mit, so als wenn sie gänzlich unbeobachtet wären. Das ist ein wirklich faszinierendes Phänomen! Man sieht dem gutgelaunten und energiegeladenen Metal-Trio den Spaß auf der Bühne wahrhaftig mit jedem vergossenen Schweißtropfen an, das richtige Metal-Posing von Lips und Bassist Glenn an der richtigen Stelle, die kniffligen Sticktricks von Drummer Robb zwischen den einzelnen Drumschlägen, die kleinen Späße und das zufriedene breite Grinsen von Frontmann Steve, wenn er seine Gitarre wieder unerbittlich quält.
Wie Hammer und Amboss, also quasi "Metal On Metal", werden die Instrumente hier bearbeitet. Die Gitarre klingt zeitweise wie eine auf Hochtouren rotierende Kreissäge, jeder einzelne Schlag auf das Drumset ist so kräftig wie der eines Hammers auf das blanke Metall eines Amboss, und das Doublebass-Drumming schmettert einem die Speedtempo-Bässe mitten ins Gesicht, als käme der Sound direkt aus dem Stahlwerk. Steves markanter wie eigenwilliger Gesang bildet dabei in Verbindung mit dem präzisen und kraftvollen Drumming die Basis für den repräsentativen Anvil-Sound. Steve Lips' Finger hingegen flitzen geschickt und mit einer gewissen Leichtigkeit über das Griffbrett, er beweist uns neben den perfekt sitzenden klassischen Metal-Riffs auch seine melodiöse Virtuosität an der Gitarre. Dass sein berühmt berüchtigtes Gitarrensolo mit dem Vibrator, was auch heute natürlich nicht fehlen darf, auch zu musikalischen "OHR"gasmen führen kann, demonstriert er seinen Fans so eindrucksvoll, dass die Metal Crowd vor Begeisterung kaum noch zu bremsen ist.
In "White Rhino" geht es am opulenten Drumset dann so richtig zur Sache. In einem unglaublichen Solo bespielt Robb sein Schlagzeug wie ein Oktopus, mit der Geschwindigkeit eines Überschallflugzeugs, der Präzision eines Metronoms und der Kondition eines 25-Jährigen. Bei Stroboskoplicht prügelt er sein Drumset regelrecht durch, ohne dabei nur eine Tom auszulassen. Als Lips schließlich "Metal On Metal" als letzten Song ankündigt, haben Anvil bereits eine gute Stunde gespielt und man hat vor Begeisterung nicht mal gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Bei diesem Genre-Klassiker von ihrem zweiten gleichnamigen Album wird im Publikum noch mal gerockt und geheadbangt was das Zeug hält. Als die drei kanadischen Metal-Rocker schließlich um 22:50 Uhr mit einem freundlichen und zufriedenen "Thank you Hamburg" die Bühne verlassen, fordern die Fans ihre Zugaben unaufhörlich mit stürmischem Applaus und lauten ANVIL-Rufchören ein. So kehren die Rock-Ikonen schnell noch einmal für drei Zugaben auf die Bühne zurück, um uns nach anderthalb Stunden abschließend eine "Fuckin great night" zu wünschen und anzukündigen, dass sie alle gleich noch zu den Fans rauskommen werden. Kurz darauf werden sie schon von ihnen in Beschlag genommen, sie geben fleißig Autogramme, beantworten Fragen und lassen geduldig diverse Fotosessions über sich ergehen.
Eingefleischte Metal Fans kommen heute also richtig auf ihre Kosten, sie bekommen eine Menge Anvil für ihr Geld. Zum Bedauern aller Fans gibt es am Merch Stand leider keine einzige CD zu erwerben, die Fans sind da aber nicht weiter zimperlich und weichen zufrieden auf die Band-Shirts aus. Ob die sympathischen Kanadier allerdings absichtlich fast sämtliche Songs ihrer Alben von 1983 bis heute (bis auf "White Rhino" und "This Is Thirteen") in ihrer Setlist ausklammern, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Zu vermuten ist, dass sie damit offensichtlich eher an ihren erfolgreichen Kurs der Achtziger Jahre und somit auch an die Qualität ihres frühen Sounds anknüpfen wollen, was ihnen meines Erachtens zumindest live durchaus gelungen ist.
Jetzt verstehe ich auch endlich warum alle im Zusammenhang mit Anvil immer von ihrer ausgesprochenen Authentizität sprechen, die neben ihrer wirklich erstklassigen Metal-Mukke einfach einen Großteil der Magie dieser Band ausmacht. Es wäre Anvil zu wünschen, dass es ihnen mit ihrem aktuellen Album nach rund 30 Jahren Musikgeschichte mit ihrer diesjährigen Tour endlich gelingt, die Früchte ihrer harten Arbeit zu ernten. Verdient haben sie es allemal, da sie live sogar in der Lage sind auch genrefremde Zuhörer für ihre Musik zu begeistern. Abschließend kann man wohl sagen, dass ich das Motto des sympathischen Heavy-Metal Trios aus Toronto mittlerweile klar vor Augen habe: "Keep on rockin"!
Überzeugt Euch hier mit dem Video von "Metal On Metal" selbst noch einmal von der unglaublichen Stimmung bei ihrem Live Konzert im Hamburger Knust. Frontmann Steve würde jetzt wieder sagen "That´s fuckin` awesome!"...
Setlist:
March Of The Crabs (Instrumental)
666
School Love
Juggernaut Of Justice
Winged Assassins
On Fire
This Is Thirteen
Mothra
Thumb Hang
White Rhino (Instrumental)
Fukeneh!
New Orleans Voodoo
Metal On Metal
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Forged In Fire
Jackhammer
Running