Apocalyptica

7th Symphony-Tour 2010 - Support: Livingston

28.10.2010 E-Werk / Köln

Von: Shirin K

Apocalyptica Köln

Es war 1997 oder 98, als ich während eines Finnland-Urlaubs mit Freunden auf dem Ankkarock-Festival in Helsinki landete, damals noch umsonst und überschaubar. Wir hatten zufällig von dem Festival gehört und da u.a. Waltari spielen sollte, mussten wir natürlich hin. Doch bevor Kärtsy und Co. dran waren, geschah etwas Sonderbares: Vier junge Männer mit Cellos betraten die Bühne, setzten sich hin und plötzlich brach ein Höllenlärm los. Wir wussten nicht wie uns geschah, nur dass die Finnen um uns herum alle wie wild zu bangen anfingen und langsam erkannten wir es: Die Cellisten, die gerade ihre Instrumente wie wildgewordene Teufel malträtierten, spielten gerade Metallica!! Saatana, wie geil ist das denn?? Bald wussten wir: Das da sind Apocalyptica – und es dauerte nicht lange und die ganze Welt hatte von den vier finnischen Metalcellisten gehört...

Mehr als eine Dekade, mehrere Besetzungswechsel und sieben Alben später im Kölner E-Werk: Die Finnen geben sich wieder die Ehre. Viel hat sich in diesen Jahren getan: Apocalyptica haben sich nicht nur einen sicheren Platz in der Musikwelt erspielt, Gastmusiker und -sänger geben sich bei ihnen die Klinke in die Hand, Drums haben einen festen Platz und schon lange wird nicht mehr nur gecovert, sondern es werden auch eigene Stücke komponiert. Die gesamte Marketingmaschinerie um Apo herum arbeitet professionell und rund um die Uhr. Will man wissen, wie Musiker sich des Web 2.0 bedienen sollten, um so viele Fans wie möglich zu erreichen, sollte man sich eine Scheibe bei den Finnen abschneiden. Es verwundert also nicht, dass an diesem Abend nicht nur Metaller im Publikum sind, sondern Menschen aus allen möglichen Altersgruppen und Musikszenen.

Zur Vorband: Livingston mit ihrer soliden Rockmucke passen natürlich nicht zu Apocalyptica, aber sie sind sympathisch und energetisch, rocken und heizen dem Publikum ein und liefern eine super Show ab. Eine halbe Stunde später betreten dann die Finnen bei gedämpftem blauen Licht und Nebel (die Hölle für Fotografen...) die Bühne, stellen sich breitbeinig mit ihren Cellos auf und lassen das Bild auf die Zuschauer wirken, bevor sie mit "On The Rooftop With Quasimodo" beginnen – einem Stück aus dem aktuellen Album, das mit getragenen und mysteriös anmutenden Streichern anfängt, begleitet von stakkatoartigen Drums und inklusive kleiner Mini-Implosionen. Großartig! Und das ist auch das Motto für den restlichen Abend: Ob Apocalyptica nun einen der Metallica-Klassiker zum Besten geben (und das Publikum lauthals "Seek And Destroy" mitsingt) oder mit "Beautiful" und "Sacra" eine Konservatorium-ähnliche Stimmung heraufbeschwören, bei der andächtig gelauscht wird, es wird immer klar: Hier stehen professionelle Musiker auf der Bühne, die wissen was sie tun.

Frontmann Eicca Toppinen wird nicht müde, die Menge anzustacheln und zum Plattenkauf zu motivieren, und der gothicmäßig zurechtgemachte Perttu Kivilaakso amüsiert das Publikum mit touretteartig aus ihm herausbrechenden finnischen Schimpfkanonaden, deutschen Einsprengseln wie "viel zpass" und "sehrrrr wunderrrbar", hysterischem Gelächter und höflichen Ansprachen. Nur mein Lieblingsapo, Paavi Lötjönen, sagt nicht so viel und zieht es vor, wie wahnsinnig in die Menge zu schauen und die Zähne zu fletschen – statt sich zum Beispiel wie die anderen drei wenigstens auszuziehen (Mist!). Aber so ist es nun mal! Es gibt übrigens noch einen Gastauftritt: Alle Gesangsparts werden von Tipe Johnson übernommen, einem langhaarigen blonden Hünen mit beeindruckenden Oberarmen, der zum Beispiel bei "End Of Me" Gavin Rossdale oder bei "I’m Not Jesus" Corey Taylor am Mikro ersetzt. Nicht unbedingt meins, da ich die instrumentalen Stücke bevorzuge, aber auf jeden Fall besser als der auf Cello nachgeahmte Gesang bei Sepulturas "Refuse/Resist", der sich wie eine furzende Oma anhört, ehem (trotzdem ein geiler Song!)...

Als nach "Hall Of The Mountain King" (ein bombastisches und würdiges Finale!) die Lichter wieder angehen, fühlt es sich an, als sei ich ordentlich durchgerüttelt worden. Es ist ein Wunder, dass an diesem Abend kein Cello draufgegangen ist und dass sich die Musiker bei dieser wilden Streicherorgie nicht die Augen ausgestochen haben!! Ich bin auf jeden Fall froh, als ich wieder im Bett liege und die Füße von mir strecken kann. Hoffe, dass auch die Herren von Apocalyptica an diesem Abend gut genächtigt haben. Saaaaaaatana, war das schön!!!

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