Apparat Band & Owen Pallett @ c/o pop 2011
c/o pop-Konzerte in der Philharmonie sind immer einen Besuch wert! Anders als zu gewöhnlichen Anlässen in der altehrwürdigen Klassikhochburg, zu denen vorrangig Musik von Beethoven, Bach & Co. dargeboten wird, stehen die c/o pop-Events ganz im Zeichen experimenteller Popmusik. Daher versammeln sich auch an diesem Donnerstagabend Hunderte von gut gelaunten urbanen Konzertgängern vor dem Eingang, um in den nächsten drei Stunden neue ungewöhnliche Musikperlen zu entdecken. In einer akustischen Qualität, wie sie in Köln nur die Philharmonie zu bieten hat.
Der erste Act des Abends kommt aus Berlin. Im Zuge seines neuen in diesem Sommer erscheinenden Albums hat Apparat alias Sascha Ring Live-Musiker um sich geschart: die Apparat Band. Dies war eine gute Idee, denn die gleichwohl filigranen wie epischen Songs kommen so wunderbar zur Geltung. Zudem wirkt der Frontmann derart fragil und zurückhaltend, dass seine Mitstreiter dem Szenario mehr Leben einhauchen.
Besonders der Pianist, der zwischendurch gerne Mal zu Gitarren greift, diese kurzerhand auf den Boden wirft, um wieder in die Tasten zu hauen, wirkt bangender Weise sehr energetisch auf das Konzertgeschehen ein. Erst recht, wenn sich auch der Drummer nach anfänglicher Zurückhaltung stärker in das Geschehen einmischt und phasenweise ein Drumgewitter aufblitzen lässt. Doch vorrangig bestimmen feingewebte Klangteppiche die Musik des Berliner Lockenkopfs, der seine klare Kopfstimme häufig loopt und mit minimalistischen Einsätzen seiner E-Gitarre untermalt. Insgesamt hinterlässt Apparat einen überzeugenden Eindruck, was wohl kürzlich auch das legendäre Mute Label (u.a. Depeche Mode, Nick Cave and the Bad Seeds) dazu veranlasst hat, ihn unter Vertrag zu nehmen.
Viel mehr noch als bei Apparat bestimmt das Loopen die Musik von Owen Pallett, der nach der Pause die Bühne betritt. Der 32jährige Indie-Pop-Maestro hat nicht nur unter seinem (mittlerweile abgelegten) Projektnamen Final Fantasy weltweite Erfolge gefeiert, er ist klassisch ausgebildeter Geiger und arbeitete eng mit Bands wie Beirut und Arcade Fire zusammen, für die er diverse Streicherarrangements schrieb.
Über eine Loop-Station (eine Art Sampler, der mit den Füßen kontrolliert werden kann) kann Pallett den Ton seiner Violine zeitversetzt abspielen, sodass er verschiedene Teile seiner Stücke simultan spielen kann. Gleiches gilt für die Pianoklänge, die er unter die Geige mischt. Bereits zu Anfang des Konzerts macht er intensiv davon Gebrauch. Er zupft an den Saiten, spielt das Aufgenommene ab, schwingt den Bogen, legt dies über das Gezupfte, schlägt neue Töne an, vermischt dies wieder mit dem Rest, loopt parallel das Keyboard und so weiter... Damit erschafft Pallett sein eigenes Orchester, obwohl er lediglich von seiner Geige, dem Keyboard und dem Loop-Pedal Gebrauch macht. Dabei stehen doch noch andere Instrumente wie ein Schlagzeug und ein Bass auf der Bühne.
Eine Zeitlang schöpft so mancher Gast den frohlockenden Verdacht, dass Pallett auch diese Instrumente in sein Loop-Universum einbauen wird. Schlagzeugset – Loop – Gitarrenset - Loop – Geigenspiel – Loop – Keyboard-Klänge – Loop und dazu Palletts schöne Stimme: Eine einzelne Person füllt jeden Millibar der Philharmonie mit musikalischem Bombast! Doch leider zerplatzt diese Traumblase jäh, als zwei Mitmusiker die Bühne betreten. Nichts gegen die Musiker, aber deren Anteil am Gesamtgeschehen ist so verschwindend gering, dass man sie auch gleich hätte weglassen können. Den Bassisten – oder besser gesagt – Statisten hört man überhaupt gar nicht und der Schlagzeuger darf nur in ganz seltenen Fällen die Sticks schwingen.
Man kann Owen Pallett getrost als Gesamtkunstwerk bezeichnen. Er ist ein virtuoser Instrumentalist, ein hervorragender Sänger und ein omnipräsenter Frontmann. Seine Musik – und hier insbesondere der Songaufbau – wird jedoch derart stark von seinem Geigenspiel geprägt, dass es seiner Musik zum Vorteil gereichen würde, andere Instrumente und somit seine Musiker mehr zur Geltung kommen zu lassen. Mehr wäre diesmal mehr gewesen!