Tour 2010 - Support: Mystery Jets
So genannte periodische Kometen werden nach ihren Umlaufzeiten in lang- und kurzperiodische Kometen eingeteilt. Zumindest für einen gewissen Zeitraum bewegen sich diese Himmelskörper in jener Umlaufbahn um die Sonne. Mit jedem Umlauf verlieren sie allerdings auch einen kleinen Teil ihrer äußeren Schicht, so dass sie nach einigen Umläufen kaum noch als Kometen zu erkennen sind. Irgendwann brechen sie auch aus dieser Umlaufbahn aus und verlassen das eigene Sonnensystem. Adaptieren könnte man diese Beschreibung schon auf die Arctic Monkeys. Ihr Aufstieg ist, wie es im Volksmund oft beschrieben wird, kometenhaft.
Zumindest innerhalb einer bestimmten Musikszene. Was mit einigen im Internet kursierenden Songs 2005 begann, wurde bereits ohne Single geschweige denn Album, zur "alternativen" Erfolgsgeschichte. Die Umlaufbahn dieser fünf Jungs aus Sheffield im Norden Englands war ähnlich der der Libertines, Franz Ferdinands und Maximo Parks. 2006 kam dann das erste Album "Whatever People Say I´ Am That´s What I´ m Not" und ging innerhalb von kurzer Zeit in die UK Charts. Sie rotierten so schnell auf dieser Umlaufbahn, dass sie recht schnell ihre äußere Schicht zu verlieren drohten und nach dem zweiten Album "Favourite Worst Nightmare" 2007 verordnete sich die Band dann eine Auszeit. Da waren sie alle grade mal um die zwanzig Jahre alt. Ein weiteres Teilchen verloren die Arctic Monkeys zu dieser Zeit mit ihrem Bassisten Andy Nicholson, der durch Nick O´Malley ersetzt wurde.
Mit dem letztjährig veröffentlichten Album "Humbug" sind die jungen Briten wohl jetzt aus dem alten Sonnensystem ausgebrochen und in Richtung Wüstenplanet unterwegs. Die zehn neuen Songs wurden nämlich unter väterlicher Obhut, des in Alternative-Kreisen omnipräsenten Josh Homme (Queens Of The Stone Age, Them Crooked Vultures) in dessen Studio Rancho de la Luna in der kalifornischen Wüste eingespielt. Die Quintessenz daraus sind, im Vergleich zum teilweise durchgängigen Hochgeschwindigkeitstakt der ersten beiden Tonträger, mitunter schleppende schwere Riffs, welche den Wüstensand in das jugendliche Punk-Getriebe streuen.
Das kometenhafte Leuchten ist nun also am heutigen Dienstag in der Stadthalle Offenbach zu sehen und im Verlauf des Abends wird klar, dass vom Wüstensand im Getriebe nicht viel übrig ist, denn nach knapp 85 Minuten ist der rasante Ritt auch schon vorbei. Vom neuen Album werden nur Stücke ausgewählt, welche mit der eigenen Vergangenheit flirten und die neue Langsamkeit, der Aufbruch in ein anderes Universum kann nur ansatzweise erahnt werden. Der Blick in die Publikumsreihen lässt der Vermutung Raum, dass das Durchschnittsalter an diesem Abend nicht wesentlich über dem der Bandmitglieder liegt.
Um pünktlich 20:00 Uhr schlurfen die Mystery Jets auf die Bühne und spielen eine dreiviertel Stunde ihren gefälligen Indie – Pop – Rock. Den Charme einer Schülerband können sie im Verlauf ihres Sets nicht loswerden. Nach einer quälend langen Umbaupause entern um ca. 21:20 Uhr die Arctic Monkeys die Bretter der Bühne. Schon während der Umbaupause herrscht vor derselben ordentliches Gedränge im Innenraum und so bleibt es den kurzen Abend über auch.
Aus den Nebelschwaden schälen sich die mittlerweile langhaarigen jungen Briten unter Donnergrollen heraus und Matt Helders an den Drums schickt die ersten Schläge wie Gewehrsalven in den schwülheißen Raum. Links und rechts im Innenraum am Rand der Bühne stehen senkrechte Leinwände, die jeden der Musiker wie in einem Höllenfeuer aus der Menge ragen lässt. Stakkato-Gitarrenakkorde und ein Gesang der hektische Wortfetzen über die schweißnassen Köpfe der Zuschauer feuert. Die Crowd bebt schon zu Anfang und der zappelnde Rhythmus eines "This House Is A Circus" peitscht durch die feuchte Luft. Wie in einem roten Lavastrom abgefeuerter Riffs wogt die Zuschauermenge hin und her. Immer wieder Breaks. Dann Feedbackgewitter. Es geht straight voran im Hochgeschwindigkeitstakt mit Nummern wie "Still Take You Home" und "Potion Approaching". Hier lassen sich die Einflüsse von Josh Homme dunkel erahnen, mit den eingestreuten Licks aus der Wüste und dem bluesigen Ausklang. Endlich die erste kurze verbale Kommunikation mit dem Publikum. Mit "Red Right Hand" folgt ein Nick Cave Cover. Die Leinwände wechseln die Farben bei jedem Song, die Schlagzeugwucht scheint gleich.
Kurzzeitig wird es ein wenig ruhiger mit "Crying Lightning". Im Bereich der Türen findet ein erstaunliches Kommen und Gehen statt, so als wolle jeder kurz nach Luft schnappen. Sauerstoff ist in der Halle mutmaßlich kaum mehr vorhanden. "The View From The Afternoon" und natürlich ein "I Bet You Look Good On The Dancefloor" sind bezeichnend für die musikalische Ausrichtung des Abends. Die Maschinerie darf nicht ins Stocken geraten. Man ist nicht zufällig hier und aufgrund der überschaubaren Bandhistorie im Zeitraffer sind alle Anwesenden Fans der ersten Stunde. Sie werden bedient. Volles Brett. Keine Verschnaufpause. Spätestens jetzt wünscht man sich dann aber doch mal einen Stop und etwas weniger Prügel. Kein InterCityExpress der durch die Gehörgänge fegt und der Wunsch wird mit "Cornerstones" auch erhört.
Frontmann Alex Turner blickt tief in sich hinein und singt aus den Tiefen seines Bauchs so etwas wie eine schöne Melodie. Da ist das alles wieder britisch und arrogant. Der Gesang schunkelt sich zum ersten Mal durch die Halle und pflückt die Herzen der jungen Mädchen wie Blumen. "Do Me A Favour" nimmt nochmal kurz das Tempo etwas raus, aber bis zu diesem Zeitpunkt bleibt der Eindruck von einem durchweg bis zum Anschlag getretenen Gaspedal und die Zuschauer im Geschwindigkeitsrausch. Alex Turner kann aber auch mal innehalten wie mit 20 Jahren Bühnenerfahrung, nach einem Part nur er und seine Gitarre. Gleißendes Licht und der Hauch von Psychedelic, getragen von einem Orgelsound, ist dann doch mal anders. Und um 22:30 Uhr ist dann aber auch erstmal Schluß.
Leinwände aus. Zwei Zugaben gibt es noch. Die wenigen ruhigeren Momente bleiben am Ende hängen, der Rest ist irgendwie vorbeigerauscht. Die neue Vielschichtigkeit des aktuellen Albums "Humbug" wurde nicht auf die Bühne transportiert und es dominierte die bekannte hektisch flirrende Energie. In den Songs der Arctic Monkeys steckt aber schon bei aller Brachialität auch eine grosse Pop–Sensibilität und Turner ist ein guter Sänger. Das ist junger Rock´n´Roll: wild, laut, schnell und mit ausgestrecktem Mittelfinger. Der Mehrzahl der Anwesenden dürfte es gefallen haben und wahrscheinlich hatten die ohnehin nicht mehr die Puste für noch weitere Songs.
Vor der Stadthalle steht einer mit verstärkter Akustikklampfe, hat im Halbkreis einige junge Mädchen um sich geschart und kräht Oasis´ "Wonderwall" in den eiskalten Abend hinaus. Das waren noch Zeiten.
Setlist:
Dance Little Liar
Brianstorm
This House Is A Circus
Still Takes You Home
Potion Approaching
Red Right Hand (Nick Cave)
My Propeller
Crying Lightning
Catapult
The View From The Afternoon
I Bet You Look Good On The Dancefloor
Cornerstone
If You Were There Beware
Pretty Visitors
Do Me A Favour
When The Sun Goes Down
Secret Door
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Fluorescent Adolescent
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