The Metal Opera Comes To Town - Tour 2010
"Avantasia? Was soll das denn sein? Metall-Aschenputtel?", fragte mich der Musikfreund, da ich vom bevorstehenden Konzertbesuch erzählt hatte. Es ist noch gar nicht lange her, da mich ähnliches bei der Nennung des Namens beschlichen hat, daher kommt die Erklärung nun wie auswendig gelernt: "Das ist ein Metal-Oper-Projekt des Edguy-Sängers Tobias Sammet, der dazu alles an Sangeskunst ins Studio lockt, was Rang und Namen hat!". Das Konzert spiegelt dies in voller Pracht wieder, aber dazu später.
Wehenden Wetterwidrigkeiten getrotzt (Quattro `89 sei Dank!) und mit einer Reisezeit von zwei Stunden inklusive Tanken, Banken und amerikanischer Brotzeit von Bonn nach Essen gekommen. Erster Eindruck: das Parkleitsystem weist den Weg zu Tobias Sammet (wie man hier in unserer Fotostrecke sehen kann). Geparkt, es ergießen sich breite Publikumsströme in die Grugahalle. Hier bin ich am 20.10.1988 zu meinem ersten Helloween-Konzert gepilgert und habe noch die Unterschriften der Band auf Kutte und Bettlaken-Fahne abgreifen können. Zwei der Götter von damals werden heute wieder auf der Bühne sein: Michael Kiske und Kai Hansen. Aber zuvor: Pressepass, Jacke weg, Bier rein. Fein. Beide Sätze kein Verb, heute mal egal.
Hoch in die Halle, beschleichen mich Erinnerungen. Kann man so jung gewesen sein? Nie im Leben! Eine schöne große Bühne steht dort, minimalistisch dekoriert, ein großes Hintergrundbild – das "Scarecrow"-Cover von 2008. Jasmin leiht mir ihre Kleinbildkamera, vielleicht kann ich ja ein brauchbares Foto erhaschen, einen Versuch ist’s wert. Den Chef wird’s hoffentlich freuen. Vorn an der Bühne versammelt, geht es zehn Minuten nach Tagesschau-Ende los – auch Musiker sind mündige Bürger. Fix in den Fotograben, fühle ich mich wie der Smart-Fahrer auf der Autobahn – leicht unterversorgt. Trotzdem, zwei, drei Bilder geben das Gesehene annähernd wieder. Die Setlist findet ihr unten, es ist ein Fest!
Auf der Bühne stehen Sänger, die beeindrucken, zwei davon spielen dazu noch richtig fett Gitarre, das Konzert ist absolut sehenswert. Tobias Sammet reißt den Großteil der Show herunter, als hätte er nie etwas anderes getan, freut sich aber immer noch als kleiner Fuldaer Junge, mit den Größen des Metal-Zirkus auf der Bühne stehen zu dürfen. Und was für Größen: Bob Catley, der Sänger von Magnum, Jørn Lande einer der live-tauglichsten Metal-Sänger dieses Planeten (Malmsteen, Masterplan, Jorn), Michael Kiske, der als Sänger von Helloween die deutsche Power-Metal-Era eingeläutet hat, Kai Hansen, der Kopf (Gitarrist, Sänger, Songschreiber) und Visionär von Helloween, der den deutschen Metal geprägt hat wie kein Zweiter, Oliver Hartmann (At Vance, diverse Gasterscheinungen) und last but absolutely not least Amanda Somerville (hat diese Frau eine Stimme!), die bei so vielen Produktionen schon als Gast aufgetreten ist (Kamelot, Avantasia, Epica usw.). Die Band besteht aus Sascha Paeth (git), Oliver Hartmann (git), Robert Hunecke (bass), Miro Rodenberg (keyboards) und Felix Bohnke (drums). Sie spielen auf den Punkt, es ist ein Fest!
Bob Catley legt sich bei seiner ersten Nummer einmal kräftig lang, er kam schon etwas wackelig herein, Nervosität, warum auch immer. Er singt aber weiter, selbst als er auf dem Rücken käfergleich gelandet ist, the show must go on. Später entschuldigt er sich dafür: "Sorry for falling over, you know it happens, that’s rock’n roll". Kiske, der mit Wollmütze auftritt, hat zu Anfang einen Texthänger, wird im Laufe des Songs noch einmal von Tobias Sammet zu seinem Einsatz eingezählt, aber der Mann hat einfach eine unglaubliche Stimme. Herr Kiske spielt dafür am Anfang von "Avantasia" kurz mal Pinguin. Wo wir gerade bei Fehlerchen sind, auch Sammet singt bei "Sign Of The Cross" die erste Strophe doppelt. Bob vergisst am Schluß noch eine ganze Zeile, aber es ist sowas von egal. Es ist Rock`n Roll! Und: Bob kann Schellenkranz rasseln wie kein Zweiter. Den beeindruckendsten Auftritt reißt jedoch unbestreitbar Kai Hansen als Zwerg an sich ("Death Is Just A Feeling"). Er kommt mit Zylinder und Gehstock, schreitet die Treppe herab, dass Harald Juhnke und Ute Lemper (hatte die Beine!) blass geworden wären, und obwohl er nie als Deutschlands bester Sänger gelten wird, nimmt er das Publikum derartig mit, dass ein richtiger Ruck durch den Saal geht: "Essen? Jetzt ihr: Death isÂ…" - und ich sehe keinen, der nicht dabei ist. Später singt er noch den Part von Alice Cooper in "The Toy Master", bei den letzten Stücken spielt er Gitarre und man wünscht sich fast, noch eine Helloween-Nummer hören zu dürfen.
Tobias Sammet bedankt sich für den Besuch der 2010er Tour, die vielleicht die letzte Avantasia-Tour sein könnte und stellt am Schluß die kleine Crew (sechs Leute) vor, trotz der Sorge, man würde ihm im Internet Viellaberei vorwerfen. Könnte man, aber um ein Super-Team vorzustellen, muss Zeit sein. Als nach vier Zugaben Schluß ist, verübelt es ihnen niemand. Es war ein Metalfest! Kommt wieder, nicht nur nach Wacken.
Setlist:
Twisted Mind
The Scarecrow
Promised Land (mit Jorn Lande)
Serpents In Paradise (mit Jorn Lande)
The Story Ain't Over (mit Bob Catley)
Reach Out For The Light (mit Michael Kiske)
The Tower (mit Michael Kiske)
Death Is Just A Feeling (mit Kai Hansen)
Lost In Space
In Quest For (mit Bob Catley)
Runaway Train
Dying For An Angel (mit Michael Kiske)
Stargazers (mit Michael Kiske, Oliver Hartmann)
Farewell (mit Amanda Somerville)
The Wicked Symphony
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The Toy Master (mit Kai Hansen)
Shelter From The Rain (mit Michael Kiske, Bob Catley)
Avantasia (mit Bob Catley)
Sign Of The Cross (großes Finale mit allen)