Aviv Geffen

Tour 2009 - Special Guest: Steven Wilson von Porcupine Tree

20.01.2009 Luxor / Köln

Von: Shirin K

Aviv Geffen Köln

Was macht eine iranische Atheistin auf dem Konzert eines israelischen Juden? Klar, gute Musik anbeten! In seinem Land ist Aviv Geffen schon seit über einer Dekade ein Star und noch mehr, denn er setzt sich vehement für den Frieden zwischen Palästina und Israel ein. Grund für sein Engagement ist nicht zuletzt die Tatsache, dass er 1995 hautnah beim Attentat auf den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Izchak Rabin dabei war. Geffen hatte nach seinem Auftritt auf einer Kundgebung in Tel Aviv gerade Rabin umarmt, als dieser erschossen wurde. Dieses traumatische Erlebnis ist seither der Motor, der den 35-jährigen antreibt. Mit wechselnden Kostümen, starker Schminke und Songs über Drogen, Gewalt, Kriegsdienstverweigerung und Homosexualität im Gepäck provoziert der David Bowie Israels seine Landsleute wo er nur kann. Und wird dafür gleichermaßen geliebt und gehasst.

In Deutschland ist Geffen eher unbekannt. Der eine oder andere Progrocker, der das Side-Projekt „Blackfield“ von Porcupine Tree-Mastermind Steven Wilson kennt, wird wissen, dass Geffen die andere Hälfte von Blackfield ist. Da Wilson Geffen auf dieser kleinen Europa-Tour begleitet, wundert es mich kaum, dass an diesem Abend im voll gestopften Kölner Luxor viele Menschen mit Porcupine Tree T-Shirts unterwegs sind. Man hat ja doch die vage Hoffnung, auch ein paar Blackfield-Songs zu hören zu bekommen. Diese Hoffnung wird – soviel darf man verraten – nicht enttäuscht. Es sei an dieser Stelle gesagt, dass noch etwas anderes hoffen lässt, nämlich die Tatsache, dass unheimlich viele junge Menschen anwesend sind. In Zeiten von Britney Spears und Bushido ein beruhigendes Gefühl.

Zunächst gibt es aber eine sympathische Band namens Neuser auf die Ohren, genauer gesagt gibt es nur die halbe Band mit einem Semi-Acoustic-Set zu sehen. Sänger/Gitarrist Henning Neuser und Keyboarder Philipp Sutter bieten einen kleinen, recht kurzweiligen Mix aus Balladen und angerockten deutschsprachigen Songs. Gar nicht mal so übel, zumal die meisten Songs ordentlich Ohrwurmqualität haben. Die Texte sind hier und da etwas trivial, was aber den Vorteil hat, dass man recht schnell mitsingen kann. Hörenswert finde ich besonders die Songs „Neu anfangen“ und „Down Under“, die man sich auch auf ihrer Myspace-Seite hören kann. Wie gesagt, keine Konkurrenz für Geffen, aber gute Wahl als Vorband.

Eine kleine Wartezeit muss noch überbrückt werden (was etwas schwer ist, da ein Herr hinter mir meint, zwanzig Minuten lang am Stück betonen zu müssen, dass Wilson sein Gott sei…). Die Erlösung von der Logorrhoe kommt dann als Mister Gott und sein Nebengott Geffen die Bühne betreten: Wilson wie immer barfüßig, Geffen überraschenderweise ungeschminkt und mit mehreren Peace-Zeichen um Hals, auf Gitarre usw. Was beginnt, sind 70 Minuten absolute Glückseligkeit!! Wer einen Stock im Arsch hat, muss diesen spätestens jetzt rausziehen, denn an diesem Abend gibt es keinen Platz für doofes Herumstehen. Dieser Abend ist der Abend der großen Gefühle.

Die Solo-Sachen von Geffen sind mir fast ganz unbekannt, aber das ist kein Problem, denn mehr als die Hälfte der an diesem Abend gespielten Songs sind – juche juche – Blackfield-Songs. Und so jagt mich (und ich bin ziemlich sicher auch alle anderen im Publikum) eine Gänsehaut nach der anderen. Ob das übermelancholische „Miss U“ uns Tränen in die Augen treibt oder „Pain“ uns das Herz in Stücke zerreisst, wir sind einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt und die Götter kennen kein Erbarmen.

Geffen und Wilson, die privat auch befreundet sind, sind einfach ein Dreamteam. Was an diesem Abend besonders überzeugt, ist die absolut warme und einlullende Stimme von Geffen, die mich stark an Martin L. Gore von Depeche Mode erinnert und meines Erachtens schöner zu den Blackfield Songs passt als Wilsons etwas dünne Stimme. Auch das Orchestrale und Pathetische der Musik erinnert ein wenig an Depeche Mode in ihrer mittleren Schaffensphase. Progressive Elemente werden Fans von Porcupine Tree und Co. eher selten finden, trotzdem besitzt jeder Song eine Komplexität und Tiefe, von der sich mancher Popmusiker eine Scheibe abschneiden könnte. An diesem Abend beweisen Geffen und Wilson, die einige Songs teilweise gemeinsam singen, dass man auch mit leisen Tönen rocken – naja, eigentlich poppen – kann...

Meine persönlichen Highlights sind neben den schon erwähnten Songs noch das fantastisch epische „It’s The End Of The World“ (Schunkel- und Apokalypse-Stimmung zugleich) und die Songs „Berlin“ und „The One“, die hoffentlich auf dem bald erscheinenden Album von Geffen zu hören sein werden. Ersteren hat Geffen laut eigener Aussage für ein Mädchen aus Berlin geschrieben, in das er sich verliebt hatte. Apropos Mädchen: In Israel ist Geffen nebenberuflich auch Sexsymbol und der Traum einiger kleiner Mädchen und Hausfrauen. Nicht ganz nachvollziehbar, denn als sich Geffen im Sturm der Gefühle das Hemd auszieht, kommt ein ziemlich schmächtiges Hühnerbrüstchen zum Vorschein (so schnell stürzen Sexgötter wieder ab…).  Nun ja, wir sind ja nicht zum Gaffen da. Sondern zum Geffen. Hihi.

Als Zugabe spielt der Sänger übrigens seinen Song „Heroes“, dem er angesichts der angespannten Lage im Nahen Osten eine Friedensbotschaft und seinen Lieblingsspruch, dass er nicht an „smart bombs“ sondern an „smart people“ glaube, vorausschickt. Der Text ist, fragt man mich, ein wenig peinlich, aber das liegt wohl in der Natur der Sache. Wenn Menschen sterben, klingt alles schal. Fazit: Trotz Hühnerbrust und an Schülerdemo erinnernde Friedensansprache: We want more!!!!!!!

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