Sommernachtstour 2009
Das Wetter konnte nicht besser sein – und das Ambiente im Trierer Amphitheater ist einfach einzigartig. Freitags waren noch die Mittelalterrocker von In Extremo vor Ort und verbreiteten düstere Stimmung unter wolkenverhangenem Himmel. Der Samstag aber ließ für BAP die Sonne lachen und Wolfgang Niedecken zeigte sich vom ersten Ton an gut gelaunt. Zuerst musste er sich entschuldigen, dass man aufgrund der Trierer Lärmschutzverordnung "nur" drei Stunden spielen dürfe – doch das konnten alle Besucher locker verkraften.
Die Stimmung hatte schon etwas Beschauliches. Gut 3000 Freunde der kölschen Rockmusik waren erschienen. Und wenn ich mich so umschaute, war die Gruppe der Mittvierziger deutlich am stärksten vertreten. Das junge Publikum ist BAP langsam aber sicher abhanden gekommen. Stattdessen sehe ich nun einen alternden Rocker vor mir, der erst seine Kippe auf den Boden schmeißt, cool austritt und sich dann bückt, um sie aufzuheben und in den nächsten Mülleimer zu bringen. Die Hinweise von wegen "Ehrfurcht vor der antiken Stätte" haben also gefruchtet. Hoffentlich wird der ganze Abend nicht zu antik...
Nach dem musikalischen Wehmuts-Intro "Zo Foos noh Kölle" geht es zunächst einmal locker flockig mit dem altbekannten "Nemm mich met" los. Niedecken erläutert sinnend, dass es im Set viel ums Reisen und ums Träumen gehen wird. Die Songs des aktuellen Albums "Radio Pandora" passen gut zu dieser Thematik. Und mir wird schmerzlich bewusst, dass ich seit 13 Jahren kein Album der Band mehr wirklich intensiv gehört habe. Das geht wohl nicht nur mir so, denn um mich herum spüre ich auch eine zwar wohlwollende, doch insgesamt eher abwartende Haltung. Erst Geigerin Anne de Wolff lässt ein Raunen durch die Menge gehen. Merkt man doch, dass ein hübsches weibliches Gesicht zwischen den Herren noch gefehlt hat. Geige spielen kann sie übrigens auch – und wenn die Arrangements ihr (wie in "Novembermorje" und "Souvenirs") genügend Raum geben, beherrscht sie selbstsicher ihre Seite der Bühne.
Mitsingstimmung gibt es erstmals wieder bei "Wellenreiter", dann beim rockigen "Aff un zo" und dem mit kölschen Weisheiten gespickten "Et ess wie’t ess". Niedecken betont einmal mehr, wie er sich in Trier zuhause fühlt, und freut sich, dass seine Sprache hier ohne Weiteres verstanden wird. "Als wäre ich gar nicht von Kölle weg", sagt er unter großem Applaus. Der wird noch stärker, als sich aus einer zunächst unbekannt erscheinenden Soundkulisse "Kristallnaach" herausschält. Die größten Klassiker werden mit zum Teil stark veränderten Arrangements gespielt. Schade eigentlich, wenn auch verständlich. Es sind neue Musiker mit einer anderen Herangehensweise. Das Publikum versucht immer wieder laut klatschend, der Band seinen eigenen Rhythmus aufzudrängen, doch die alten Hasen lassen sich nicht irritieren. Später, bei "Verdamp lang her", werden sie sich genau so durchsetzen.
Irgendwie ist das ganze Konzert eine Form des Hangelns von Hit zu Hit mit langen Zwischenpassagen unbekannter Stücke, durch die ich mich durchkämpfen muss. Aber gar nicht negativ – BAP haben ihre Fähigkeit des Songschreibens beileibe nicht verloren und liefern großartige Musik ab. Es ermüdet nur auf Dauer, wenn man die Stücke nicht kennt. So kocht die Gladiatoren-Arena dann wieder bei "Alexandra", "Deshalv spill mer he" und dem Dylan-Cover "Hurricane", das stilgerecht mit Violine begleitet wird.
Zum Ende hin wird’s rührselig. "Bahnhofskino" ist der perfekte Song zum melancholischen Wegträumen. Und die gänsehauterzeugende Version von "Du kanns zaubre" mit dezenter Streicherbegleitung wird kurz vor Schluss zum Höhepunkt des Abends. Das Konzert endet nach drei Stunden mit "Für immer jung". Die Band hat sich musikalisch deutlich verjüngt. Von der alten Garde ist neben Niedecken nur noch Jürgen Zöller mit dabei. Zusammen bieten sie den perfekten Sommernachtstraum, für den das Trierer Amphitheater eine Kulisse bietet, wie sie perfekter nicht sein kann. Wollen wir hoffen, dass die Stadt auch im Jahr 2010 wieder Konzerte in diesem Ambiente zulässt. Leider steht dies aus Lärmschutzgründen immer wieder auf der Kippe – dabei war das, was BAP hier geboten haben, nun alles andere als Lärm.