Ben Becker

Der Ewige Brunnen (Lesung)

30.03.2010 Staatstheater Darmstadt / Darmstadt

Von: Pascal Kraus

Ben Becker Darmstadt

Der Künstler Ben Becker ist weitläufig als Schauspieler bekannt, weiß allerdings seit vielen Jahren auch in diversen anderen Projekten wie Lesungen, musikalischen Performances, als Autor und mit audiophilen Veröffentlichungen zu überzeugen. Am heutigen Abend wirft er dem Publikum Balladen und Lyrik aus 400 Jahren entgegen und pustet mit seinem Bass mal kurz die dicke Staubschicht von diesen existentiellen Texten.

Inspiriert durch eine alte Tradition aus seinem Elternhaus, wo alljährlich zu Weihnachten von Freunden und Gästen unter anderem auch häufig die alten deutschen Balladen vorgetragen wurden, hat Ben Becker eine Auswahl aus der vor über 50 Jahren durch Ludwig Reiners zusammengestellten Sammlung deutscher Dichtkunst "Der Ewige Brunnen" an Texten für diesen Abend ausgewählt. Diese Texte hat er noch um andere Gedichte und Songs erweitert, welche er persönlich als passend empfand. Sie dürfen dann auch durchaus zeitgenössischer Art sein und fügen sich nahtlos in den Kontext ein.

Auf der dunklen Bühne steht ein Holztisch, ein Holzstuhl und ein Glas Rotwein. Dann noch das Klavier, an welchem den ganzen Abend lang Beckers langjähriger musikalischer Weggefährte und Freund Yoyo Röhm stoisch sitzt und dramaturgisch geschickt die Texte durch das "Große Haus" des Staatstheaters Darmstadt klingen lässt. Die gesamte Inszenierung kommt fast gänzlich ohne ausschweifende Theatermittel aus, denn Becker braucht kein Bühnenbild oder Orchester im Hintergrund. Seine Bühnenpräsenz ist drastisch, erfüllt den gesamten Saal und gleich zu Beginn gräbt sich der ganze Leib bebend durch die Texte vor ihm, in drängender  Körperlichkeit. Der rechte Arm holt immer wieder Schwung, um sich mit geballter Faust und über den Textblättern auf dem Tisch zu erheben. Wortgewaltig schlüpft Ben Becker in die Rollen der Figuren in den Stücken. Wimmernd liegt er in seines Vaters Armen und der Erlkönig grollt. Akzentuiert trägt Yoyo Röhm den Klang der eindrucksvollen Stimme durch die Balladen. Becker weint, er zürnt, er schaudert und schreit. Manchmal flüstert er. Bleischwer bohren sich die Anschläge der Tasten in die Herzen. Die Intensität ist sichtbar, die tiefe Stimme nimmt den Raum ein. Es schwebt der Geist des Dichterfürsten Goethe durch das Große Haus und der Regen aus tiefschwarzer Nacht peitscht neben dem Vater mit seinem Kinde auch an diesem Abend den Zuhörern ins Gesicht.

Die tiefe Traurigkeit und Melancholie der Gedichte wird aber immer wieder aufgelockert, wenn Becker sie selbst der Ernsthaftigkeit beraubt, zwischendurch aus dem Nähkästchen plaudert, von der Familie erzählt, Tour Anekdoten zum Besten gibt und überhaupt rege Konversation mit dem Publikum stattfindet. Sein kehliges herzhaftes Lachen und Brummen fährt ebenso durch Mark und Bein wie sein Schmerz. Er greift sich an diesem Abend auch umklammernd das Mikrofon und sendet "Übers Meer" aufrichtig mit berührendem Gesang Rio Reisers liebesschwere Sehnsüchte. Dies geschieht in einer Waits´schen Attitüde, die ihm durchaus gut zu Gesicht steht.

Fontanes "John Maynard" lässt sein Leben hinterm Steuerrad gen Buffalo und "Nis Randers" von Otto Ernst wird fast zum Mittelpunkt der Lesung. Nach gut zwei Stunden ist dieser intensive Abend vorbei und solange es Menschen wie Ben Becker gibt, geraten diese Schätze aus Worten bestimmt nicht in Vergessenheit. 

Twitter

Amazon, Musicload, Napster & AOL-Download

Amazon.de Musicload

Mehr zum Thema:

Musicheadquarter Twitter RSS Feed abonieren! Musicheadquarter bei Facebook
Tickets Night Of The Prog Festival
Digg Reddit Del.icio.us Facebook Twitter Google Yahoo! MyWeb Furl" BlinkList Technorati Mixx Windows Live MySpace Mister Wong
The Love Bülow