Tour 2006
Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten – manchmal auch 120. Gut, und ab und an gibt es sogar noch Elfmeterschießen. Jedenfalls findet es immer innerhalb klar festgelegter Regeln statt. Solchen Regeln sind Musiker nicht unterworfen, aber auch sie geben ihren Darbietungen einen bestimmten Rahmen. Selbst Ben Harper, der sein Set von Abend zu Abend variiert, beendet sein Programm äußerst verlässlich mit der zweiten Zugabe und dem Closer „Better Way“. Wer hätte gedacht, dass er ausgerechnet in einer nur zur Hälfte gefüllten und mit mattgrauen Vorhängen verkleinerten Philipshalle mit dieser Gewohnheit bricht und den Abend zu einem besonderen macht.
Man muss sich das einmal vorstellen. Ben Harper ist gemeinsam mit seiner Band den Innocent Criminals fast seit Jahresbeginn auf Tour. Nach Promotion-Auftritten in Frankreich, Deutschland und den USA führte sie ihr Weg über die Bühnen Australiens und Japans nach Europa, dann zurück in die Staaten, um diese extensive Art der mehrfachen Weltumrundung in Deutschland und Frankreich abzuschließen. Was kann man als Fan da noch erwarten? Ein munteres Sextett, das vor Spiellaune nur so sprüht und ein über zweieinhalbstündiges Konzert mit drei Zugaben abliefert? Ja!
Um kurz nach halb neun eröffnet die Band den Abend mit „Both Sides Of The Gun“, einem zentralen Stück aus Ben Harper´s aktuellem und gleichnamigen Doppelalbum. Reggae-Fans kommen schon im Anschluss mit „With My Own Two Hands“ auf ihre Kosten. Die Slide guitar erlebt ihren ersten beeindruckenden Einsatz in „Wicked Man“, dem eine bezaubernde Version von „Don´t Take That Attitude To Your Grave“ folgt. Eine riesige Videoleinwand hinter der Bühne zeigt abwechselnd Livebilder der Band, stimmungsvolle Grafiken oder auch aktuelle Videos, wie das zu „Morning Yearning“, welches von minimalistischer Schönheit ist und den Song wundervoll ergänzt. Diese ruhigen Momente werden eingerahmt von Energie geladenen Krachern, wie „Ground On Down“ und „Faded“, bei denen die Slide guitar zeigen kann, was ein Virtuose aus ihr herausholen kann. Da kann die dezent gespielte Leadgitarre von Michael Ward nur neidisch drein blicken. „Mensch Michael, geh doch mal aus dir raus!“ möchte man dem schüchtern wirkenden neuesten Mitglied der Innocent Criminals gerne zurufen. Aber womöglich ist seine Zurückhaltung die beste Art, um den charismatischen Frontmann und dessen grandiosen Bassisten Juan Nelson voll zur Geltung zu bringen. Ben Harper sagte bei seinem letzten Auftritt im Stadtgarten in Köln über seinen langjährigen musikalischen Weggefährten: „There are bass players ... and there is Juan Nelson“ womit er dessen einmaliges Können zurecht hervorhob. In „Black Rain“, dem letzten Song des Hauptsets, bekommt auch Düsseldorf einen Geschmack davon. Juan Nelson solo – allein das wäre schon Abend füllend.
Der Sound ist am heutigen Abend vorzüglich. Sollte man in der Philipshalle öfter mal die grauen Vorhänge herunterlassen, um die leeren Ränge zu verdecken? Nein, daran liegt es wohl nicht. Ben Harper spielt im ersten Zugabenteil ein Akustikset, bei dem das schon altbewährte „Walk Away“ herausragt. Fans, die den Kalifornier regelmäßig bei dessen Auftritten besuchen, müssen nicht mehr von dessen Gesangeskunst überzeugt werden. Ihre unbekannte Variable besteht vielmehr im Verhalten des Restpublikums: Wie leise und respektvoll lauscht es diesmal dem Part der ganz ruhigen Töne? Bis auf ganz wenige Dauerquatscher und Plastikbecherzertreter ist es sehr ruhig und aufmerksam. Ben Harper weiß dies zu schätzen und bedankt sich nach „Pleasure and Pain“ dafür.
Zum zweiten Zugabenblock kommen auch die restlichen fünf Musiker aus ihrer verdienten Pause, um sich mit der Coverversion von Bob Marley´s „Get Up, Stand Up“ und dem bereits erwähnten „Better Way“ zu verabschieden. Schon während des letzten Songs gehen die Saallichter an und man blickt in strahlende Gesichter. Die Band verabschiedet sich und die Roadies beginnen mit dem Abbau. Doch ähnlich wie bei dem Auftritt vor gut zwei Jahren im Hamburger Stadtgarten verleiht ein hartnäckiger Teil des Publikums seiner Begeisterung nach wie vor lautstark Ausdruck. Und während viele der vielleicht 3000 Zuschauer schon auf dem Weg zum Auto sind, kommen Ben Harper und seine unermüdlichen Recken mit den Worten „If you stay, we stay“ tatsächlich zurück auf die Bühne und das gleißende Licht im Saal weicht wieder der dezenten Bühnenbeleuchtung. Mit „Amen Omen“ und „Diamonds On The Inside“ setzten die Musiker dem Abend die Krone auf. Dieses Konzert, besser gesagt dieses Publikum war für sie ein besonderes. „Thank´s for turning this strange looking auditorium into a diamond“ klingen die letzten Worte aus Ben´s Mikro.
Set I:
Both Sides Of The Gun
With My Own Two Hands
Wicked Man
Don't Take That Attitude To Your Grave
Ground On Down
Waiting For You
Morning Yearning
Burn One Down
Faded
Please Don't Talk About Murder While I'm Eating
Black Rain
Zugabe I:
There Will Be A Light
Never Leave Lonely
Waiting On An Angel
Walk Away
Pleasure And Pain
Zugabe II:
Get Up, Stand Up
Better Way
Zugabe III:
Amen Omen
Diamonds On The Inside