Berlin Festival 2011 - 09. + 10.09.2011
Berlin im Musikfieber – unter der Dachmarke Berlin-Music-Week fanden Industrie, Macher und Konsumenten in Berlin zusammen. Geboten wurden rund 300 Veranstaltungen vom kleinen Showcase im Friedrichshainer Club bis hin zur Mega-Dance Party in der O2-World oder der Kopfhörer-Disco auf dem Kurfürstendamm – und natürlich die Popkomm, die Berlin Club-Nacht mit 60 Locations die mitmachten und dem Berlin Festival auf dem Flughafen Tempelhof.
Popkomm
Auf der Messe der Musikbranche trafen rund 400 Aussteller aus 20 Ländern auf gut 5.000 Fachbesucher aus aller Welt. Erstmals ohne Publikumstag war die Messe ein reiner Marktplatz - der Information, für Nachwuchstalente und um Geschäfte anzubahnen. Mehr als 110 Künstler wurden Bookern, Event-Managern und Medienleuten in Showcases vorgestellt - auf dem Messegelände im Flughafen Tempelhof, sowie in unzähligen Clubs in Berlin. Ob Italiener, Norweger, Polen, Österreicher, Schweden oder Dänen - mit eigenen Club-Nächten präsentierten sie ihre neuen Bands – an so angesagten Adressen wie Lido-, Magnet- und Comet-Club auch dem Berliner Publikum.
Die Popkomm war aber auch wieder Treff, um in Workshops und Panels die Herausforderungen und Probleme der Branche zu debattieren. Da ging es mal wieder um Musik und Internet und wie die Branche damit umgehen soll. Darum, wie Urheberrechte geschützt und die Bedürfnisse der User befriedigt werden können.
Berlin Festival
Um es vorweg zu nehmen: Es sind nicht die Headliner, die das Berlin Festival zu dem machen was es ist, nicht die großen Namen oder kleinen Legenden. Es ist auch sicher nicht der Sound, der, mal zu laut, dann zu leise oder zu blechern ist. Und auch, dass man bei diesem Festival selbst bei Regen nicht irgendwann im Schlamm versinkt, ist nicht der Trumpf: Es ist ganz einfach Berlin, und die Art, wie es die Veranstalter inzwischen verstanden haben die Stadt und ihre Internationalität zu einem Element des Festivals zu machen.
...Freitag-Abend 23.30 Uhr, Berlin-Tempelhof: Durch tiefe Dunkelheit rollen wie an einer Schnur gezogen Busse mit blinkenden Warnleuchten. Doppeldecker-Tourismus-Busse, Reise-Busse und Stadtbusse. Sie bringen die vom ersten Tag abgekämpften Festival-Besucher quer durch die Stadt, zum Club Xberg @Arena Berlin, dort geht es weiter auf vier Dance-Floors bis zum Morgen des nächsten Tages...
Doch fangen wir vorne an. Das Gelände Berlin-Tempelhof ist naturgemäß groß und weitläufig – war ja schließlich mal ein Flughafen. Viel Platz also und den haben die Veranstalter in diesem Jahr auch gelassen. Keine lästigen Sperren mehr zwischen den Bühnen, weit offene Hangar-Tore, gute Sicht, auch von weiter hinten. Fast zu viel Platz für den Festival-Auftakt, denn auf dem Riesen-Areal verlaufen sich die Festivalgäste, verlieren sich zwischen den drei Bühnen, der Silent-Kopfhörer-Disco, dem Hangar Art Trail, wo sie Künstlern bei der Arbeit zuschauen, und den vielen Getränke- und Food-Ständen.
Los ging das Musikprogramm mit James Blake, der als Festival-Opener zwar nur auf einige hundert Zuschauer trifft, diese aber zu begeistern weiß. Die Stimme trägt auch live und die Bässe und die Electronic-Sounds ließen den Hangar und die Körper erbeben. Dem Akronym in ihrem Namen Yelle – You enjoy life – machte die französische Elektropoperin alle Ehre. Bunt, schrill und mitreißend, auch wenn der Hangar noch zu leer war. Als erste von vielen New Yorker Musikern gingen The Rapture auf die Main Stage – und lieferten solide ab. Echte Freude kam bei CSS aus Brasilien im Hangar 5 auf. Die vier Frauen und ihr Bassist faszinierten durch Lebendigkeit, Echtheit und ihr Vergnügen am Berliner Auftritt. Unermüdlich rockte Sängerin Lovefoxxx in wechselnden Bühnenoutfits die Bühne.
Fast experimentell startete der Abend mit Battles, den nächsten New Yorkern auf der Main Stage. Cool der Wechsel aus hartem Schlagzeug, Synti-Klängen und verfremdetem Gesang aus dem Off – da war Wucht dahinter. Fast wie "Alte Herren" wirkten da im Anschluss Primal Scream und Suede, die als Headliner den Abend abschlossen – professionell zwar, aber ein bisschen glatt kamen sie daher – beide mit mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte im Gepäck.
Insgesamt war der Freitag auf dem Tempelhof noch etwas müde, trotz gelungener Festivalmomente - war er etwas matt, wie der Nieselregen, der immer mal wieder über das Gelände strich. Doch der Tempelhof war ja erst die erste Etappe, denn im ClubXberg ging es nach dem raschen und reibungslosen Transport in der oben beschriebenen Bus-Kolonne weiter. Dort ging Party – auf vier Dance Floors im perfekten Berliner Großstadt-Flair. Direkt an der Spree mit Badeboot und im alten Industrieambiente legten nacheinander solche Größen auf wie Kruder & Dorfmeister aus Österreich oder mit Boy George von Culture Club eine Legende der Achtziger. Dieser flanierte übrigens schon Stunden vor seinem Set ganz entspannt mit Stock und Entourage über das Club-Gelände. Das Ganze: Ein super Kontrast zur Weite des Tempelhof. Festival plus Clubbing ergänzten sich zum perfekten Mix aus Rock'n'Roll und Electro.
Samstag
Sonne am Himmel über Berlin und somit auch Wärme lockten an diesem Festival Tag viel mehr Besucher auf den Tempelhof. Schon nachmittags wirkte das am Tag zuvor noch etwas überdimensionierte Festival-Gelände gut belebt. Von 15.000 Besuchern an beiden Tagen werden die Veranstalter am Ende reden, 5.000 weniger als im Jahr zuvor, als die Überfüllung eines Hangars einen vorzeitigen und chaotischen Abbruch brachte (der sicherlich auch den dunklen Duisburger Loveparade Erfahrungen geschuldet war). International wie die Bühnenbesetzungen war auch das Publikum. Aus ganz Europa waren Musik-Touristen nach Berlin gekommen. Viele aus England, aber auch Australier, Franzosen, Italiener, Norweger und Schweden zogen über den Tempelhof – staunten und atmeten ein Stück Geschichte ein.
Auf den Bühnen war heute für wirklich jeden was dabei: Soul und Summerhits mit Aloe Blacc, der um Dollar sang. Dann Kraftklub aus Chemnitz. Sie mit ihrem gitarrengetriebenen Rap gewannen Freund Casper als Zuschauer, der später noch selbst auf der Bühne stand und trotz harter Konkurrenz sein hüpfendes und lautstark mitsingendes Publikum vom Rollfeld zog.
Zwar angesagt, doch im Erfolg überraschend: Beirut am Nachmittag, die mit ihrer Mischung aus Folk, Ska und orchestrierten Bläsersätzen Tausende in ihren Bann zogen - und trotzdem nicht so ganz in den zu diesem Zeitpunkt mehr von elektronischen Beats getragenen Summer-Festival-Nachmittag passten. Spätestens dann ab 21 Uhr fühlte man sich ganz in Berlin, auch wenn mit Boys Noize ein gebürtiger Hamburger an den Turn Tables auf der Main Stage stand. Dass er längst Berlin-Based ist zeigte sich, als Alexander Ridha mit Feuer, Rauch und wummernden Bässen sein Publikum und seine Plattenteller dirigierte und in ekstatischen Tanz choreographierte. Er setzte die Energie frei, die zuvor die Sonne den Festival-Besuchern geschenkt hatte.
Beginner dann, mit großer Spannung erwartet, als die Reunion des Festivals, machten da fast übergangslos weiter, standen gemeinsam auf der Bühne als wären sie nicht sieben Jahre lang eigener Wege gegangen und zu ganz individueller neuer Berühmtheit gekommen. Trotz der zwischendurch mit neuen Elektro-Sounds gepimpten Lieder – und einem Best-Of-Set, auch sie wirkten, wenn der Vergleich verziehen wird, ähnlich den Fantas wie alte Herren einer Musik, die schon viel jüngere und damit frischere Akzente gefunden hat – trotzdem saubere Sache.
Nicht zuletzt noch einmal ein Blick in den Hangar – wie Punk, Rock'n'Roll, Techno und Performance sich ganz leicht und dabei laut zusammenfinden, zeigten The Bloody Beetroots Death Crew 77 mit einem ganz frappierenden Auftritt zum Abschluss des Tages. Atemlos und großartig, wie hier jeder Sound live auf der Bühne erzeugt, authentisch wie wuchtig Staunen hinterließ. Wer Gelegenheit hat, sie zu sehen, sollte sie nutzen.
So mit dem Tag zufrieden ging es wieder reibungslos per Bus-Shuttle zu Teil 2 in den Club Xberg@Arena Berlin. Public Enemy und Skrillex, um nur zwei der unterschiedlichen Top Acts der Nacht zu nennen, setzten auch hier deutliche, wenn auch wieder ganz unterschiedliche Akzente – bis zum Umfallen im Morgengrauen.