Berlin Festival - 10. + 11.09.2010 - mit Blood Red Shoes, Adam Green, LCD Soundsystem, Editors, Soulwax, Hot Chip u.v.m.
Dass sich die Hauptstadt mittlerweile zur Szenestadt avanciert hat, ist wohl längst kein Geheimnis mehr. Die Stadt blüht regelrecht und zieht jährlich zahlreiche Touristen in ihren Bann. Und nicht zuletzt mit Berlins größter Musikveranstaltung des Jahres, der Berlin Music Week, erlangt die Stadt schließlich auch in der Musikbranche immer mehr an Internationalität.
Den Höhepunkt der Berlin Music Week bildet in diesem Jahr das Berlin Festival, welches zum zweiten Mal am ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof stattfindet und somit wohl eine der außergewöhnlichsten Open Air-Locations darstellt. Bereits im letzten Jahr zählte das urbane Festival im Herzen der Stadt mehr als 14.000 Besucher. Und dieses Jahr vermochte wohl zusätzlich zu dem tollen Flair noch das Lineup die Massen anzuziehen und dafür zu sorgen, dass das Berlin Festival 2010 schließlich ausverkauft ist.
Das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof macht wirklich was her und die Veranstalter haben sich wirklich allergrößte Mühe gegeben, mit viel Liebe zum Detail eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Zusätzlich zur Popkomm am Freitag gibt es eine Menge zu entdecken. Zahlreiche Stände von Labels, Klamotten bis hin zur Kicker Lounge, in der man die Weltmeisterschaft wieder aufleben lassen kann, sorgen dafür, dass einem unter Garantie nicht langweilig wird. Die Preise an den Getränke- sowie Essensständen halten sich (leider) auf normalem Festivalniveau. Doch letzten Endes geht es hier schließlich um Musik und die diesjährigen hochkarätigen Acts sollten helfen, darüber hinwegzusehen.
Die aus dem wunderhübschen südenglischen Brighton kommenden Blood Red Shoes (17:30-18:30, Main Stage) machen für mich den Auftakt beim diesjährigen Berlin Festival und verstehen es mit ihrem gleichzeitig punkigen und rockigen Garagen-Sound, bestehend aus Gitarre, Schlagzeug und Gesang, das Publikum immer wieder in Begeisterung zu versetzen. Immerhin bestätigte schon Maximo Park Sänger Paul Smith dem Duo "den besten Gitarrensound seit Nirvana". Obwohl sich bereits zahlreiche Besucher auf dem Platz vor der Hauptbühne versammelt haben, die beiden sympathischen Briten wirklich gut drauf sind, ihre Songs voller Leidenschaft präsentieren und sogar das ein oder andere Wort an die Zuschauer richten, so richtig Stimmung will nicht aufkommen. Zwar bekommen sie nach ihren Songs den gebührenden Applaus, aber insgesamt macht die Menge einen eher müden Eindruck.
Anders sieht es da schon bei Adam Green (19:00-20:00, Main Stage) aus. Als der New Yorker Sänger die Bühne betritt, wird aus der Menge ein Konzert aus Jubel eröffnet. Leider ist zumindest meine Begeisterung nur von kurzer Dauer. Vollkommen affektiert und hyperaktiv tänzelt Green permanent über die Bühne, lässt sich auf die Knie fallen, um wild in die Kamera zu gestikulieren. Leider schafft er es dabei nicht, auch nur einen geraden Ton hervorzubringen. Allerdings gibt er sich zumindest volksnah, hechtet immer wieder in die Menge, lässt sich von ihr tragen, schwimmt auf ihr dahin, taucht unter und wird von kräftigen Geleitschützern wieder rausgefischt. Etwas unbeholfen klettert er dann wieder auf die Bühne zurück. Der Auftritt wird auch nicht dadurch besser, dass er Schauspieler Macaulay Culkin ("Kevin – Allein zu Haus") auf die Bühne holt und mit ihm "Wind Of Change" von den Scorpions singt. Da weiß man endlich mal, was man an den Scorpions hatte und wünscht sich bei dem Gejaule doch eher die Altrocker auf die Bühne. Schließlich stürzen sich die beiden in die Menge, surfen auf den Händen der Fans. Insgesamt hat der Auftritt zwar einen gewissen Unterhaltungsfaktor, da ich allerdings gekommen bin, um mir seine Qualitäten als Livemusiker anzuschauen, bin ich doch mehr als enttäuscht und kann den Herrn Green seitdem sogar nicht mehr wirklich ernst nehmen. Sehr schade drum.
Auch bei Zola Jesus (19:15-20:15, Hangar-5-Stage) wird ordentlich Gas gegeben. Die junge amerikanische Singer & Songwriterin Nika Roza Danilova springt stets von einer Seite der Bühne zur anderen, beweist sich im Vergleich zu Adam Green dabei aber stimmlich als sehr begabt. Das Berliner Publikum zeigt sich während der Songs jedoch wenig beeindruckt von dem Auftritt der jungen Künstlerin, Applaus gibt es aber trotzdem.
Das Hangar 4 wird ziemlich schnell brechend voll, als die Jungs von Goose (19:45-20:45) beginnen, ihr Set zum Besten zu geben. Bereits der Soundcheck wird von den Zuschauern eifrig und voller Vorfreude bejubelt. Als das belgische Quartett dann die Bühne betritt, gibt es im Publikum fast kein Halten mehr. Leidenschaftlich wird sich sowohl auf der Bühne als auch in der Menge der Musik hingegeben, die Luft ist mit Applaus und Jubel erfüllt. Das macht eindeutig Freude mit anzusehen und animiert regelrecht zum Mitmachen. Da freut man sich doch gleich noch mehr auf das im Oktober sehnsüchtig erwartete zweite Album der Syth-Rock-Band.
Seit acht Jahren mischt der Produzent James Murphy unter dem Namen LCD Soundsystem (20:30-21:30, Main Stage) nun schon die Electroszene gewaltig auf. Dementsprechend ist der Platz vor der Hauptbühne sehr gut gefüllt und es herrscht bereits vor dem Konzert eine ausgelassene Stimmung, zu Daft Punks "Around The World" wird sich schon mal kollektiv in Fahrt getanzt. Mit neuem Album im Gepäck, welches auch gleichzeitig nach eigenen Angaben das letzte sein wird, versteht die sympathische Frohnatur James Murphy, die Menge regelrecht einzuheizen. Und obwohl er mit 40 Jahren eigentlich nicht mehr auf der Bühne rumhüpfen wollte, gibt er am heutigen Abend ordentlich Gas und wird dafür vom Berliner Publikum gebührend gefeiert. Wirklich ein fantastischer Auftritt.
Der Abend ist mittlerweile weit voran geschritten und unter den Festivalbesuchern hat sich eine ausgelassene Feierstimmung breit gemacht. Ich nutze die Umbaupause auf der Main Stage, um etwas von der allgemeinen Atmosphäre auf dem Gelände zu erhaschen. Die legendäre Mobile Disco rollt mittlerweile über das Spielfeld. Auf einem motorisierten Gepäckwagen geben hier DJ’s wie Tim Wagner oder Ponypop ihr Set zum Besten und beglücken so die Festivalbesucher von verschiedenen Punkten des Geländes aus mit ihren tanzbaren Beats. Zum ersten Mal auf deutschem Festivalboden kann bei der Silent Disco das Tanzbein geschwungen werden, bei dem die Teilnehmer die Musik über Kopfhörer hören. Ein Spaß sowohl für diese als auch für die Zuschauer dieses Spektakels, die schließlich nur aus dem Mitsingen der Teilnehmer die Songs erkennen oder oft auch nur erraten können.
Mit großen Schritten bewegt man sich nun also auch schon in Richtung Headliner. Die britischen Indie-Rocker Editors (22:00-23:30, Main Stage) spielen auf dem Berlin Festival ihr einziges Hauptstadtkonzert. Mit ihrem aktuellen Album "In This Light And On This Evening" hat das Quartett um Frontmann Tom Smith erneut bewiesen, dass die Editors immer wieder in der Lage sind, musikalisch neue Kapitel aufzuschlagen. Mit viel neuem elektronischem Equipment reisen die Vier nun also an und beweisen einmal mehr ihre exzellenten Livequalitäten. Nicht zuletzt die vier Feuerfontänen, die aus der Bühne sprühen, als das sympathische Quartett die Bühne betritt, sorgen wohl dafür, dass die Luft mit enthusiastischem Jubel erfüllt ist. Es ist wohl gerade die äußerst sympathische Art der aus Birmingham stammenden Herren sowie ihre in den Gehörgängen breit machenden Songs, die das Publikum in Begeisterung versetzen. Sie geben sich stets leidenschaftlich ihrer Musik hin und zeigen damit regelrecht, dass sie es genießen auf der Bühne zu stehen. Da wundert es wirklich nicht, dass sie von den Besuchern zu einer Zugabe zurück auf die Bühne verlangt werden. Zur Belohnung gibt es noch ein paar Songs und bei "Papillon" wird dem Publikum schließlich zusätzlich nochmal bei jedem Refrain mit den Feuerfontänen eingeheizt. Absolut headlinerwürdig!
Nachdem das Programm auf der Hauptbühne beendet ist, nimmt schließlich das Desaster, von dem die Medien berichten, seinen Lauf. Eindeutige Fehlkalkulationen in der Organisation führen dazu, dass sich an den Schleusen sowohl zum Hangar 4 als auch 5 eine Menschentraube bildet, der Einlass schließlich gestoppt werden muss. Nachdem es bei einigen Besuchern zu Empörung darüber kommt, entschließt man sich dazu, das Festival für diesen Abend zu beenden. Zu groß ist die Angst vor einer Massenpanik, zu sehr ist man noch sensibilisiert im Hinblick auf die Ereignisse in Duisburg. Die Auftritte von 2ManyDJs sowie Fatboy Slim werden abgesagt, der komplette Zeitplan für Samstag umgestellt und stark verkürzt. Ob das wirklich notwendig gewesen wäre, mag ich nicht beurteilen, aber dass so hochkarätige Acts eine gewisse Menschenmasse anziehen, sollte einem Veranstalter eigentlich bewusst sein. Im Zweifel geht Vorsicht zwar immer vor, der vorzeitige Abbruch Freitagnacht hat jedoch eindeutig zu Missmut geführt und sich mit in den Samstag eingeschlichen. Durch die Planänderungen kommt es ebenfalls zu Zeitverzögerungen und auch das Berliner Publikum scheint noch nicht ganz da zu sein, als Tahiti 80 (16:30-17:10, Hangar 4) mit ihrem Auftritt beginnen. Die kleine Halle ist recht leer und selbst als sich diese mehr füllt, will so richtig Stimmung nicht aufkommen.
Auch zu Wedding Present (17:00-17:40, Hangar 5) haben sich noch nicht viele Leute verirrt, die Stimmung ist vielleicht gerade deshalb auch noch nicht wirklich vorhanden. Wirklich schade, denn immerhin präsentieren sie uns wirklich schönen Indierock, dem man gern lauscht und zu dem man sich ebenso gern bewegt.
Ebenfalls mit etwas Zeitverzögerung und nachdem sie bereits von einigen Zuschauern durch Klatschen auf die Bühne gefordert werden, beginnen die jungen Herren um The Morning Benders (18:00-18:40, Hangar 5) mit ihrem Auftritt. Ihre fröhlichen Indieklänge scheinen ein paar Besucher von draußen anzulocken, jedenfalls füllt es sich etwas und hier wird sich immerhin ein wenig zu den melodischen Songs mitbewegt. Sänger und Gitarrist Christian Chu kommuniziert viel mit dem Publikum, entschuldigt sich für das kurze Set, was ihnen hier nur möglich ist und versucht die Zuschauer beim letzten Song sogar zum Mitsingen zu animieren. So richtig umgehauen hat mich der Auftritt jetzt nicht, schlecht fand ich´s jetzt aber auch nicht, zudem finde ich die Jungs aus Berkeley, Kalifornien wirklich sehr sympathisch.
Vergeben und vergessen hat das Publikum scheinbar, als der Auftritt der belgischen Electro-Rocklegende Soulwax (19:30-20:30, Main Stage) ansteht. Den internationalen Durchbruch schaffte die Band bereits im Jahre 1998 mit ihrem zweiten Album, und so verwundert es auch nicht, dass sich der Platz vor der Main Stage sehr gut füllt. Durch ein perfektes Zusammenspiel aus Bild und Ton schafft es das sympathische Quintett aus Belgien das Publikum in Euphorie zu versetzen. Schade, dass es zu dieser Tageszeit noch hell ist und die Visuals auf den LED Leinwänden ihre Wirkung noch nicht voll und ganz entfalten können. Der Stimmung tut das jedoch keinen Abbruch. Leidenschaftlich gibt man sich der Musik hin, die die Herren in ihren grauen Anzügen von sich geben, und belohnt sie dafür mit dem gebührenden Applaus.
Kaum denkt man, dass diese energiegeladene Show nicht mehr überboten werden kann, da beginnt Boys Noize (20:50-22:20, Main Stage) mit seinem DJ-Set und sorgt dafür, dass es mir den Atem verschlägt, mir die Worte fehlen. Alexander Ridha schafft es nicht nur den Platz vor der Hauptbühne äußerst gut zu füllen, sondern das Publikum regelrecht zur Hysterie zu bringen. Ganze zwei Stunden animiert er die Besucher, fleißig das Tanzbein zu schwingen, nicht eine Minute scheint diesem die Puste auszugehen. Die Luft ist durchgehend mit Jubel erfüllt, die Ereignisse scheinen vollkommen vergessen zu sein. An die Organisationspannen wird man jedoch spätestens dann wieder erinnert, als man sich auf den Weg zu We Have Band in Hangar 5 macht und feststellen muss, dass dieser Auftritt ebenfalls nach hinten verlegt wurde und stattdessen die Jungs von Sizarr (21:00-21:40, Hangar 5) die Bühne in der kleinen Halle rocken. Leider hält es weder der Veranstalter noch die Band vonnöten, die Festivalbesucher darüber aufzuklären, das ist wirklich ärgerlich.
Und so begibt man sich wieder in Richtung Hauptbühne, auf der schließlich das finale Ende eingeläutet wird. Mit ihrem fröhlichen Indielectro schaffen es die charmanten Briten von Hot Chip (22:50-00:00, Main Stage) für den letzten Schlag noch einmal ordentlich auszuholen und noch mehr Besucher anzuziehen. Der Platz ist brechend voll, die Stimmung fantastisch. Es wird ordentlich Gas gegeben auf der Bühne und das Publikum lässt sich von dieser energiegeladenen Show gerne zum Mitmachen animieren. Leider lässt der Sound etwas zu wünschen übrig, gerade am Rand bekommt man vom Gesang wenig mit. Dennoch werden die Londoner mit prägnantem Jubel belohnt und sogar den ein oder anderen textsicheren Fan kann ich beobachten.
So, und das war es nun, das war das Berlin Festival 2010! Und was bleibt nun noch? Erinnerungen an herausragende Auftritte, aber auch an weniger gute, vor allem aber auch an eine zum Teil versagende Organisation, die dann doch das ein oder andere Mal die Stimmung etwas gedrückt hat. Dabei sollte man doch annehmen, dass erfahrene Veranstalter auch so ein junges Festival (quasi in der Blüte seiner Jugend) besser organisiert bekommen. Ob ich nächstes Jahr wieder dabei bin? Generell würde ich es wieder tun, allerdings hängt es doch stark davon ab, was sich die Organisatoren bis dahin so einfallen lassen. In dem Sinne haut rein, auf ein tolles Berlin Festival 2011!