Tour 2009 - Support: Eternal Tango
Im Regen vor den gerade geöffneten Türen des Gloria-Theaters in der Kölner Innenstadt versuchen einige Leute ihre zuviel gekauften Tickets an den Mann und die Frau zu bringen. Der Überschuss an Eintrittskarten ist aber keineswegs mit einem geminderten Interesse für die heute auftretenden Biffy Clyro zu erklären, sondern mit der für Viren aller Art günstigen Witterung. Viele, die den Auftritt der Schotten heute gerne erlebt hätten, mussten den Abend im Bett verbringen. Trotzdem ist das Gloria zumindest nach dem Support Act Eternal Tango sehr gut gefüllt. Die Luxemburger geben sich alle Mühe, das Publikum in Laune zu bringen. Das gelingt ihnen auch durch melodischen Alternative Rock, Mitmach-Animationen und augenscheinlicher Freude, an dem was sie tun. Sie spielen ausnahmslos Songs ihres demnächst erscheinenden Albums. Der Nährboden für einen stimmungsvollen Abend ist also bereitet, als Biffy Clyro gegen 21 Uhr die Bühne betreten, nachdem schon gefühlte fünf Minuten das Licht ausgegangen ist.
Wie bei ihrem Auftritt vor genau einer Woche in dieser Stadt als Support für Muse in der Lanxess Arena verzichten die Schotten auf einen schonenden Beginn und geben mit "That Golden Rule" unmissverständlich das Motto für den heutigen Abend aus: Die Bude wird gerockt bis sich der rote Samt von den Wänden kräuselt. Von null auf hundert in Rekordzeit. Und ohne erkennbare Verzögerung ist das Publikum auf Touren. Auch zum komplexen "Living Is A Problem Because Everthing Dies" wird gepoged und getanzt. Der Moshpit wird zur Haupt-Party-Zone. Selbst "Bubbles", welches den Fans auf dem gerade erschienenen Album "Only Revolutions" als wuchtiger Popsong mit unwiderstehlichem Refrain vorgestellt wurde, ist in seiner Live-Version ein Kracher erster Güte. Ganz vereinzelt sind im jungen Publikum verunsicherte Gesichter zu erkennen. Möglicherweise haben sie sich auf etwas ruhigere Töne eingestellt. Bis auf das akustische "Machines" bleibt ihnen in dieser Hinsicht so gut wie nichts. Jedesmal wenn Simon Neil in die Knie geht und wie ein Derwisch auf die Saiten seiner Gitarre eindrischt, geht der Lautstärkepegel bis an die Grenze, aber nie darüber hinaus. Und die Melodien bleiben bei aller Energie in ihrer Schönheit immer im Vordergrund. Kaum ein anderer Song steht hierfür besser als "57".
Wer auf die Orchestrierung des aktuellen Albums steht, stellt irgendwann verdutzt fest, dass diese live überhaupt nicht vonnöten ist. In Anbetracht des vollen Sounds, der mit beeindruckender Präzision präsentiert wird, vermisst kaum jemand Streicher und Bläser. Lediglich einmal kommt für "Born On A Horse" der von James Johnston bediente Synthesizer zum Einsatz. Das Geklapper von Hufen kriegen die drei mit ihren herkömmlichen Instrumenten dann doch nicht hin. Die Setlist ist vorhersagbar, was aber zu keiner Zeit stört, denn die Zusammenstellung wirkt äußerst stimmig und viele Übergänge werden einfallsreich gestaltet. "Puzzle" ist das Album, aus welchem die meisten Songs stammen. Überraschenderweise sticht "Love Has A Diameter" besonders hervor und so singt das Publikum dessen "oh oh oh oh", auch dann noch weiter, als die Instrumente bereits verstummt sind. Neils passender Kommentar auf gut verständlichem Deutsch: "Habt ihr Spaß? Wir haben viel Spaß". Mit "Saturday Superhouse" steuert das Hauptset seinem Ende entgegen, als dessen Abschluss dann das restlos überzeugende "The Captain" dient. Die elektrisierte Menge vor der Bühne springt dazu im Takt. Simon Neil übernimmt den orchestralen Part der Studioversion mit seiner Gitarre fast im Alleingang. Als die Musiker unter begeistertem Applaus für eine verdiente Pause von der Bühne gehen, singt das Publikum abermals einfach weiter. Eine schöne Art, das Warten zu überbrücken.
Mit "Joy.Discovery.Invention" wird der Zugaben-Block eröffnet. Das Publikum erweist sich erneut als textsicher und nutzt vor allem die ruhigeren Parts, dies lautstark zu demonstrieren. Tatsächlich wartet der letzte Teil des Konzertes vor allem durch "As Dust Dances" mit melancholischeren Momenten auf. Die Überraschung ist "Shock Shock" vom aktuellen Album, dem man in puncto Präzision nicht anmerkt, dass es zum ersten Mal überhaupt live gespielt wird. Den Abschluss eines rund 100-minütigen Konzertabends erster Güte darf dann wieder "Mountains" einnehmen. Noch einmal unterstreichen die Schotten eines ihrer wichtigsten Qualitätsmerkmale: Jedes Bandmitglied ist ein begnadetes Gesangstalent. Simon Neil kann sich während des von den Johnston-Brüdern getragenen Refrains auf die Backing Vocals konzentrieren.
Da das Kölner Konzert im Gloria eines der wenigen verbliebenen als Hauptact war, nachdem die Band Muse kurzfristig die Unterstützung zu- und eigene Gigs abgesagt hatte, lohnt sich ein Fazit: Biffy Clyro sind auch nach ihrem Wechsel zu einem Major-Label nicht dem Mainstream verfallen. Von Pop und Emo bleibt auf ihren Konzerten wenig bis nichts übrig. Die neue Reduktion ihrer aktuellen Songs auf das Wesentliche tut der Band auch live sichtlich gut. Ach ja, und Biffy Clyro sind eine verdammt gute Band, von der so mancher Fan hoffen mag, dass sie den Status des Geheimtipps noch lange inne haben mag, um sie noch viele Male in so wunderbaren Clubs wie dem Gloria erleben zu können.
Setlist:
That Golden Rule
Living Is A Problem Because Everything Dies
A Whole Child Ago
Bubbles
Who's Got A Match?
9/15ths
57
Born On A Horse
Get Fucked Stud
Machines
Now I'm Everyone
Cloud Of Stink
Justboy
Love Has A Diameter
There's No Such Thing As A Jaggy Snake
God And Satan
Glitter And Trauma
Liberate The Illiterate/A Mong Among Mingers
Saturday Superhouse
The Captain
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Joy.Discovery.Invention
Shock Shock
As Dust Dances
Mountains