Black Troll Winterfest

Black Troll Winterfest mit Nomans Land, Månegarm, Gernotshagen, Adorned Brood, Obscurity, Nydvind u.v.m.

27.12.2009 Zeche Carl / Essen

Von: Shirin K

Black Troll Winterfest Essen

Momentan schießen sie wie die Pilze aus dem Wald, die Pagan Metal Bands, die mit Inbrunst und Pathos ihre Liebe zu den alten Geschichten und Mythen aus der vorchristlichen Zeit kundtun. Ihre Helden: überwiegend Wikinger und Götter aus der nordischen Mythologie. Ihre Mission: die Suche nach untergegangenen Zeiten. Und schon längst kommen die Bands nicht mehr nur aus dem skandinavischen Raum! Auch in Deutschland haben sich mittlerweile einige Formationen einen Namen gemacht.

Warum dieser Szene, die in der Metal-Szene lange Zeit eher ein Schattendasein führte, mittlerweile soviel Beachtung geschenkt wird, ist schwer zu erörtern. Ich vermute, dass es in unsicheren Krisenzeiten immer eine Rückbesinnung auf alte Werte und Traditionen gibt. Man sehnt sich zurück nach der ach so romantischen heilen Welt, in denen Männer noch Männer sein durften, Schwerter aufeinander prallten, Kettenhemden rasselten, Blut in Massen floss und die Fleischjagd sich nicht auf den Besuch der nächsten McDonalds Filiale beschränkte. Herrrrrliche Testosteronwelt also!

Viel Testosteron liegt auch an diesem Abend in der Luft, als die Zeche Carl zum Black Troll Winterfest einlädt. Der Metstand, der an so einem Abend nicht fehlen darf, verströmt seinen ganz besonderen Duft, der sich mit dem stinknormalen Bieraroma vermischt und in der Nase kitzelt. In den Gängen überall Merch-Stände, an denen der wahre Metaller mit T-Shirts, Nietengürteln, CDs und – dem Anlass angemessen – Trinkhörnern totgeschmissen wird. Das Publikum: jung, bereits betrunken – und in Feierlaune!!!

In Feierlaune ist auch die erste Band, die sich meinen entzündeten Augen bietet, als ich gegen 18 Uhr die Halle betrete. Es haben schon einige unbekanntere Bands gespielt und dementsprechend ist das Publikum bereits aufgewärmt. So haben Obscurity aus Deutschland leichtes Spiel. Die "Bergischen Löwen" beschreiben ihre Musik auf ihrer Internetseite als Black/Viking-Metal, wobei ich finde, dass sich der Viking Metal Anteil in Grenzen hält. Sieht man von einigen Folklore-Elementen ab, so spielt die Band guten, rohen Metal, der in den Nacken geht. Sänger Nezrac (what a name!) feuert ab und zu das Publikum an, indem er sie an den Mut und den Zorn der Urahnen bei der Varusschlacht erinnert, woraufhin dieses energisch johlt und frohlockt. Ansonsten wird auch straight gerockt.

Sind Obscurity optisch eher obskur bis unauffällig und rein auf Musik fixiert, so bietet die nächste Band auch dem Auge etwas: Mit Kettenhemd und Lederarmbändern gestylt betreten Adorned Brood die Bühne. Sie sind in der Metal Szene schon seit unzähligen Jahren bekannt und beeindrucken immer wieder mit soliden Veröffentlichungen. Der äußerst charmant aussehende Sänger Frost (nicht so originell wie Nezrac) und seine Kumpanen bedienen sich in ihrer Musik und Lyrik der Welt der nordischen Mythologie, geben auf ihrer Internetseite aber auch gerne zu, dass die Texte leicht klischeebeladen sind (sehr sympathisch!). Auf dem Winterfest präsentieren sie eine Mischung aus Songs des neuen Albums "Noor" und alten Hymnen, sowie einem feuchtfröhlichen Cover von "Sieben Tage lang". Besonders gut kommt beim Publikum "Wigand" an, wo Frost das Publikum dazu anhält, "Für Wotan werd' ich sterben" zu brüllen, was dieses mit glühenden Backen, geballten Fäusten und glänzenden Augen tut (also brüllen, nicht sterben…) Noch besser kommt übrigens die flotte Querflötistin an, die durch Aussehen und Spiel betört.

Wer geglaubt hat, dass es gleich mit dem fröhlichen Gelage weitergeht, der hat sich geirrt, denn die Bühne gehört nun Gernotshagen. Und haben Not und Elend mit im Gepäck. Dunkel wie die südthüringer Wälder ihrer Heimat ist die Musik, mit der sie die Zeche Carl beschallen. Im Mittelpunkt des Sets steht das letzte Studioalbum "Märe aus wäldernen Hallen", auf dem die Band ihre Verbundenheit mit der Natur und der Geschichte ihrer Heimat zum Ausdruck bringt. Gesangstechnisch wechselt der Frontmann zwischen klarem Gesang und Gekreische ab, es gibt nur wenige Ansprachen an das Publikum – die Band konzentriert sich voll und ganz auf die Musik, die durchaus mit schönen melodischen Passagen und verspielten Riffs beeindrucken kann. Für mich der Höhepunkt des Festivals!

Mit ihrer finsteren Show machen Gernotshagen die Bühne frei für Månegarm aus Schweden, die sicherlich eine der Attraktionen an diesem Abend sein sollen. Leider kämpft die Band schon am Anfang mit technischen Problemen und muss auch während des Sets dauernd an der Technik herumdoktern. Mit einem zotteligen Geiger, der den Altersdurchschnitt der Band deutlich nach oben hebt, entern die Musiker die Bühne, allesamt in schwarze Uniformen gekleidet, auf denen das Runenemblem der Band zu sehen ist. Musikalisch gibt es recht schnörkellosen Blackmetal mit Folk-Einflüssen, allerdings finde ich die Band insgesamt eher mau und den Sound recht breiig, was nicht nur an den Sound-Problemen liegen kann. Da können sich der Sänger und die beiden Gitarristen noch soviel Mühe geben, böse dreinzuschauen – im Vergleich zu den Bands davor stinken Månegarm ziemlich ab.

Leider sind die Schweden erst gegen 24 Uhr fertig, und ich bin schon viel zu kaputt, um mir noch die letzte Band, nämlich Nomans Land aus Russland anzuschauen (geht wohl einigen im Publikum so, denn viele verlassen nun schon die Halle). Dennoch ist es insgesamt ein netter Abend gewesen mit vielen interessanten Bands und überzeugenden Darbietungen. Die Pagan Metal Szene ist lebendig wie nie zuvor und kann momentan einige gute Acts ihr eigen nennen. Sicherlich sind die Ideale, die in dieser Szene gelobt und besungen werden, im Großen und Ganzen albern und kindisch (und ich habe in meinem Bericht bewusst den Seitenhieb auf die Fraktion ausgelassen, die meint, mit nationalsozialistischem Gedankengut liebäugeln zu müssen), aber musikalisch gibt es hier doch viel Schönes zu entdecken. Wer daraus eine Lebensphilosophie macht, ist selbst schuld.

In diesem Sinne: noch schnell bei McDonalds reingehüpft, um sich eine Portion Fleisch einzuverleiben… da würde Wotan bestimmt vor Neid erblassen!

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