Blackfield Festival

Blackfield Festival 2008 feat. Nitzer Ebb, Lacrimosa, Schandmaul, Subway To Sally, CrĂĽxshadows, Nothern Lite, Catastrophe Ballet

04.07.2008 Amphitheater / Gelsenkirchen

Von: Shirin K

Blackfield Festival Gelsenkirchen

Ja, es gibt ein neues schwarzes Festival! Zum ersten Mal gaben sich die Veranstalter des Blackfield-Festivals an diesem Wochenende die Ehre. In der Absicht, mit der Konkurrenz mitzuhalten, gab es illustre Gäste wie Lacrimosa (für einige hier immer noch „Lackier-mich-rosa“), Nitzer Ebb, Subway to Sally, Crüxshadows usw. Immerhin findet zwei Wochen später das Amphi im nahe gelegenen Köln statt , das sich innerhalb kürzester Zeit in der schwarzen Festivallandschaft behauptet hat. Es war daher nicht sehr erstaunlich, dass es am Samstag, dem zweiten Tag des Festivals, trotz eines guten Billings, nicht so viele Besucher auf das Festivalgelände geschafft hatten. Auch bis zum letzten Act, Nitzer Ebb, blieb die Menge der Besucher überschaubar. Eigentlich ganz angenehm, da man sich nicht die ganze Zeit gegenseitig auf die Füße trat, aber so richtige Festivalstimmung kam dadurch nicht auf. Doch wenden wir uns den Acts zu.

Als ich auf dem Gelände ankam, befand sich noch Solar Fake, das Solo-Projekt des Dreadfull Shadows und Zeraphine Sängers Sven Friedrich, auf der Bühne. Friedrich, der natürlich der Mittelpunkt der Bühnenshow war und bei einigen Damen sicherlich auch einen Stein im Brett hat, gab sich alle Mühe, die wenigen Anwesenden von seiner netten, tanzbaren Elektro-Musik zu überzeugen – was ihm teilweise sogar gelang. Ich fragte mich allerdings, was Friedrich von den Myriaden anderer Elektro-Bands unterscheiden könnte, konnte aber während des restlichen Auftritts keine Antwort auf diese Frage finden. Sorry!

Immerhin gab es nach diesem Auftritt sofort ein Positiv-Beispiel für eine Elektro-Band, die es geschafft hat, sich durch eindringliche Melodien und Lyrics einen Platz in der Szene zu erkämpfen. Die Rede ist von Diorama, der Band um Mister Torben „Yummy“ Wendt, dem Sänger mit der charismatischsten Stimme an diesem Tag. Mit einem Gitarristen in (Schotten)Rock-Laune und einem immerzu grinsenden Keyboarder schafften es Diorama sofort, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen: Es standen viel mehr Besucher vor der Bühne, die prompt auch bekamen, was sie wollten. Eine hinreißende, aber leider viel zu kurze Show, die die Hits der Band „Kein Mord“, „Erase Me“ und „Synthetize Me“ enthielt und für Tanz- und Mitsinglaune sorgte. Natürlich hatten sich auch einige Diorama-Lemminge (so nennen sich die Die-Hard-Fans der Band) eingefunden, aber auch Nicht-Lemminge hatten großen Spaß an einem sehr gut aufgelegten Torben, der die ganze Bühne zu seiner Spielwiese erklärt hatte. Es ist eigentlich unverständlich, warum ein so brillanter Act so früh schon spielen musste. Liebe Veranstalter, das sieht ganz nach einer Fehlentscheidung aus!

Die nächste Fehlentscheidung hieß Northern Lite, die sich mit ihrem soliden Elektro-Pop schon einen Namen gemacht haben, meiner Meinung nach aber nicht wirklich auf ein schwarzes Festival gehören. Das zeigte sich auch daran, dass es vor der Bühne schlagartig leer wurde, als Herr Kubat und seine Mitstreiter die Bühne betraten und es mehr Fotografen im Pressegraben gab als Menschen vor der Bühne. Was folgte, war eine seelenlose bis furztrockene Darbietung (von Show kann keine Rede sein), bei der Herr Kubat sich die meiste Zeit an seinem Mikro festhalten musste. Es ist leider nicht bekannt, wie viel Valium die Band vor dem Auftritt genommen hatte, aber sicherlich hätte Kubat selbst auch gerne vor Langeweile in das Publikum gekotzt, wenn er gedurft hätte. Dennoch zog die Band den Auftritt durch, und immerhin kam am Ende noch mit dem tanzbaren Hit „Girl with a Gun“ ein bisschen Leben vor die Bühne. Mit Betonung auf „ein bisschen“.

Catastrophe Ballet, der Altherren-Gothic-Rock-Verein um den Frontmann Eric Burton übernahm die Leichen von Northern Lite und startete einen Wiederbelebungsversuch, der – oh Wunder, oh Wunder –  klappte! Kein Wunder, denn Burton und seine Kumpanen waren tausend Mal weiter weg von einer Kukident-Party als die Vorgänger-Band (so nun genug auf NL herumgehackt Â…) und sprühten vor Professionalität und Charme. Obwohl ich kein Fan von Wave-Rock bin, war ich spätestens nach „Consequently inconsequential“ begeistert von dem originellen Sound der Band und der schönen Stimme von Herrn Burton. Der quirlige und drahtige Sänger ließ den Rocker und Alleinunterhalter heraushängen und gab alles, um aus den gegebenen Umständen das Beste zu machen. Applaus, Applaus, Applaus! Es gab sogar einen Höhepunkt für Fans von Goethes Erben, deren polarisierender Sänger Oswald Henke bei dem Song „Licht“ den Gothic-Rapper der Nation gab und dafür sorgte, dass noch mehr Menschen zur Bühne stürmten, um ihrem Idol näher sein zu können. Die Show wurde mit einer Cover-Version von Sigue Sigue Sputniks "21st Century Boy" beendet und war die erste positive Überraschung des Tages.

Darauf sollte mit Modcom aber noch eine folgen. Noch so ein Solo-Projekt, aber diesmal steckt niemand geringeres dahinter als VNV-Nation Frontmann Ronan Harris, aber etwas mopsiger, kahler Herr mit witzig funkelnden Augen, der sich während des ganzen Auftritts zwischen seinen Mac und einigen scary aussehenden Maschinen gequetscht hielt und an Knöpfen und Reglern herumschraubte. Was da aber so an tanzbaren Sounds und Rhythmen herauskam, begeisterte die Party People und endlich wurde mal richtig ordentlich getanzt. Die Mädchen wackelten mit dem Hintern, die Männer boxten in die Luft und schauten auf die Damenhintern, so wie das halt überall auf der Welt ist. Was für ein Spaß! Danke Ronan!

So heiter und hochklassig hätte es ja jetzt weitergehen können (z.B. hätte man jetzt Diorama spielen lassen können), aber stattdessen kam mein guter Freund Kaschte mit seiner Lala-Ranch-Band Samsas Traum auf die Bühne. Der Wahnsinnige, der sich zuweilen für ein Genie hält, hat sich momentan wieder seinen musikalischen Wurzeln, dem Blackmetal, zugewandt. Also schmiss man sich am Anfang jedes Songs erstmal in Headbanger-Pose und ließ die Haare zu „Auf den Spiralnebeln“ (gähn) und „Hirte der Meere“ (schnarch) o.ä. kreisen. Hatte der Herr letztes Jahr auf dem Amphi-Festival noch Laberwasser getrunken, so hatte er bei diesem Gig anscheinend seine Zunge verschluckt, aber so sind nun mal diese Genies, mal manisch, mal depressiv, und immer so unberechenbar. Ich sag nur: wenn ich Immortal hören will, höre ich Immortal, wenn es mir nach Summoning gelüstet, hole ich meine Summoning CDs raus, aber ich höre sicherlich nicht den hundertsten uninspirierten Abklatsch eines Monsieur Kaschte, der sich an seiner Pubertäts-Lyrik regelmäßig einen Â… na lassen wir das mal.

Die Situation wurde gerettet! Ein Garant für gute Laune und Tanzwut beehrte das Festival, die unermüdliche Mittelalter-Metal-Maschinerie von Subway To Sally. Großartige Band, selbst wenn man sie eigentlich nicht mehr hören kann. Ich weiß gar nicht, was die Jungs – und die Dame – machen, wenn sie nicht gerade auf einer Bühne stehen. Man kann Subway auf jeden Fall von Pathetik, Theatralik und Schleimigkeit alles vorwerfen, aber man kann nicht behaupten, dass sie langweilig oder gar unprofessionell seien. Eric Fisch und seine Kombatanten kamen also, spuckten Feuer, dudelten auf Säcken und Flöten herum, holten eine samtkleidtragende Blondine auf die Bühne, verteilten Rosen und ließen das Publikum selbstverständlich den „Schrei!“ exerzieren. Immer und immer wieder lud man das Publikum zum Mitmachen ein und siehe da, immer mehr müde Gesichter verwandelten sich in euphorisch grinsende Antlitze und es wurde frohlockt, dass es eine Wonne war. Es wurde Halleluja gerufen und der Fisch zeigte so oft das Victory-Zeichen, dass man den Verdacht hätte hegen können, dass er an den amerikanischen Präsidentschaftswahlen teilnehmen wollte. Bei „Sag dem Teufel guten Tag“, dem „Veitstanz“ und „Sieben“ ging es noch mal ordentlich ab. Zum Schluss wurde selbstverständlich "Julia und die Räuber" intoniert und die Band löste sich in Schall und Rauch auf. Danke für diese atemberaubende Show!

Das Festival bewegte sich nun auf seinen – oder zumindest meinen persönlichen – Höhepunkt zu. Nitzer Ebb, die Godfathers des EMB waren jetzt dran. Douglas McCarthy eröffnete gemeinsam mit seinem Kumpanen Bon Harris in seinen schönen schwarzen Stiefeln und dem ordentlichen schwarzen Hemd seine Show der Extraklasse. Vor der Bühne wurde schon ordentlich gepogt, denn die EBMler wollten nun endlich auch mal auf ihre Kosten kommen. McCarthy mimte während der Show den Duracell-Hasen und lief immerzu von einer Ecke der Bühne auf die andere, posierte mal breitbeinig und hüftschwingend, sprang dann wieder wie ein junges Reh auf das Publikum zu – immer auf: die Sonnenbrille. „Let your Body Learn“, „Shame“ und andere Hits beglückten ein zu allen Schandtaten bereites Publikum, und ein leiser Seufzer ging durch die Reihen der weiblichen Fans, als McCarthy seinen Oberkörper entblößte. Juche! Was für ein Abschluss! Der Regen, der sich schon durch leises Nieseln angekündigt hatte, kam dann auch endlich, und die Besucher traten den geordneten Rückzug an.

Fazit: Sieht man von dem etwas missglückten Billing (zumindest für den Samstag) ab, scheint das Blackfield Festival eine echte Alternative für die zu sein, die im Ruhrgebiet schwarz und glücklich sein wollen und denen das Amphi zu karnevalistisch ist. Die Spielzeiten wurden eingehalten, die Bands waren im Großen und Ganzen gut ausgewählt, die Autogramm-Stunden wurden freudig wahrgenommen, und einige Shops boten den einkaufswütigen Goths die Gelegenheit, sich auszutoben. Hinzu kommt eine Tatsache, die mir bei schwarzen Events doch immer wieder positiv auffällt: Es herrscht immer eine friedliche Stimmung in dieser Szene, die doch ziemlich unterschiedliche Stil-Richtungen vereinbart (obwohl einem die Eierkuchen-Harmonie mit der Zeit auch ein bisschen auf den Senkel gehen kann Â…). Apropos Essen: An dieser Front gab es leider die alljährliche Festival-Misere – also labberige Pommes, alte Brötchen mit fettiger Wurst und überteuerte Weißmehl-Pizza, deren Belag wohl in den Urlaub gefahren ist. Trotzdem: Ich freue mich schon auf das nächste Blackfield-Festival!! Es kann nur besser werden!

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