Blackmail

Basement Heaven Tour 2010

13.11.2010 Kulturhaus 73 / Hamburg

Von: Jonas Bielenberg

Blackmail Hamburg

Also ich gegen 20:40 Uhr an der Haltestelle Sternschanze aussteige, werde ich bereits von Polizisten empfangen. Diese stehen in voller Kampfmontur wie schwarze Ritter am Gleis, um potentielle Störenfriede direkt aus dem Verkehr zu ziehen. Beinahe hätte ich es vergessen, in Hamburg waren heute zwei Demos und somit wurde die Sternschanze zu einem überwachten Gebiet erklärt, weil dort bekanntlich der schwarze Block und alle anderen Autonomen bei einem Bier besprechen, welches Auto sie anzünden, welche Häuser sie mit Farbe bewerfen oder welchen terroristischen Akt sie als nächstes durchführen wollen, denn jeder weiß: "...zehn leere Flaschen können schnell zehn Mollis sein".

Fasziniert laufe ich durch die Straßen, vorbei an vielen kleinen Gruppen von Polizisten, die an jeder Ecke wie gefährliche Straßengangs stehen, dazwischen tummeln sich Demonstranten, Krawalltouristen, Fotografen und einige Wasserwerfer, denn was wäre eine Demo ohne die Wasserwerfer. Eine sehr gespannte Stimmung liegt in der Luft, zu viel Platz ist noch zwischen den Fronten, um den Startschuss der Spiele im Steineweitwurf und Knüppelschwingen zu erwarten. Das Haus III & siebzig, in dem Blackmail heute endlich wieder in Hamburg die Bühne betreten liegt im Herzen dieses überwachten Gebietes, direkt neben der roten Flora, dem Autonomenzentrum. Auch dort stehen Wasserwerfer, und ich frage mich, ob ich wohl beim Verlassen des Konzerts noch mit einer Dusche rechnen muss.

Als ich die Schlange an der Kasse überwunden habe, bin ich erstaunt, dass doch noch so viel Platz ist. Immerhin haben Blackmail die letzten Male in Hamburg im Übel und Gefährlich und auf dem Rathausmarkt vor mehreren Hundert Menschen gespielt und der Keller des Haus III & siebzig fasst gerade mal 200 Leute. Immerhin wurde das Konzert noch rechtzeitig aus der Astra-Stube verlegt, einer Kneipe, die mit 50 Gästen schon aus allen Nähten platzt. Schnell haben sich dann aber die letzten Lücken gefüllt und das Publikum ist vollständig.

Um 21:00 Uhr betreten die vier Männer die Bühne. Gitarrist, Bassist, Schlagzeuger und Keyboarder... aber wo ist der Sänger? Ach der steht auch schon da, geht nur aufgrund seiner Körpergröße, die einen ordentlichen Kontrast zu der seiner Bandkollegen aufweist, ein wenig unter - eigentlich ist er einzeln betrachtet gar nicht so klein. Mit den Worten "Hallo, guten Abend, wir sind Blackmail aus Koblenz" beginnt das Konzert. "Monographic Doll" heißt der Song, mit dem sie beginnen.

Kurt Ebelhäuser, Gitarrist, Songwriter und Riese steht noch recht steif auf der Bühne, er hat die seltsame Angewohnheit, die Akkorde von oben zu greifen, was mich jedes Mal wieder verwundert, wenn ich ihn auf Konzerten sehe. Auch sein Bruder Carlos ist noch etwas verkrampft, was man seiner Fertigkeit am Bass jedoch nicht anhört. Sänger Matthias Reetz kann leider nicht mit klarer durchsetzungsfähiger Stimme punkten. Auch wenn diese der von Ex-Sänger Aydo Abay schon relativ nahe kommt, fehlt ihm die Kraft, die Energie und leider auch die sauberen Töne. Besonders in Verbindung mit der tiefen Gesangsstimme von Kurt beißt sie sich und wirkt eher störend. Aber sie haben ja auch erst zwei Songs gespielt. Laut der Aussage von Sänger Matthias wird dies wohl überwiegend eine Vorstellung der neuen Songs der Band. Ob sie sich von ihrer Vergangenheit mit Sänger Aydo distanzieren, oder einfach so stolz auf die neuen Stücke sind wird natürlich nicht verraten.

Der vierte Song ist dann doch ein alter, "Evon" vom 2003 erschienenen Album "Friend Or Foe?". Leider kommt erst beim fünften Song das erste Mal das Gefühl durch, dass sich Matthias mit seiner Stimme durchsetzen kann, wobei er dann wiederum sehr abgequält wirkt. Immerhin haben Blackmail mit ihm nun auch einen weiteren Gitarristen, der jeden Song auf den Saiten begleitet, was die Songs wesentlich breiter macht. Song sechs "Deborah" beweist sich schon nach wenigen Momenten als wahrscheinlich bester Song der neuen Platte, alles andere plätschert bis hierhin eher vor sich hin. Anschließend wieder ein alter Song ("When I Start Today") und dann meldet sich Kurt erstmals mit einem Wortbeitrag: "Warum seid ihr so ruhig?". Einer der Fans erwidert, dass der FC St. Pauli verloren habe. Kurt greift diese Aussage auf und es entsteht eine kurze Unterhaltung über die Bundesliga. Anschließend folgen noch drei Songs, von denen der letzte Song "Day By Day" vom letzten Album "Tempo Tempo" ist und nochmal zum Mitsingen zu animieren versucht, was teilweise dann auch gut funktioniert.

Schon um 21:40 Uhr verlassen die Musiker die Bühne, das Publikum wohlwissend jedoch nicht die Veranstaltung, sondern applaudierend, bis die Band geschlossen mit einem "Danke für eure Unterstützung" und der Zugabe in Form von drei Songs zurückkehrt. Und die hat's dann nochmal in sich, mit "Moonpigs" und anschließend dem siebeneinhalb Minuten-Song von der CD "Friend Or Foe?", bei dem Blackmail nochmal so richtig auftrumpfen und den Song gefühlte zehn Minuten ausreizen. Da sind sie ja wieder, Blackmail, eine der besten deutschen Alternativbands, die großartige Gitarrenriffs mit schönen Gesangsmelodien in wirklich guten Songs unterbringen und mit ihrer Wucht zum Bewegen animieren. Auch wenn dies nicht der richtige Ort dazu zu sein scheint und die Anlaufphase leider zu lange brauchte. Vielleicht lag es auch am Publikum oder am Sound oder an der Skepsis, die Blackmail-Fans dem neuen Sänger entgegenbringen, vielleicht aber auch an den neuen Songs, die mich persönlich live noch nicht überzeugt haben. Nun heißt es also Album abwarten, reinhören und sich hoffentlich überzeugen lassen. Das wird "Anima Now" heißen und hoffentlich im Frühjahr erscheinen.

Setlist:

Monographic Doll
The Whys Of The Ways
Rocket Soul
Evon
Resonant Wave
Deborah
When I Start Today
Sky On Sky
Telescope
Day By Day
----------------
Night School
Moonpigs
Friend

Twitter

Amazon, Musicload, Napster & AOL-Download

Amazon.de Musicload

Mehr zum Thema:

Musicheadquarter Twitter RSS Feed abonieren! Musicheadquarter bei Facebook
Tickets Night Of The Prog Festival
Digg Reddit Del.icio.us Facebook Twitter Google Yahoo! MyWeb Furl" BlinkList Technorati Mixx Windows Live MySpace Mister Wong
Bon Jovi Tickets bei www.eventim.de