Tour 2008 Support: Skundred
Pen-y-bont ar Ogwr! Ja, genau Pen-y-bont ar Ogwr. Nein, das ist kein mystisches Tier mit sechs Flügeln und vier Hörnern, sondern der walisische Name des Dorfes Bridgend, aus dem vier aufstrebende junge Musiker stammen - heutzutage bekannt unter dem Bandnamen Bullet for my Valentine. Im Januar 2008 erschien ihr zweites Album „Scream Aim Fire", produziert von Collin Richardsen, der schon bei Machine Head und Funeral for a Friend seine Finger mit im Spiel hatte. In Amerika hat sich das Debut der Band 350.000 Mal verkauft und in Großbritannien hat sie schon mehrere Preise eingeheimst. Man reißt sich um die Band, als sei sie die Metal-Entdeckung des Jahrhunderts bzw. genauer: die Metalcore-Entdeckung des Jahres. Ein Grund mehr um der Sache nachzugehen, genauer im Kölner E-Werk an einem lauwarmen Februar-Abend.
Â… und leider zu spät, um noch etwas von der Vorgruppe Skundred mitzubekommen. Vor der gesamten Bühne hängt ein riesiges weißes Tuch, dahinter wird anscheinend fleißig umgebaut und das Publikum ist ungeduldig. Man hört vereinzelte „Bullet"-Rufe (so wird die Band nämlich liebevoll von den Fans genannt). Als das Licht in der Halle erlischt werfen die Pommesgabeln der Fans riesige Schatten auf das weiße Tuch, das dann mit dem Erklingen der ersten Takte von „Scream Aim Fire", endlich fällt und den Blick auf die Bühne freigibt. Musik und Gesang haben Anklänge von alten Thrash-Bands wie z.B. Metallica. Matt Tuck, der junge langhaarige Sänger der Band, ist von der ersten Minute an der unbestrittene Mittelpunkt der Bühne. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass in den ersten Reihen vor der Bühne mindestens einhundert junge Mädchen bereit sind sich zu Tode zerquetschen zu lassen, um von Maaaaaaaattt (*kreich*) mit einem schelmischen Blick bedacht zu werden.
Gut, das Publikum ist im Schnitt sehr jung und sehr wild und zu allen Schandtaten bereit. Mehrere haben es zum Sport gemacht, sich beim Crowdsurfen von der Security herausziehen zu lassen, nur um 10 Minuten später wieder herausgezogen zu werden. Die Band brettert indes unbarmherzig einen Song nach dem anderen herunter. Pausen oder Ansprachen an das Publikum gibt es wenige (schade, denn der walisische Akzent des Sängers ist doch very charming!). Alles in allem ist die Musik von Bullet for my Valentine doch sehr melodisch, hier und da driftet sie sogar in Emo-Gefielde ab, um dann wieder trashig-dreckig daherzukommen, die Melodien haben zum Teil Ohrwurmqualität. An ihren Instrumenten wirken die Herren fit und routiniert, der Basser shoutet und growlt sich bisweilen die Seele aus dem Leib, während Matt Tuck neben annehmbarer Gesangsleistung auch gute Gitarrenarbeit abliefert. Sie versprühen viel Energie und Spielfreude dort oben auf der Bühne.
Richtig nett wird es für mich bei der Halbballade „Say Goodnight" aus dem neuen Album. Los geht’s mit einem düster-mystischen Intro und sägend-wehmütigen Gitarrenriffs, dazu kommt Matts elegischer Gesang. Der Song hat ferne Anleihen an „The Unforgiven", was ihn allerdings nicht schlechter macht. Zwischendurch gibt es noch mehr Gitarrengewichse und aggressive Growls, in diesem Fall eine gelungene Mischung aus Trauer und Hass. Das Einzige, was stört: Selbst bei Textzeilen wie „I live my life in misery" kann der Frontmann sein neckisches Grinsen nicht abstellen. Was würde Bohlen sagen: „Mensch, Matt, du musst es fühlen, das kaufe ich dir sonst nicht ab. Ansonsten eine super Leistung!". Das gilt auch für einen der letzten Songs an diesem Abend, „The End". Auch er beginnt mit einem wehmütigen und langsamen Intro, das einem das Herz zerreißen könnte. Hier und da bricht der Song in wütende Gitarrengewitter aus, in etwa, wenn der Sänger sich beschwert, dass keine Pillen mehr übrig sind, die man schlucken kann. Sieht man vom teenage-suicide-Geist durchtränkten Text ab, hat der Song durchaus hervorragende musikalische Qualitäten und wäre auch mein Anspiel-Tipp.
Und insgesamt? Ja, da fehlt der Band noch das gewisse Etwas. Die Songs und das Auftreten der Band sind mit ein paar Ausnahmen noch zu clean und beliebig, da ändert auch Synchronpommesgabeling und regelmäßiges Stinkefingerzeigen nichts daran, dass mit der Zeit doch die Abwechslung in der Musik fehlt und die Melodien austauschbar werden. Der Gesang von Tuck läuft auf Grund der immer gleichen Tonlage Gefahr, irgendwann nur noch an einem vorbeizududeln. Der Wechsel zwischen schnell und langsam ist zu oft absehbar, und die Texte sind noch zu wenig komplex und aussagekräftig. Im Übrigen: Die hundertste Platte zu den Grausamkeiten des Kriegs ist überflüssig, wenn der Schreiberling sein ganzes Leben in einem idyllischen Hobbit-Dorf verbracht hat und seine größten Kämpfe jene für mehr Taschengeld und neue Docs gewesen sind. Aber ich will der Band nicht unrecht tun. Es bleibt abzuwarten, ob sie sich noch zu reifen und ernstzunehmenden Musikern mausern werden. Die Voraussetzungen dazu haben sie ja...