Carus Thompson

Tour 2009

23.02.2009 Kulturbahnhof / Neuenkirchen-Vörden

Von: Sascha Knapek

Carus Thompson Neuenkirchen-Vörden

Es gibt Landstriche in Deutschland, da ist am Rosenmontag an nichts anderes als an Kamelle, Helau, Alaaf, Verkleidungen, Alkohol und jeckisches Treiben zu denken. Glücklicherweise ist das allerdings nicht überall so. Wer keine Lust auf Karneval – oder Fasching – hat und nicht auf Knopfdruck lustig sein möchte, der sucht sich in der närrischen Zeit sein eigenes Alternativprogramm. Ganz oben auf solch einer Liste steht im ländlich geprägten Osnabrücker- und Oldenburger-Umland ein Konzertabend mit einem in der Region hinlänglich bekannten Singer/Songwriter. Der Australier Carus Thompson ist hier seit gut drei Jahren Stammgast und zieht selbst an dem diesjährigen Rosenmontagsabend knapp 150 Menschen in den sympathischen Kulturbahnhof von Neuenkirchen-Voerden.

Der tagsüber äußerst helle Veranstaltungssaal des Kulturbahnhofs ist für die Abendveranstaltung entsprechend abgehängt, und damit nicht jeder stehen muss, ist ca. ein Viertel des Saals bestuhlt. Bei anderen Soloauftritten eines Singer/Songwriters wäre sicher eine Komplettbestuhlung angesagt, wenn auf der Bühne nur ein Mann mit seiner Akustikgitarre steht. Aber bei Carus Thompson weiß man, dass es nach wenigen Minuten eh nur die Wenigsten auf ihren Sitzen halten wird. Spätestens beim früh eingestreuten Klassiker “Born With A Broken Heart“ zappelt die quer durch alle Altersschichten gestreute Meute freudig drauf los und die ersten Zuhörer tauschen Sitz- gegen Stehplatz.

Zwischen den Songs wendet sich der 32-jährige Australier immer wieder ans Publikum und erzählt kleine Geschichten aus seinem Touralltag und gibt witzige Kommentare zum Besten. Man merkt, dass er in Neuenkirchen-Voerden eine Art Heimspiel bestreitet. Der heutige Auftritt ist sein letztes Deutschlandkonzert einer knapp dreiwöchigen Tour, die den Songwriter u.a. in Großstädte wie München, Hamburg, Dortmund oder Berlin und in kleine Orte wie Quelkhorn, Norderstedt, Parchim oder eben Neuenkirchen-Voerden gebracht hat. Wegen einer dicken Dauererkältung – die man dank Carus‘ Professionalität während des Auftritts höchstens erahnen kann – hat er während der gesamten Tour bislang erst sieben Bier getrunken. Heute möchte er, laut eigener Aussage, Verpasstes nachholen. Das Publikum grölt!

“Grow To Overthrow“, “Last Days Of Winter“, “Doing Time“ und “Creature Of Habit” heißen einige Titel, die Thompson vor der ersten kleinen Pause zum Besten gibt. Besonders die Stücke vom neuen Album “Creature Of Habit“ passen wundervoll in den reduzierten Solorahmen dieses Auftritts. “Yangi“ dient als energiegeladener Rausschmeißer des ersten Teils und befördert die immer textsicher werdende Menge für einen kurzen Zwischenstopp an die Theke, den Merch-Stand oder die frische Luft. Bevor Carus richtig in die Vollen geht, soll jeder frisch gestärkt und mit einem vollen Kaltgetränk ausgestattet sein.

Nach dem kleinen Verschnaufer gibt der Australier mit frischem T-Shirt am Körper weiter Gas und zieht auch den letzten verbliebenen Stillstehenden (oder -sitzenden) auf seine Seite. “Eye Of The Storm“ und “Long Time“ vom aktuellen Album und ruhigere Tracks wie “Three Boxes“ und das Mandolinen-Stück “I Found Love“ machen sich denkbar gut im perfekt abgestimmten Set. Enthusiastische Mitgehnummern und beseelte Leisetreter geben sich die Klinke in die Hand. Besonders die direkte Tuchfühlung bei Stücken wie “I’m On My Way“ und “Dancing In The Wind“ reißt alles im Kulturbahnhof mit, was zwei Augen im Kopf und ein Herz in der Brust hast. Carus steigt für diese Songs von der Bühne, stellt sich in der Publikumsmitte auf einen Stuhl und trägt seine Songs ohne Mikro vor. Die Gänsehaut kommt, ob man will oder nicht.

Als der feine Abend sich dann dem Ende zuneigt, reißen speziell beim weiblichen Publikum alle je gehegten Tanzhemmungen. Bei “Sweet Mondays“, “One More Time“ oder dem den Hauptteil beendenden “Gonna Leave This Town“ bestehen die ersten Reihen aus fröhlich schwofenden weiblichen Wesen, ja sogar den ein oder anderen Mann macht man unter ihnen aus. Scheiß auf Rosenmontag, bei Carus brennt die Hütte mindestens ebenso lichterloh!

Beschlossen wird das Konzert dann mit zwei außergewöhnlichen Coverversionen und den eindringlichen Thompson-Originalen “Thrown“ und “Prisoners Of The Rodeo“. Bei den Covern entschied sich der Australier für heimische Kost. Zuerst zelebriert er Men At Works “Land Down Under“ und ganz zum Schluss “From Little Things Big Things Grow“ von Kev Carmody und Paul Kelly. Zu dem Zeitpunkt steht Carus wieder auf seinem Stuhl mitten im Publikum. Jeder Zuschauer hängt auch nach fast drei Stunden noch an seinen Lippen, stimmt beim Zuschauerchor nach Kräften mit ein und kann sich im Rückblick wohl keinen perfekteren Rosenmontag vorstellen. Wer braucht schon Kamelle, wenn Carus Thompson in die Stadt kommt!

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