Tour 2008
Als man um kurz vor neun ins Wetzlarer ’Franzis’ kommt, begegnen einem erfreulich viele Gesichter. Befürchtungen, dass die Zuschauerzahl an wenigen Händen abzählbar ist – ähnlich wie bei Hank Shizzoe vor ein paar Monaten – bewahrheiten sich glücklicherweise nicht. Das sympathische Kulturzentrum am Rand der Wetzlarer Innenstadt ist zu Ehren der beiden Walkabouts-Köpfe sehr gut gefüllt. Während Chris Eckman sich an der Theke schnell noch sein Bühnenbier holt, warten die halb in sitzendes und halb in stehendes Publikum eingeteilten Besucher gespannt auf den Beginn des Konzerts – gut dreiviertel der Anwesenden waren beim Release der ersten Walkabouts Platte 1988 schätzungsweise in meinem derzeitigen Alter, Ende 20.
Um kurz nach halb zehn sieht man im ’Franzis’ dann nicht nur Chris Eckman, sondern auch seine Kollegin Carla Torgerson. Beide betreten die Bühne, nehmen auf den bereitstehenden Stühlen Platz und beginnen ihr Set mit „At The Twilight’s Last Gleaming“ vom aktuellen Album „Fly High Brave Dreamers“. Torgerson singt und spielt auf einem kleinen Keyboard das auf ihrem Schoß liegt und Eckman begleitet an der Akustikgitarre. Von Anfang an ist das Zusammenspiel der beiden Musiker aus Seattle blind und homogen – genau so wie man es sich im Kontext der fast 20 Jahre langen musikalischen Partnerschaft der beiden vorstellt. Bei den Leadvocals wechseln sich Eckman und Torgersen ebenso wie beim Wechsel der Gitarren (elektrisch und akustisch) geschwisterlich ab. Mit den Walkabouts-Songs „Radiant“ und „Inauguration Day“ geht es weiter; zur Freude der Anwesenden präsentieren Chris & Carla also nicht nur Stücke ihrer als Duo veröffentlichten Platten, sondern auch Nummern ihrer „Hauptband“. Kleine Anekdoten über die ständig mit Baustellen übersäten deutschen Autobahnen oder die Zeit als Madonna noch eine aufstrebende junge Künstlerin war, lockern die Atmosphäre spürbar auf und wirken als Gegenpol zur stillen Andächtigkeit während der Songs. Bis auf eine kleine Gruppe Plappermäuler auf der linken ’Franzis’-Seite, bringen alle Zuschauer dem Duo während der Stücke den gebührenden Respekt entgegen und lauschen aufmerksam; des öfteren könnte man eine Stecknadel fallen hören.
Im weiteren Teil des Main-Sets liegt das Hauptaugenmerk der beiden Protagonisten auf Walkabouts-Stücken wie „Bordertown“, „The Light Will Stay On“ oder dem ältesten eigenen Song des gesamten Abends „Feast Or Famine“ vom Walkabouts-Debüt „See Beautiful Rattlesnake Gardens“. Bei solchen Gelegenheiten könne man auch einmal Sachen spielen, die bei Konzerten mit der kompletten Band verloren gingen, sagt Carla Torgerson und steigt kurz darauf in „More Heat Than Light“ ein. Natürlich dürfen auch Stücke von Chris & Carla Alben nicht fehlen, besonders herausstechend sind diesbezüglich „Death At Low Water“, „Things We Should Have Known“ und der Closer des Hauptteils, das brillante „Raise Them Hands“.
Mit insgesamt drei Songs sind die beiden Zugabenteile zwar auf dem Papier eher kurz, die Stücke dafür allerdings lang und intensiv. Im ersten Block widmen Chris & Carla das Bob Dylan-Cover „Visions Of Johanna“ dem extra aus London angereisten Steve (der sich hörbar darüber freut). Mit den Walkabouts habe man die Dylan-Nummer erst einmal gespielt und bei dieser Gelegenheit – einem Konzert für das Experience Music Project (EMP) in Seattle – komplett verhauen, berichtet Torgersen. Die tolle Akustik im ’Franzis’ trägt ihren Teil dazu bei, dass das Cover dieses Mal alles andere als verhauen wird. „Fuck Your Fear“ samt einem sensationellen und ausufernden „Ghostrider”-Tag (Rollins Band) bildet den Abschluss des ersten Zugabenblocks. Nach einer kurzen Pause und der Publikumsbekundung nach „mehr“ beenden Chris & Carla mit dem besonders intensiven „Will You Miss Me When I’m Gone“ und der Ankündigung, dass Carla auf der Bühne gleich ein paar CDs verkaufen wird und Chris sich schon auf ein paar Drinks mit den Zuschauern freut, nach knapp über 90 Minuten den Abend.