Tour 2009
Clutch-Konzerte zur schönsten Jahreszeit werden in Köln zur Institution: Schon im dritten Sommer nacheinander spielen die Rocker aus Germantown, Maryland im Underground. Die Jungs scheinen Gefallen an der guten Atmosphäre und dem direkten Kontakt zum Publikum gefunden zu haben. Das Ganze geht sogar so weit, dass der Main-Act auch die Vorband macht: Es ist erst 20:54, als Neil Fallon und seine Mitstreiter vor mir auf der Bühne stehen – doch der Mann mit der charismatischen Stimme hält kein Mikro, sondern nur eine Gitarre in der Hand. Die Bakerton Group ist ein reines Akustik-Projekt. Da ich bisher noch keines ihrer Stücke gehört habe, bin ich äußerst gespannt, werde aber ein wenig enttäuscht. Dafür gibt es zwei simple Gründe: Zum einen fehlt Neil Fallons Stimme, zum anderen sind die Songs auf die Dauer trotz groovigem Bass und spaciger Gitarren etwas eintönig. Eine regelrechte Negativüberraschung ist die Schlagzeugperformance des sonst so großartigen Jean-Paul Gaster, der an einigen Stellen größere Schwierigkeiten mit seiner Hi-Hat hat. Außerdem muss die Bakerton Group ohne Keyboarder bzw. Organisten auskommen, da Per Wiberg, der für das Album „El Rojo“ in die Tasten gehauen hat, nicht vor Ort ist. Insgesamt hat der Auftritt der Bakerton Group nicht unbedingt Lust gemacht, sich näher mit diesem Nebenprojekt zu beschäftigen.
Nach einer halbstündigen Umbaupause geht es um kurz vor Zehn endlich richtig los. Neil Fallon hat endlich ein Mikro in der Hand und zeigt gleich beim Auftaktsong „Child Of The City“, warum die Bezeichnung „Prediger“ so gut zu ihm passt: Fallon drückt seine Texte so kraftvoll ins Mikrofon, dass man ihm jedes seiner Worte ohne Umschweife glauben mag. Die Körpersprache mit den herausfordernden Gesten der Arme, dem stetigen Nicken des Kopfes samt üppigen Vollbarts tut dabei ihr Übriges. Wäre er nicht so ein verdammt guter Musiker, wäre er mit seiner Ausstrahlung auch gut auf einer Kanzel oder einem Rednerpult aufgehoben.
Im Gegensatz zu den dezent monotonen Bakerton-Arrangements zeigen die Jungs als Clutch, welch breites Spektrum sich die Band über die Jahre zusammenkomponiert hat: Von „Texan Book Of The Dead“, das rauh und rotzig wie unter einem Schuh klebend daherkommt, über den Ausflug nach „Cypress Grove“, bei dem letzteres Wort Programm ist, bis zum furiosen „Electric Worry“ („Vamonos, Vamonos!“) holen die Jungs alles aus dem Plattenschrank. Und sogar ein neues Fach wird aufgemacht: Insgesamt fünf Songs spielen Fallon vom neuen Album „Strange Cousins From The West“, das in wenigen Wochen in den Handel kommt. Ein aussagekräftiges Urteil mag ich mir nach einmaligem Anhören nicht erlauben, aber sicher ist, dass die Songs kein Stilbruch zu den letzten beiden Alben sind. Die Durchschlagskraft und Prägnanz einer „Blast Tyrant“ klang meiner Ansicht nach aber nicht an.
Die musikalische Performance von Clutch ist so routiniert und engagiert wie in den Vorjahren: Die Jungs haben ihre Instrumente sehr gut im Griff, vor allem Gaster am Schlagzeug zeigt nach dem verpatzten ersten Auftritt, was er auf dem Kasten hat. Etwas gewöhnungsbedürftig ist allerdings, was die Band aus manchen Songs macht: Bei „Big News I“ zum Beispiel jammen die Jungs zwischendurch minutenlang, jedoch ohne Bindung zum Song. Irgendwann setzt das bekannte Lied dann wieder ein und ich frage mich, ob ich der einzige bin, der das Ganze als etwas zusammengeschustert empfunden hat. Dass es auch anders geht, zeigen sie bei „Electric Worry“: Hier bringt das Zwischenspiel Abwechslung, aber keine Entfremdung – eben genau das kleine Stück mehr Musik pro Song, das ich live bekommen möchte.
Auch wenn die Performance von Clutch ihre Macken hat, gefällt mir der Auftritt gut. Den Reaktionen vieler andere Zuschauer zufolge, die während der Songs ihre Arme, Köpfe und Beine schütteln und nach dem Auftritt mit einem Grinsen an die frische Luft kommen, scheint es den meisten sogar sehr gut gefallen zu haben. Vielleicht waren sie in den letzten Jahren nicht vor Ort, denn mit den zwei vorangegangenen Auftritten hatten Clutch die eigene Messlatte extrem hoch angelegt. Da kommt es gar nicht recht, dass der Sound an diesem Abend im Underground alles andere als gut ausgesteuert ist: Der Bass von Dan Maines ist viel zu laut und wabert wie ein zäher Brei über die Gitarren von Tim Sult und Fallon, die doch eigentlich die Songs vorantreiben sollten. Spätestens mit der Zugabe ist der Ärger über die schlechte Akustik jedoch verflogen, denn Clutch ziehen ganz am Schluss ihr Ass aus dem Ärmel: „The Mob Goes Wild“. Selten war der Titel eines Songs so treffend, selten hat mich ein Song jedesmal aufs Neue überwältigt, wenn ich ihn live gehört habe. Hier stimmt vom kraftvollen Gesang bis zum furiosen Gitarrensolo einfach alles, und die Zuschauer im Underground würdigen dies, indem sie die Stimmung ein letztes Mal bis zum Siedepunkt hochkochen lassen. Wer Clutch noch nicht live gesehen hat, sollte das in jedem Fall nachholen, denn die Jungs sind immer wieder ein Erlebnis.