c/o Pop

8. c/o pop Festival - 22.- 26.06.2011

22.06.2011 Diverse Locations in Köln / Köln

Von: Karsten Kraemer

c/o Pop Köln

Das Musikfestival "c/o pop" erreichte bei seiner achten Auflage mit insgesamt 35.000 Gästen in diesem Jahr einen neuen Besucherrekord. Damit konnte die Bestmarke aus dem vergangenen Sommer nochmals um 5.000 Besucher getoppt werden. Auch dieses Mal stand neben kreativen, ökonomischen und rechtlichen Fragestellungen des digitalen Zeitalters im Rahmen der C'n'B (Creativity & Business Convention) die Präsentation neuer Musiktrends im Vordergrund. Dafür hatte man 140 Künstler aus 25 Ländern zu 47 Konzerten und Parties an mitunter auch sehr ausgefallenen Locations eingeladen. Unüblich und durchaus erfreulich dieses Mal zudem, dass Pressevertreter als quasi "normale" Inhaber des Festivalbändchens Zutritt zum Kongress hatten und nach vorheriger Anmeldung an Vorträgen, Panels oder Workshops teilnehmen konnten.

Beim Studium des Programmheftes fällt sofort auf, dass einige der Veranstaltungsorte, darunter auch liebgewonnene Institutionen der letzten Jahre wie das Odonien oder Artheater, nicht mehr berücksichtigt wurden. Papierfabrik und Sensor Club fielen ja bekanntlich vor kurzem der Abrissbirne zum Opfer. Für diese Locations (u.a. auch Subway und Club Bahnhof Ehrenfeld) gibt es die sogenannte "off c/o pop", während hingegen die Opernterrassen und der Bogen 2 unter dem Hauptbahnhof total aussen vor sind. Was sich zunächst eher nach Gegenveranstaltung anhört, ist jedoch in das Konzept mit eingebettet und soll wohl den Partystrom kanalisieren, nachdem es in den vorangegangenen Jahren doch wiederholt Ärger aufgrund überfüllter Clubs gegeben hatte, in die selbst Besitzer des Festivaltickets keinen Einlass mehr fanden.

Startschuss ist am Mittwochabend mit dem Open Air Konzert der amerikanischen Soulsängerin Janelle Monáe und der jungen Kanadierin Maylee Todd im Tanzbrunnen. Da allerdings das Wetter an diesem Tag bisher sehr wechselhaft verlaufen ist und ich unbedingt WhoMadeWho im Gloria sehen möchte, mache ich mich gegen 21 Uhr auf zur Apostelnstrasse. Insbesondere im ehemaligen Kino ging 2010 beim Auftritt von Caribou und Bonaparte kurz nach Konzertbeginn am Eingang nichts mehr, da halfen weder Presse-Akkreditierung noch gutes Zureden. Den dänischen Abend komplettiert im Vorprogramm das junge Quartett Kiss Kiss Kiss, deren Indie-Pop mich jedoch nicht wirklich vom Hocker reisst. Ganz anders wenig später die Disco-Rocker um Jeppe Kjellberg (Gitarre), Tomas Barfod (Schlagzeug) und Tomas Hoffding (Bass & Gesang), die ihrem Ruf als exzellente Liveband wieder einmal vollauf gerecht werden. Das Gloria ist mittlerweile sehr gut gefüllt und die Stimmung nach zwei Zugaben um kurz nach Mitternacht auf dem Siedepunkt. Nach ihrem bereits damals großartigen Auftritt in den Opernterrassen 2009 setzen WhoMadeWho also erneut ein Ausrufezeichen, der Auftakt der fünf tollen Tage ist mehr als gelungen.

Zeitgleich präsentiert der einstige NDW-Held Andreas Dorau sein neues Album im Studio 672, während darüber im Stadtgarten die schon traditionelle Cómeme Night mit Matias Aguayo, Rebolledo, Daniel Maloso und anderen gegen 23 Uhr startet. Auch in der Festivalzentrale Gewölbe unter dem Westbahnhof, also quasi ums Eck, steigt um elf eine Party mit Gold Panda (live), Tobias Thomas, Marius Bubat und Marc Lansley. Sogar freien Eintritt gibt es davor im Scheuen Reh, wo schon am frühen Abend das Opening der Europareise, unterstützt vom Goethe-Institut und dem NRWKULTURsekretariat, stattfindet.

Am darauf folgenden Fronleichnamsfeiertag suche ich mir mit einer Lesung des ehemaligen VIVA- und MTV-Moderators Markus Kavka im Museum für Angewandte Kunst eher etwas Ruhigeres aus und werde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Der ursprünglich aus Oberbayern stammende Wahl-Berliner und ehemalige Wahl-Kölner, der vier Tage später immerhin schon seinen 44.Geburtstag feiert, gilt als Institution des Musikfernsehens und hat Anfang März seinen ersten Roman mit stark autobiographischen Zügen veröffentlicht. In sehr entspannter Atmosphäre trägt er eine Stunde lang die ersten Kapitel seines Buches vor, zwischendurch immer wieder garniert mit witzigen Anekdoten rund um die Entstehung des Werkes. Danach, und das ist für mich das eigentliche Highlight des Abends, gibt es auf einer riesigen Leinwand seine Top Ten der Musikvideos zu bestaunen, darunter solch legendäre Clips wie Michael Jackson's "Thriller" und "Sledge Hammer" von Peter Gabriel aus den Achtzigern, der visuelle Dance-Meilenstein "Around The World" von Daft Punk (2005), aber auch das kontroverse "Smack My Bitch Up" (The Prodigy) sowie die bewegende "Hurt"-Version von Johnny Cash kurz vor dessen Tod. Leider hakt bei zwei Videos die Technik, sodass es am Ende nur acht Clips zu sehen gibt. Anschliessend steht Kavka, der inzwischen auch erfolgreich als DJ arbeitet, noch zum Signieren seines Buches und den ein oder anderen netten Plausch im Foyer des MAK bereit. Ein überaus sympathischer Typ, den ich so eigentlich gar nicht erwartet hätte.

Zügig mache ich mich dann noch auf, um die Lage rund um die Festivalzentrale am Westbahnhof zu checken. Allerdings merkt man schnell, dass viele an diesem Feiertag die heimischen vier Wände dem Ausgehen vorgezogen haben. Im Gewölbe, in dem ich ab zwei Uhr gerne das Set der niederländischen DJane Steffi gesehen hätte, verlieren sich anderthalb Stunden vorher nur maximal 15-20 Leute. Im nur einen Steinwurf entfernten Studio 672 ist da schon mehr los, wo in Kooperation mit der Red Bull Music Academy gerade der amerikanische Multiinstrumentalist James Pants ein Wahnsinnsset aus Hip Hop, 60s Soul, 70s Punk, Psychedelic Rock, Breakbeats und Electro abfeuert. Im Anschluss daran wird das Ganze angeblich noch gesteigert von Ross Birchard aka Hudson Mohawke aus Glasgow, dem neuen Hip Hop-Wunderkind vom britischen Warp Records-Label, der eine "dubby Groovewalze" über die Menge rollen lässt. Das alles bekomme ich leider nicht mehr mit, da ich kurz vor halb zwei dann doch ziemlich ermüdet die Segel streiche, um noch rechtzeitig die letzte Tram zu bekommen.

Bestimmt ebenso interessant dürfte der Auftritt des "Brandt Brauer Frick Ensembles" gewesen sein, welches bereits um 20 Uhr im Klaus-von-Bismarck-Saal im Funkhaus des WDR begann. Nach ihrem Gig auf der Dachterrasse des Museum Ludwig im Vorjahr eine erneut aussergewöhnliche Location für die drei Berliner Jungs, die auf innovative Weise Techno, Jazz und Neue Musik miteinander verbinden. Über die Darbietung von Owen Pallett und Sascha Ring mit seiner Apparat Band in der Philharmonie wird ja an anderer Stelle schon ausführlich berichtet (nämlich hier).

Der nun anstehende Freitag ist für meinen Geschmack mehr oder weniger der "Großkampftag" des Festivals. Philipp Poisel, die Alin Coen Band, Oh Napoleon und Florian Ostertag treten live am Tanzbrunnen auf (siehe Extra-Review hier), Beat!Beat!Beat!, Balthazar und Bye Bye Bicycle im Gloria Theater. Wu Lyf und Touchy Mob sollen eigentlich auf besagter Museums-Dachterrasse spielen, dieser Act wird allerdings aufgrund der Witterung kurzfristig in die Cinemathek darunter verlegt. Ich hingegen entscheide mich zunächst für die Show der deutschen Avantgarde-Postrocker Kreidler im großen Saal des Stadtgartens. Das überwiegend "ältere" Publikum, also definitiv Ü30, bekommt einen interessanten Hybrid aus elektronischen und akustischen Instrumenten geboten. Kurz nach Mitternacht verlasse ich allerdings die Örtlichkeit, um mittels Bahn und gut zwanzigminütigem Fussmarsch rechtzeitig zum Auftritt der Isländer GusGus im Rahmen der mittlerweile schon fest etablierten Kompakt-Labelparty (Motto "Am anderen Ufer") im rechtsrheinischen Deutzer Bootshaus zu gelangen.

Dieses ist gegen ein Uhr schon recht gut gefüllt und tanzt zum Set von Gabor Schablitzki aka Robag Wruhme, der gerade an den Plattentellern steht. Die fünf Wikinger hingegen lassen sich noch etwas Zeit und entern erst um circa halb zwei die Bühne. Während zwei von ihnen jeweils hinter einem Mischpult ("Doepfer Modular-Systeme") für den fetten Sound zuständig sind, agiert der Rest, heute mit dem ehemaligen Bandmitglied Urdur "Earth" Hákonardottir als zusätzlichem verbalen Support, tanzend und singend im Vordergrund. Nach ihrem c/o-pop Gastspiel 2009 in den Opernterrassen kann sich in dieser Nacht auch ein größeres Publikum von der kraftvollen Liveperformance überzeugen. Für mich die perfekte Kombination aus Gefühl, Power und ein bißchen Glamour.

Es folgen im Line Up mit Kölsch aka Ink and Needle, Kompakt-Labelchef Michael Mayer, den Pachanga Boys und Sascha Funke wieder vermehrt "local heroes", da ich aber unbedingt das Set von Motor City Drum Ensemble im Stadtgarten erleben möchte, geht es kurz vor drei Uhr wieder retour Richtung Belgisches Viertel. Dort angekommen werde ich noch Zeuge der letzten Minuten der Darbietung von Aroma Pitch, einem jungen Kölner Trio, das eine faszinierende Fusion von elektronischer Musik mit klassischer Live-Instrumentalisierung (Klavier, Trompete, Bongos) präsentiert und auf Veranstaltungen wie den Cologne Sessions oder der Total Confusion schon für eine Menge Furore gesorgt hat. Momentan arbeitet man mit dem Flötisten Michael Heupel zusammen und das Ergebnis ist wirklich ein beachtlicher Sound, der deutlich cluborientierter ausgerichtet ist wie z.B. der vom keinesfalls minder begabten und bereits erwähnten Brand Brauer Frick Ensemble. Kurz darauf gelingt dann dem ebenfalls noch jungen DJ und Produzenten Danilo Plessow aka MCDE ein fliessender Übergang zu seinem House-Set, bei dem er jedoch schnell das Tempo anzieht und dem mittlerweile vollen Saal des Stadtgartens bei groovenden Beats mit einer gehörigen Prise Soul und Jazz eine angemessene After Hour beschert.

Der Samstag bietet wieder eine Menge Livekonzerte, die allerdings leider vom nach wie vor wechselhaften Wetter beeinträchtigt werden. So wird die Gratis-Veranstaltung "Playground Love" auf dem Kulturdeck am Aachener Weiher mit u.a. Ana Helder, Diego Morales und Strobocop kurzerhand auf den Sonntag verschoben, während um 18 Uhr das schon obligatorische "Chic Belgique" am Brüsseler Platz mit Jack Beauregard und Jeannel (ebenfalls zum Nulltarif) startet. Der bekannteste Act an diesem Tag ist aber zweifelsohne Wir sind Helden im Tanzbrunnen, die trotz der kühlen Temperaturen zwei Stunden lang für gute Stimmung sorgen. Ob auch das zweite Open Air-Konzert auf der Dachterrasse des Museum Ludwig mit Sizarr und Guerre witterungsbedingt ins Filmforum verlegt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Sehr interessant klingen auch die Dunkelkonzerte mit Rochus Aust und seinem Re-Load Futura-Ensemble im Haus des Kunstvereins Koelnberg auf der Aachener Strasse.

Der fünfte und letzte Tag beginnt traditionell mit dem c/o pop Cup 2011, dem Fußballturnier für Musik- und Medienteams auf den Poller Wiesen. Sowohl das Silent Concert von Oval in der Kirche St. Michael, bei dem die Zuhörer das Konzert ausschliesslich über Kopfhörer verfolgen können als auch die Performance von Echo-Preisträger Hellmut Hattler mit DJ Mike Litt als Unterstützung im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Raderberg müssen später zugunsten der Berliner Elektro-Ikone Paul Kalkbrenner zurückstehen, der im Deutzer Jugendpark im Rahmen der verschobenen PollerWiesen-Party open air auflegt. Da endlich auch das Wetter entsprechend mitspielt, fällt mir diese Entscheidung nicht allzu schwer. Dazu ebenfalls hier mehr.

Fazit: Ganz gleich ob Philharmonie, Bahnhofsgewölbe, Kammermusiksaal oder Kirche - auch wenn möglicherweise einige Partyhopper die eigentlich obligatorische "Deutschlandreise" am Samstag (bis zu 12 Clubs, 1 x Eintritt) vermisst haben sollten, war das Angebot wieder sehr vielfältig und abwechslungsreich. Dass man wie gewohnt persönliche Prioritäten setzen musste und dadurch das ein oder andere Highlight verpasste lag in der Natur der Sache. Auf alle Fälle ist es gut zu wissen, dass die c/o pop als urbanes Festival untrennbar mit der Stadt Köln verbunden ist und sich mittlerweile auch als feste Größe in der internationalen Popmusikbranche etabliert hat. Auf ein Neues!

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