7. c/o pop Festival - 23.- 28.06.2010
Wer gleichermaßen auf Musik und Fussball steht, kommt bei der Terminierung der diesjährigen c/o pop eventuell in schwierige Entscheidungskonflikte. Fanden Convention und Festival in den letzten Jahren stets im August statt, so mag die Vorverlegung den ein oder anderen überrascht haben - Gerüchten zufolge soll die Computerspielmesse "Games.com" dies nicht unwesentlich mitbeeinflusst haben, die fast exakt zwei Monate später in der Domstadt ihre Zelte aufschlägt. Ein interessantes Line Up, einige ungewöhnliche Locations und nicht zuletzt ein äußerst milde gestimmter Wettergott sollten allerdings - soviel schon mal vorweg - für eine durchaus positive Bilanz bei den Veranstaltern sorgen.
Zum Start gibt es am späten Mittwochabend zunächst deutschsprachigen Pop von Klee, Balkan Beats von Shantel's Bucovina Club Orkestar sowie Deep House mit Sascha Dive, Ray Okpara und Dorian Paic. Während das Heimspiel von Klee mit ihrer Sängerin Suzie Kerstgens und dem Überraschungs-Gastauftritt von David Gedge, dem befreundeten Sänger der englischen Band The Wedding Present, leider nur etwa einhundert Besucher in die Opernterrassen locken kann, ist bei Stefan Hantel und seinem mehrköpfigen Orchester im Gloria ausgelassene Stimmung. "Disko, Disko Partizani", so die musikalische Kampfansage und zugleich Titel des vorletzten Studioalbums, verbindet osteuropäische Folklore mit westlichen Pop-Elementen und ist Spektakel pur. Viele der Anwesenden sieht man im Deutschland-Trikot tanzen und skandieren und die elf Musiker auf der Bühne haben ebenfalls sichtlich Spaß.
Des weiteren feiert das Label MAGAZINE bei Deutz Air, einer geschichtsträchtigen alten Halle auf dem Gelände der Deutz-Mülheimer Werft am Rhein, seine Gründungsnacht mit einheimischen Lokalmatadoren wie u.a. Ada, Jörg Burger (aka The Modernist) und Philipp Janzen (Von Spar). Die neue Location "Club Bahnhof Ehrenfeld" präsentiert unter dem Titel "Robots-Nitedrive-Disco" mit Turntablism, Livemusik und Visuals klassischen Detroit-Techno und im Coco Schmitz auf der Aachener Strasse gibts zuguterletzt die "I'm Single"-Labelnight mit dem Berliner Entertainer, Sänger, Produzenten und DJ Khan.
Den Höhepunkt des darauffolgenden Tages zu benennen, fällt nach einem kurzen Blick ins Programmheft nicht sonderlich schwer. Die Franzosen von Phoenix (Support: James Yuill) spielen einen Exklusiv-Gig auf dem Dach der KölnMesse - ein wahrhaft spektakulärer Ort, zudem mit der Gewissheit eines perfekten Sonnenuntergangs mit Domblick und der restlichen Kölner Skyline. Da das Ganze von der Telekom gesponsert wird, gibt es Karten nur für rund 1.500 Glückliche, die sich vorab im Internet registrieren und auf positives Feedback mittels Losentscheid hoffen mussten. Ein Freund von mir, dem dieses Glück hold ist, berichtet später von Hüpfverboten, einer halbstündigen Unterbrechung aufgrund "technischer Probleme" (als solches kann man die Erschütterungen dann auch bezeichnen...) und einer bedenklich vibrierenden Bühne samt Scheinwerfer auf dem Parkdeck - aber auch von einem mitreissenden Auftritt mit dem Song "1901" von ihrem aktuellen Longplayer "Wolfgang Amadeus Phoenix", für den sie unter anderem einen Grammy in der Kategorie "Best Alternative Album" erhalten haben, als stimmungsvollem Schlussakkord.
Ich hingegen entscheide mich für die beiden Electro-Soundtüftler Walter Merziger und Arno Kammermeier aka Booka Shade im Gloria. Als Vorgruppe spielt mit The Smack ein mir bis dato unbekanntes Kölner Trio grossartig-knarzigen Techno-Rock'n'Roll mithilfe von Schlagzeug, Bass und Laptop bzw. Mischpult. Insbesondere der Drummer holt hier alles aus sich raus und zeigt, dass gute elektronische Musik durchaus auch "handgemacht" sein kann - ein Projekt, das man im Auge behalten sollte. Die Performance des Vorzeige-Duos vom Berliner Get Physical-Label lässt anschliessend keine Wünsche mehr offen - hinter düsteren Nebelschwaden und Lichtgewittern spielen Merziger (Keyboards, Regler) und Kammermeier (Percussion) ihre knapp neunzigminütige, extrem dynamische Show herunter. Nach enthusiastischen Zugaberufen bewegt sich Letztgenannter weg von seinem Schlagzeug zum Bühnenrand, sucht Publikumsnähe und sorgt mit nach oben gereckten Armen für einen kleinen Scooter-Moment. Auch am zweiten Abend erlebt also das ehemalige Premierenkino aus den 50er Jahren auf der Apostelnstrasse eine durchweg gelungene Party.
Danach unternehme ich noch ein kleines Hopping durch die Clubgemeinde und werde von der Resonanz ziemlich enttäuscht. Sowohl in den Opernterrassen bei der angekündigten Get Physical Night mit M.A.N.D.Y., DJ T, Thomas Schumacher und Catz N Dogz ist kurz nach Mitternacht nur eine Handvoll Leute anwesend als auch bei der Beatpackers-Party im Subway, wo 15-20 Gäste verstreut an der Bar und in den Ecken sitzen. Ein wenig mehr ist der Dancefloor bei der schon traditionellen Cómeme Night (mit u.a. Matias Aguayo, Rebolledo, Korkut Elbay und Diegors) im Roxy gefüllt, da mir Publikum und Ambiente dort aber schon seit Jahren missfallen, ziehe ich für diesen Tag einen Schlußstrich und trete gegen halb zwei den Heimweg an. Nicht besucht aber zumindest genannt werden soll noch das Konzert des legendären britischen Duos Coldcut, das unter dem Motto "Energy Union" im Rahmen einer europaweiten Multimedia-Kampagne einen Film zum Thema Klimaschutz produziert hat und diesen im Stile einer VJ-Cinema-Darbietung mit Support-DJs (u.a. Matt Black) im Gebäude 9 vorstellt. Bestimmt nicht minder interessant auch der Dokumentarfilm über Ricardo Villalobos, der im Museum Ludwig gezeigt wird. Es ist halt wie immer bei diesem Festival - klonen müsste man sich können.
Tag drei führt dieses Mal auch mich zunächst in luftige Höhen, und zwar auf die Dachterrasse des Museum Ludwig, wo das deutsche Minimal-Kraut-Fusion-Trio To Rococo Rot seinen Auftritt haben wird. Etwaige Probleme mit der Statik können hier schon von vornherein ausgeschlossen werden: Zum Einen lädt der Stil der Berliner Soundfrickler nicht unbedingt zu ausufernden Bewegungen ein, zum Anderen lässt die Fläche von maximal zweihundert Quadratmetern keine grossen Menschenmassen zu. Ein kurzer Blick in die Runde lässt auch schnell erkennen, dass sich zu dieser Veranstaltung überwiegend etwas ältere Semester (zwischen 30 und 50 Jahren) eingefunden haben, des Ortes entsprechend wohl mehrheitlich der Künstlerfraktion zugehörig. Vorher wird mit Brandt Brauer Frick erneut die einheimische Szene gepusht - drei junge Herren mit Hemd und Krawatte, die akustischen Techno zum Besten geben und wie bereits die Kollegen von The Smack versuchen, dieses an sich computerbasierte Genre in Instrumente zu packen und quasi "live" zu spielen, und das vor allen Dingen mit eigenen Kompositionen und nicht mit bekannten Coverversionen. Immerhin hat dies den Drei bereits zu einer Session im renommierten Berliner Club Berghain im September des letzten Jahres verholfen. Sehr experimentell aber auch sehr spannend, auch hier sollte man sich die Namen merken.
Ein kurzer Abstecher, da praktisch "ums Eck", zum Bogen 2 unter dem Hauptbahnhof, wo der zweite Teil des "Reeperbahn Festivals" stattfindet, am heutigen Freitag mit "Ja, Panik" aus Wien, 1000 Robota aus Hamburg und dem Berliner Songwriter Hans Unstern. Trotz relativ gutem Besuch um diese Uhrzeit ziehe ich es jedoch vor, schnellstmöglich zum Gloria zu gelangen, da dort unter der "Schirmherrschaft" der SPEX drei vielversprechende Live-Acts angesagt sind.
Als ich gegen kurz nach halb elf eintreffe, vernehme ich bereits den psychedelischen Rave von Dan Snaith alias Caribou, der gerade mit seinem sechsten Album "Swim" für Furore sorgt. Leider erweisen sich die Türsteher als äusserst unnachgiebig und verweisen mit einem lapidaren "Der Laden is voll!" auf eine angeblich kursierende Gästeliste, auf der mein Name allerdings fehlt. Auch Rücksprachen mit (offensichtlich) Verantwortlichen dieser Veranstaltung sind vergebens, ebenso das Vorzeigen der Presse-Akkreditierung nebst Personalausweis. Rien ne va plus. Was bei der letztjährigen c/o pop noch funktionierte (eben das Festivalbändchen in Kombination mit Presseausweis und Perso) führt diesmal ins Leere. So entgeht mir auch die Show vom deutsch-schweizerischen Punkwanderzirkus Bonaparte und der Auftritt der aktuell ziemlich gehypten schwedischen Popsängerin Robyn. Unverständlich und auch ein wenig ärgerlich, warum die Macher dieses Konzert bei der Vorab-Planung nicht in eine größere Location verlegt haben, wo doch klar gewesen sein musste, dass dies das Highlight des Tages sein würde.
Naja, nun heisst das Motto "umdisponieren", keine weitere Zeit mehr mit Warterei und Diskussionen zu vergeuden und schnellstmöglich die knapp 400 Meter zu den Opernterrassen zurückzulegen - schliesslich wartet dort mit den Briten von The Go!Team eine durchaus ebenbürtige Alternative. Der Saal ist gut gefüllt aber keineswegs ausverkauft, soeben haben The Ruby Suns aus Neuseeland die Bühne verlassen und alles wartet auf die sechsköpfige Band um Mastermind Ian Parton und ist bereit für wüste Tanzmusik mit Mundharmonika, Streichern und Blockflöten, Oldschool-HipHop, schrummeligen Pop, Motown Girl-Group-Gesang und einer gehörigen Portion verzerrter Gitarren. Dazu das Energiebündel Nkechi Ka Egenamba (schlicht und einfach Ninja genannt) am Mic, das die Partymeute sofort unter ihre Kontrolle bringt. Nach schweißtreibenden achtzig Minuten haben die Jungs und Mädels aus Brighton auf alle Fälle den Beweis erbracht, stimmungs- und vor allem bewegungstechnisch jede Bude zu rocken.
Zur schönen Tradition während des Festivals ist auch die "Silent Disco" geworden. Hierbei verteilt Sponsor Sennheiser am Eingang der jeweiligen Location Funkkopfhörer an die Besucher, die die vorgetragene Musik auch nur über solche Hilfsmittel empfangen können. Und für dieses Experiment hat man mit dem Tropenhaus des Kölner Zoos nicht nur einen wahrlich aussergewöhnlichen Ort bereitgestellt, sondern mit Hendrick Weber, besser bekannt unter dem Pseudonym Pantha du Prince, auch einen ganz besonders geeigneten Vertreter gefunden. Auf einzigartige Weise stellt er dem Publikum somit sein neues Album "Black Noise" vor, dessen naturalistische wie digitale Soundscapes hervorragend in diese Umgebung passen.
Wer anschliessend wieder den vollen Wumms benötigt, kann durch eine schnelle Rheinüberquerung via der Zoobrücke bei Uffie (live) und Busy P sowie Mr Flash (an den Decks) vom Pariser Hipster-Label Ed Banger im Bootshaus das Tanzbein schwingen oder mit der legendären Kompakt-Party in der Ehrenfelder Papierfabrik eine schon feste Instanz in Sachen Kölner Label-Feierei aufsuchen. Für gehörigen Zulauf sollte hier alleine schon das Line Up sorgen, das sich wie das who-is-who des back catalogues liest: Matias Aguayo & Band, Walls, Triola sowie Gui Boratto auf der Bühne und Michael Mayer, Superpitcher, Ewan Pearson und Robag Wruhme am Plattenteller.
Mich reizt allerdings eher der Live-Auftritt von Christian Prommer's Drumlesson im Studio 672. Ob Drum'n'Bass mit Fauna Flash, Detroit-Techno mit Voom:Voom, Nu Jazz mit dem Trüby Trio oder jetzt Jazzuntericht - das Münchner Compost-Urgestein besitzt einen wahrlich vielfältigen Output und interpretiert nun mit Jazzband Klassiker der Technogeschichte in einer Art Jamsession. Dass der Gig nur etwa 20-30 Interessierte in den Keller des Stadtgartens lockt, stört mich jedenfalls in keinster Weise. Gerade diese dezente Atmosphäre finde ich in dem Moment absolut angemessen.
Zwei schon obligatorische Events dann am darauffolgenden Samstag: Die kostenlose Pollerwiesen-Party, die dieses Mal nicht im Jugendpark stattfindet, sondern getreu dem Motto "back to the roots" zu ihrem eigentlichen Ursprung zurückkehrt, nämlich zum Rheinufer in Poll. Mit DJ Hell, DJ T, Tom Novy und Tiefschwarz ist dementsprechend auch die erste Liga einheimischer Plattendreher am Start. Passionierte Clubhopper kommen ebenfalls nicht zu kurz - einmalig 15 Euro zahlen und Zugang zu neun Partys haben, die in ihrer Gesamtheit wie gewohnt das gesamte Spektrum von elektronischer Musik abbilden - daher nun etwas namedropping im Schnelldurchlauf: Techno und House gibt es bei "smile vs deep" im Gloria (mit Morgan Geist, Shumi, Marc Lansley), Baile Funk und Global Disco in den Opernterrassen (Edu K, Daniel Haaksman), Elektro-Indiepop in der Papierfabrik (Timid Tiger, Bratze), Drum'n'Bass im Gebäude 9 (Spectrasoul, The Green Man), "Toutes Directions" lautet der Slogan im Subway (Daniel Wang, Nathan McLay), für Reggae und Dub ist im Stadtgarten und Studio 672 (Deebuzz, Kingstone, DJ Freeze) gesorgt, zudem noch Breakbeats im Bogen 2, Urban und Elektro im Sensor Club und, last but not least, lädt quasi als finale Örtlichkeit das Odonien mit u.a. David Keno und Jaxson bei Sonnenaufgang zur After Hour ein.
Der Sonntag steht dann ganz im Zeichen von König Fussball und dem WM-Achtelfinalklassiker Deutschland gegen England, da kann eine Musikveranstaltung nur die zweite Geige spielen, das gebe ich an dieser Stelle offen zu. Dennoch statte ich gegen halb elf dem Konzert der Sterne im Stadtgarten noch einen Kurzbesuch ab, die mit Gomma-Betreiber Mathias Modica alias Munk und Jonas Imbery (Telonius) das Festival Closing präsentieren.
Einen absoluten Höhepunkt hält aber noch der Montag bereit: die große Abschlußgala in der leider nur halb gefüllten Philharmonie mit dem norwegischen Jazz-Innovator Bugge Wesseltoft und der deutschen House-Ikone Henrik Schwarz. Als Co-Headliner kann man Aufgang, eine multikulturelle Formation um den Neue Musik-Shooting Star Francesco Tristano, verpflichten. Das Trio besteht aus zwei klassischen Pianisten und einem klassisch ausgebildeten Schlagzeuger. Rami Khalifé, ein gebürtiger Libanese und der Luxemburger Tristano sind allerdings nicht die üblichen klassischen Pianisten und der Franzose Aymeric Westrich nicht der typisch unterbeschäftigte Konzertschlagzeuger. Ihre zweite Heimat, neben dem Konzertsaal, ist der Club. Unfassbar schnell ihre Piano Soli, die das Publikum gegen Ende ihres einstündigen Auftritts mit Standing Ovations honorieren. Nach kurzer Umbaupause dann die Kölner Premiere des gemeinsamen Projekts von Schwarz/Wesseltoft. Faszinierend mitzuerleben, wie sich die beiden musikalischen Vollblut-Visionäre gegenseitig die Bälle zuspielen, ein genialer technoider Freejazz mit digitalen (Laptop, Mischpult, Drumcomputer) und analogen (Klavier, Moog, Xylophon, Maracas) Geräten und das Ganze bei dieser perfekten Akustik - liebend gerne hätte ich noch länger dieser Vorführung zusehen und lauschen können, doch nach einer Zugabe ist kurz nach Mitternacht die Session beendet. Besonders angenehm zu beobachten, wie bescheiden beide Protagonisten wirken, was insbesondere Jazzmusikern in aller Regel ja nachgesagt wird.
So, dies war nun ein persönlicher, aber auch allgemeiner Rückblick auf sechs Tage oder besser gesagt Abende dieses Festivals, das so viele Künstler im Programm wie noch nie zuvor präsentierte. Und dabei sind hier noch nicht einmal alle Acts aufgezählt worden, ebenso die sonstigen Angebote wie der Musik- und Designmarkt auf dem Offenbachplatz, Grafitti- und Kunstausstellungen, Drive-In-Konzerte für Pkw & Fussgänger im Parkhaus auf der Maastrichter Strasse, die Shopping Night im Belgischen Viertel, das traditionelle Spex-Fussballturnier im Südstadion und natürlich die Diskussionsrunden, Vorträge, Panels und Workshops der Convention im Staatenhaus am Rheinpark. Darauf allerdings im Detail einzugehen würde jeglichen Rahmen sprengen, denn letztlich soll's ja hier überwiegend um eins gehen: Musik.
Und was diese betrifft, hat sich die c/o pop mittlerweile als Einblick in die aktuellen Strömungen elektronischer Musik und deren Einfluss auf die moderne Popkultur fest in Europa etabliert.