Darkness Over X-Mas mit Anima, Lay Down Rotten, Callejon, Neaera, Legion Of The Damned und Sonic Syndicate
Die Feiertage können ganz schön anstrengend sein: Mutti stopft die Familie bis zum Rand mit Weihnachtsgänsen voll, Papa erzählt, mit welchem Kniff er den Weihnachtsbaum in diesem Jahr aufgestellt hat („Den Metallständer leicht anwinkeln ...“) und mit den entfernt Verwandten läuft die Konversation auf „Wie geht's dem Hund?“-Niveau. Was gibt es also Besseres, als schon am ersten Weihnachtstag der heimischen Hütte zu entfliehen und auf ein Metal-Konzert zu gehen? Das dachten sich einige hundert Kölnerinnen und Kölner, die um 18.30 Uhr zum Mini-Festival „Darkness Over X-Mas“ in die Essigfabrik am rechten Rheinufer pilgerten. Die Konzerthalle hat sich, neben Locations wie der Live Music Hall in Ehrenfeld, zu einer guten Metal-Adresse in Köln gemausert, wie das ansprechende Programm der nächsten Monate zeigt (u.a. Iced Earth und Saxon). Am ersten Weihnachtstag standen nun Anima, Lay Down Rotten, Callejon, Neaera, Legion of the Damned und Sonic Syndicate auf dem Programm. Genauso bunt gemischt wie das Line-Up war auch das Publikum: Death- und Thrash-Fans warteten genauso auf die Auftritte wie eine größere Emo-Fraktion, die offensichtlich wegen Sonic Syndicate gekommen waren. Klassische Kuttenträger wurden an diesem Abend dagegen nicht gesichtet.
Mit Anima eröffnete eine junge Truppe (gegründet 2005) aus Thüringen den Abend – und machte gleich mächtig Tempo. Die laut Nuclear Blast „deutsche Deathcore-Hoffnung“ inszenierte ihre Musik mit vielen Breakdowns und krachenden Blastbeats, konnte beim Publikum jedoch nicht so recht zünden: Die meisten Besucher hielten sich im Hintergrund oder sorgten für Biernachschub, vor der Bühne dagegen war nicht viel los. Schade, denn die Musik der Truppe um Robert Horn hätte mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Die Jungs stehen jedoch am Anfang ihrer Karriere und haben mit ein bisschen Glück noch einiges vor sich.
Schon die Spitznamen der Mitglieder von Lay Down Rotten verraten, dass die Band sich nicht künstlich ernst nimmt, wie es andere Vertreter des Genres tun: Angeführt von Jost „Little“ Kleinert am Mikrofon spielten der „Mett-God“ Daniel Jakobi, Timo „Borgir“ Claast und die anderen Jungs aus Hessen nach dem Auftakt durch Anima eine gute Show. Der dynamische Death-Metal von LDR wird von einem kräftigen Schlagzeug angetrieben und ist mit eingängigen Gitarren-Soli durchsetzt. Und wie es die eben genannten Spitznamen vermuten ließen, ging es auf der Bühne nicht allzu ernst zu: Sänger „Little“ und der „Mett-God“ spielten sich geschickt ein paar humoristische Bälle zu – und das, ohne dabei übermäßig albern zu wirken. Das entscheidende Plus von Lay Down Rotten war jedoch auch an diesem Abend sauber gespielter und kraftvoller Death-Metal, der - so wichtig und spannend neue Einflüsse auch sind - auf sehr angenehme Art und Weise an frühere Zeiten des Genres erinnerte.
Dass die ach so bittere Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf nur ein karnevalistisches Klischee ist, bewiesen als dritte Band an diesem Abend Callejon: Dort standen nämlich Dom- und Landeshauptstädter gemeinsam auf der Bühne. Es war deutlich zu merken, dass das letzte Album der „Zombiecorer“, wie sie sich kreativerweise selbst bezeichnen, erst im November 2008 erschienen ist. Die meisten Songs ihrer Show stammten vom neuen Album und schienen bei einigen offenbar eingefleischten Fans bereits bestens bekannt. Mit ihrem Metalcore überzeugten Callejon ihre Zuschauer und heizten die Stimmung vor der Bühne weiter an. Einmal mehr zeigte sich, dass der bei manchem alten Metal-Hasen verschriene Metalcore live funktioniert: Die melodiösen Passagen mit „cleanem“ Gesang klingen live einfach härter und dynamischer als aus den Boxen der heimischen Anlage – was nicht nur Callejon, sondern auch andere Bands wie Deadlock oder Soilwork in diesem Kölner Metal-Winter bewiesen haben.
Nun ein bisschen was für die Bildung: Die vierte Band des Abends, Neaera, benannte sich nach dem altgriechischen Wort für „Prostituierte“. Mit „Neaira“ wurde damals jedoch nicht die Billignummer-Variante, sondern eine gebildete und musisch bewanderte Beischlaf-Begleiterin von hohem gesellschaftlichen Ansehen bezeichnet. In diesem Fall passt der Name eigentlich ganz gut, denn für ihr Geld lieferten Neaera eine gute Melodic-Death-Show, wenn auch die orgasmischen Höhepunkte ein wenig gefehlt haben – dafür war der Auftritt der Münsteraner einen Tick zu professionell und zu wenig enthusiastisch. Auf das Publikum sprang der Funke dennoch über, das vor der Bühne mächtig in Bewegung geriet. Nur gut, dass die Essigfabrik nicht ausverkauft war, sodass Nicht-Mosher sich ohne aufgezwungenen Körperkontakt im Hintergrund halten konnten.
Legion of the Damned zeichnete sich im Gegensatz zur vorherigen Band weniger durch einen feingeistigen Namen, sondern durch eine kraftvolle Show aus: Die Thrasher aus den Niederlanden scheinen sich seit dem Abgang von Sängerin Rachel Heyzers (damals noch als Occult) endgültig gefangen zu haben und hauten dem Publikum unter anderem Songmaterial des erst wenige Monate alten Albums „Cult Of The Dead“ mit voller Wucht um die Ohren. Leider fand die Band in Sachen Stimmung und Zuschauerzahl nicht den gebührenden Zuspruch in der Halle, was nicht verwundert: Die Melodic-Metalcore-Fraktion war abgefeiert, und die Fans von Sonic Syndicate ließen sich ohnehin für kaum eine der anderen Bands begeistern.
In den meisten Lebenssituation gilt die Devise, dass man sich das Beste bis zum Schluss aufheben sollte. Das galt jedoch leider nicht für das Ende von „Darkness Over X-Mas“. Der Auftritt von Sonic Syndicate war nicht der gelungene Abschluss, den dieser Metal-Abend verdient gehabt hätte. Die Show der schwedischen Melodic-Death-Band um die drei Sjunnesson-Geschwister war einfach zu künstlich und uninspiriert. Die zahlreichen Fans der Band waren begeistert, der neutrale Beobachter wähnte jedoch eher, ohne das despektierlich zu meinen, eine Metal-Variante von Tokio Hotel auf der Bühne. Auch wenn die Schweden von Sonic Syndicate bei ihrem Auftritt nicht so übertrieben stylish-aber-böse wie auf ihren Pressefotos aussahen, scheint sich die Band dennoch in erster Linie über ihre Außendarstellung statt über Musik mit Leidenschaft und Seele zu definieren – für die sorgten an diesem Abend nämlich andere Bands.