Deichbrand

6. Deichbrand - Rockfestival am Meer - 16.-18.07.2010

16.07.2010 Seeflughafen Cuxhafen / Nordholz / Nordholz

Von: Melanie Schupp

Deichbrand Nordholz

“Wir rechnen in diesem Jahr mit Sonnenschein” prognostizierten die Veranstalter des diesjährigen Deichbrand Festivals in Cuxhaven zuversichtlich. Und sie sollten recht behalten. Nicht nur die pralle Sonne schien vom Himmel, als der Startschuss am Freitag fiel. Auch aus den Gesichtern der über 13.000 Besucher strahlte es nur so vor Begeisterung und guter Laune. Kein Wunder denn bereits vor dem offiziellen Festivalstart heizten 5 Acts den bereits angereisten Besuchern ein. Über den  „Red Bull Tour Bus“, der als vierte Bühne diente und direkt auf den Zeltplatz ausgerichtet war, konnten sich die campenden Deichbrand-Besucher gemütlich bei Grillwurst und Bier im Campingstuhl beschallen lassen. Und wer seinen Schlafplatz besonders geschickt gewählt hatte, konnte das Geschehen auf der Bühne auch von ganz hinten von seinem Zeltplätzchen verfolgen. Vorrangig Newcomerbands, die noch keine großartige Gelegenheit hatten, sich vor solch einem großen Publikum zu präsentieren bekamen hier die Chance sich zu beweisen. Lokomotif, Craizy Noize, Milk, Kraftklub und Good Shoes bildete die Vorhut am Donnerstag. Die gechillte und kumpelhafte Zeltplatzatmosphäre nahm gewiss einiges an Lampenfieber.

Freitags durften The Downfall Ends die teils noch schlafenden Zeltbewohner mit ihrem Emocore wecken und auf das Kommende einstimmen. Trotz des nicht gerade geringfügigen Windes kam der Sound gut beim Hörer an und die punkige Coverversion von Lady Gagas „Paparazzi“ zauberte das ein oder andere Lächeln des Wiedererkennens auf die Gesichter. Nachdem Leaving Soho eine halbe Stunde später nach ihren Kollegen von The Downfall Ends die Bühne erklommen war bereits einiges Leben in den Zeltplatz gekommen, denn langsam hieß es sich fertig zu machen um das eigentliche Festivalgelände zu erobern!

Auf dem gut überschaubaren Gelände herrschte eine entspannte und freudige Atmosphäre. Nachdem Männerurlaub die sogenannten Fire Stage für das Deichbrand 2010 eingeweiht hatten, ging es nach nur 10 Minuten weiter auf der Water Stage rechts davon. Bei diesem Festival überschnitt sich auf den beiden Hauptbühnen keine einzige Band. Ein gelungenes Konzept, bei dem der Festivalbesucher nicht in die verzweifelte Lage kam, sich zwischen zwei Lieblingsbands entscheiden zu müssen. Ganz relaxt konnte man von Bühne zu Bühne wechseln und hatte auch von einem der hintersten Standorte eine gute Sicht. Und in ebendiese entspannte Lage passten Livingston mit ihrer soften Rockmusik perfekt hinein. Sogar die Sonne gönnte sich hier eine kleine Verschnaufspause. Das Gelände füllte sich nun geschwind und zu Revolverheld fanden sich viele Fans ein. Mit „Ich Werde Nie Erwachsen“ starteten sie ihr Set und bei „Generation Rock“ stand kein Bein still. Auch Bela B setzte die Tradition der gutgelaunten deutschen Musiker auf der Fire Stage fort.  getrunken oder einen Sonnenstich erlitten, konnte bei genauerem Hinsehen aufatmen. Nicht Bela B geklont, sondern ein Original und mehrere Fälschungen standen auf der Stage. Nach kurzer Zeit lüftete jedoch die Hitze das Geheimnis komplett und die Musiker um Original-Bela zogen ihre Masken ab. Frontmann Bela präsentierte sich charmant wie immer und machte in seinem Anzug eine solch gute Figur, dass gewiss so manch ein Frauenherz schneller schlug.

Und auch die Männerherzen kamen auf ihre Kosten, als The Sounds auftraten. Frontfrau Maja Ivarsson brachte die Water Stage mit ihren Hotpants, High-Heels und 1a trainierten Beinen zum kochen. Doch nicht nur optisch, sondern auch musikalisch stimmte das Gesamtbild. Die Menge tanzte und jubelte. Das Gegenstück zu den poppig-funkigen The Sounds boten dann die Rocker von Papa Roach in ebenso hoher Qualität. Hier ging es so heiß her, dass Sänger Jacoby bald seine Lederjacke wegfeuerte und im ärmellosen Hemd weiter sang. Trotz mittlerweile recht frischem Wind, wurde auch dem Publikum warm beim mithüpfen und feiern. Bei Jacoby’s Begrüßung konnte man unschwer raushören, dass der Sänger an Heiserkeit litt. Sobald er jedoch seinen Gesang anstimmte war die Heiserkeit wie weggeblasen. So sang er sich einwandfrei durch Songs der aktuellen Scheibe“Metamorphosis“ wie „Hollywood“ und natürlich dem Durchbruchshit „Last Resort“, bei dem das Publikum seine Solidarität bewies und sich ebenfalls heiser schrie.

Doch der Höhepunkt des Abends war noch nicht erreicht. Nachdem einige schweiß gebadete Zuschauer nach Papa Roach zu den Apokalyptischen Reiter gepilgert waren, machte die Water Stage ihrem Namen alle Ehre. Das Gewitter, das den ganzen Abend bereits zu spüren war brach endlich aus. Aus großen Tropfen wurden nach den ersten drei Songs starke Regengüsse. Erstaunlich viele wackere Fans ergriffen jedoch nicht die Flucht und verharrten vor der Bühne. Kein Wunder, denn die mitreißende Show der Reiter, mit einem ledermaskierten, peitscheschwingenden Keyboarder, der sich ab und an auf seiner bizarren Metallschaukel wiegte und einem mehr als präsenten und überzeugenden Frontmann, bannte die Menschen. Während die Blitze grelle Narben durch den dunklen Nachthimmel zogen hechtete die Ledermaske über die Bühne – kein Regen der Welt konnte die Apokalyptischen Reiter aufhalten. Wer bis zum Ende ausgehalten hatte wurde mit dem Dank der Musiker belohnt, die sich wirklich tapfer schlugen und alles gaben. Nach knapp mehr als einer Stunde waren denn auch die restlichen Zuschauer „erlöst“, der apokalyptische Bann brach und ein jeder konnte sich zum Zeltplatz begeben oder aber an der Club Stage No.3 indoor mit Digitalism weiterfeiern.

Der Festival-Samstag begann im Trockenen mit Harthof und Love Many Feet. Langsam kamen die Besucher in die Gänge und zu Sondaschule fand sich eine beschauliche Schar ein. Eine Band die sich offensichtlich selbst nicht ernst nahm und genauso verhielt. Das ließ die Fans umso ausgelassener werden und sie jubelten und reckten den Musikern ihre Hände entgegen.  Ska-Dumm-Punk vom Feinsten präsentierten Sondaschule, doch musikalisch betrachtet ließ das Niveau nicht zu wünschen und umso sympathischer kamen die Hochwasserhosen des Grimassen schneidenden Frontmann Costa rüber. Sogar zum Stagediving ließ Costa sich hinreißen und die Menge trug ihn auf Händen. Als zur letzten Hälfte der Show die Boxen komplett ausfielen gab er seine Breakdancekünste zum Besten, was die Leute vor der Bühne mit lautem Applaus quittierten. Ohne ein Wort zu sagen – die Boxen gaben nämlich immer noch keinen Ton von sich – animierte Costa die Anwesenden zu einer La Ola Welle. Das Fehlen der Lautstärke schien ihn keineswegs zu irritieren, ruhig fuhr er fort die Leute zu unterhalten oder die Pause für ein Bierchen zwischendurch zu nutzen. Und als zu guter Letzt doch am Ende mit seinem Latein ward, ließ er kurzerhand die Hosen fallen. Nach 10 Minuten unterhaltsamster Pause ging es dann zum Endspurt in die letzten 15 Minuten.

Mit durchtrainiertem Zwerchfell vom Lachen entließen Sondaschule die Zuschauer zu Timid Tiger – elektronisches Vergnügen straight from Electric Island! Die deutschen Interpreten wurden an diesem Tage groß geschrieben – der nachmittägliche starke Regenschauer hielt die Leute nicht von der Musik fern. Von Jochen Distelmeyer über Blumentopf und Grossstadtgeflüster landeten die Festivalbesucher bei Madsen. Hier zeigte sich die große Fangemeinde textsicher. Die Musiker aus Prießeck hatten ihre Freude an ihrem Auftritt und zeigten dies, indem sie eine einwandfreie Show hinlegten. Nach über einer Stunde schweißtreibendem Programm war die Menge gut aufgeheizt für einen weiteren Headliner des Tages. Zum wiederholten Male betraten Subway To Sally das Rampenlicht der Rock City Cuxhaven. Die Show der Potsdamer erstrahlte in üblicher hochwertiger Qualität und zog eine große Menge an. Die Atmosphäre steigerte sich zum Gänsehautfaktor. Als bei der Zugabe „Julia und die Räuber“ Eric Fish zum Dudelsack griff, gab es kein Halten mehr. Diesen Text kannten alle Anwesenden und brachten die auch lautstark zum Ausdruck.

Die deutsche Welle wurde auch beim letzten Act auf der Fire Stage nicht durchbrochen. Leider dauerte der Soundcheck aufgrund technischer Probleme etwas länger. Doch das „leider“ aus vorigem Satz war wohl eher ironisch, denn als sexy Lückenbüßer durften die heißen Fuelgirls hinhalten, die zu Tito & Tarantula’s „After Dark“ auch gleich sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. Doch nach 20 Minuten war es dann endlich soweit. Mit geteilter Stimmung – einerseits Freude auf die kommende Band, andererseits Trauer da die Fuelgirls die Bühne verlassen mussten – wurden Heaven Shall Burn begrüßt. Selbst Madsen Frontmann Sebastian ließ sich das nicht entgehen und verfolgte vom Bühnenrand aus das Geschehen. Vor der Kulisse einer schwarzen Wolkenkratzer-Stadt brüllte Heaven Shall Burn Frontmann Marcus den wie wild gewordenen Fans Leib und Seele entgegen.  Ein riesengroßer Circle bildete sich in der Menschenmasse – ein einziger rotierender Menschenauflauf und eine Band in Höchstform. Hier setzten sich gewaltige Energien frei und wem die Musik zu hart war, der konnte sich bei der Club Stage No. 3 bei Viva La Fete die Füße wund tanzen. Den Abschluss dieser Nacht boten die grandiosen Disco Boys, die so Einige noch bis zum Morgengrauen in Bewegung hielten.

Doch egal wie lange gefeiert wurde, am Sonntag ging es um 12.00 Uhr mit Le Fly weiter. Tanzmusik aus St. Pauli zum mitgröhlen. Freunde des FC St. Pauli durften hier nicht fehlen. Über A Chinese Restaurant, die statt Chop Suey harte Rockmusik feil boten, kam das Programm bei Itchy Poopzkid an. Die deutschen Punkrocker konnten sich über ein beschauliches Publikum erfreuen und begannen sogleich mit ihrem Set. Lediglich bei ihren Ansagen hätten sich die beiden Herren an Gitarre und Bass (Sebastian und Daniel) besser absprechen sollen um das ständige ins Wort fallen zu vermeiden. Doch diese Chaotie belustigte den Zuhörer eigentlich mehr, als dass es als störend empfunden wurde. Eine kleine ruhigere Dreiviertelstunde gab es danach auf der Water Stage mit An Horse. Die Zwei-Mann-Indieband spielte aus vollstem Herzen. Gesanglich perfekt und die Atmosphäre auf der Bühne steckte an. Die Menschen wiegten sich gechillt zur Musik und klatschten freudig Applaus.

Auf der Firestage folgte eine wahrhafte Explosion mit Dunè.  Die siebenköpfige Truppe aus Dänemark (wohnhaft in Berlin) eroberte die Bühne als auch das Publikum im Sturm. Sänger und Mädchenschwarm Mattias erschien mit Jacko-Gedächtnisjacke, die ihm bei seiner sehr schlanken und femininen Figur stand wie keinem zweiten. Wild sprangen die Musiker auf der Bühne umher, so dass dem Zuschauer mehr als einmal bange wurde, einer der Künstler könne bald zusammenbrechen in der Hitze, denn die Sonne hatte wieder voll aufgedreht. Kein Hit fehlte und die Mischung aus elektronischen Klängen, einer eingängigen Stimme, sowie die überzeugten Vollblutmusiker brachten die Menge zum rasen und tanzen. Natürlich durfte der Durchbruchshit „Bloodlines“ sowie weitere Hits wie „80 Years“ nicht fehlen. Dunè wussten was die Leute wollten und gaben es ihnen. Selbst Danko Jones Bassist John Calabrese stand im linken Bühnenrand und zollte den jungen Talenten seinen Respekt. Und auch Skindred wussten zu unterhalten. Frontmann Benji war Mr. Entertainment höchstpersönlich. Unermüdlich erzählte er Geschichten über seine metal-hassenden Nachbarn und spornte sein Publikum an, das seinen Aufforderungen Folge leistete.

So gut aufgewärmt war es für Danko Jones ein leichtes, daran anzuknüpfen.  Ohne zu zögern griffen sie in die Saiten und droschen auf das Schlagzeug ein. Danko Jones schien guter Dinge und organisierte vor dem allseits bekannten „First Date“  einen stummen Circle Pit – sprich ohne Musik. Sichtlich erfreut über den gelungenen Pit applaudierte die Band ihrem Publikum bevor Danko einen Song „about licking a girl’s pussy for 2 hours or more“ ankündigte. Bis dahin hatte er es auch lange ausgehalten ohne Nicht-Jugendfreie Ansagen. Die Fans hatten sich schon gewundert. Als die Menge nach der zu früh endenden Show nach Zugabe verlangten betrat ein über beide Backen grinsender Danko zurück ins Rampenlicht und motivierte die Leute zu einer La Ola Welle. Leider brachte dies den braven Zuhörern nicht die gewünschte Zugabe ein. Schade!

Dann gings eben weiter zu Hamburgs Lokalmatadoren von Tocotronic. Ohne Frage zogen die deutschen Indierocker der „Hamburger Schule“ ein großes Publikum an. Da wurde mitgesungen und geklatscht was das Zeug hielt. Einen gelungenen Abschluss des Deichbrand Festivals 2010 boten Jan Delay & Disko No. 1, die für ihre Auftritte vielseits bekannt und hoch gelobt sind. Die Gute-Laune-Mucke vereinte Menschen des unterschiedlichsten Musikgeschmacks. Noch einmal gaben Musiker und Publikum alles, um das Programm auf den Hauptbühnen des Deichbrands bis zum nächsten Jahr gebührlich zu verabschieden. Wer das Ganze nicht ganz so melancholisch ausklingen lassen wollte, der konnte bei den Monsters Of Liedermaching bei der Club Stage No. 3 die Lachmuskeln trainieren und mit Lachtränen in den Augen das Gelände verlassen.

Die Rockcity 6.0 machte ihrem Namen an diesem Wochenende alle Ehre. Wir freuen uns jetzt schon auf den 22. Juli 2011 wenn der Startschuss für ein weiteres Deichbrand Festival fallen wird. Doch bis dahin bleiben die Erinnerungen an viel Sonne, gute Musik, super Laune und nette Leute.
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