Tour 2010
Konzerte, die pünktlich anfangen, sind eher selten. Dass sich eine Show einer fünfköpfigen – wie bei jeder Tour ist bei Delta Spirit ein Gastgitarrist mit von der Partie – Band allerdings nach hinten verschiebt, weil ein Mitglied Probleme bei der Ausreise aus den USA hat, ist, vermute ich, nicht an der Tagesordnung. Bei Delta Spirit’s Tourauftakt in Köln geschah jedoch genau so etwas. Multiinstrumentalist Kelly Winrich durfte erst im zweiten Anlauf von Los Angeles nach Düsseldorf fliegen. Seine Bandkollegen waren da schon in der Domstadt, absolvierten den Soundcheck, gaben Interviews und warteten auf ihren Kumpel. Der kam dann im Kleinbus und ging mehr oder weniger direkt mit seinen Kollegen auf die Bühne.
Dort konzentriert man sich nach Winrichs Ankunft auf Songs der aktuellen Platte "History From Below" und ergänzt diese mit Stücken wie "Strange Vine", "People C‘Mon" oder "Children" vom LP-Debüt "Ode To Sunshine". Natürlich darf auch der größte Delta Spirit-"Hit" nicht fehlen. Zu "Trashcan" wechselt Vasquez ans Keyboard, Winrich schnallt sich die Howard-Zinn-Gedächtnis-Gitarre seines Freundes um und nach einem "Wish You Were Here"-Intro startet die Hobo-Rock’n’Roll-Herrlichkeit.
Wer die Eckdaten des Tourauftakts kennt, wird dem Fünfer aus Kalifornien die vergleichsweise geringe Spielzeit verzeihen. Um die 65 Minuten gaben Frontmann Matt Vasquez und seine Bandkollegen alles, dann war Winrichs Jetlag-geplagter Körper leer und die Bühnenurgewalt von Delta Spirit, zumindest für diesen Abend, Vergangenheit. Dass man Winrich während der guten Konzertstunde seine Müdigkeit und die äußeren Umstände nicht anmerkte, spricht für seine Professionalität und seine Leidenschaft. Als Vasquez die letzten beiden Songs ankündigt, ergreift Winrich nach dem ersten das Wort und kündigt noch zusätzliche Nummern an – ganz leer ist der Akku da noch nicht. Erst nach einem gewaltigen "Gimmie Some Motivation" – von der ersten, längst vergriffenen Delta Spirit-EP "I Think I’ve Found It" – scheint Schicht im Schacht. Vasquez ist im Verlauf des Songs von der Bühne geklettert, hat im Publikum den John-Belushi-Animal-House-Gedächtnis-Toga-Animateur gegeben und einen fulminanten Schlusspunkt gesetzt.
Ohne Zugabe geht das Gebäude 9-Publikum heute allerdings nicht nach Hause. Winrich kratzt die letzten Körner zusammen und geht mit seinen Freunden für einen allerletzten Song auf die Bühne. "Crippler King" heißt die Nummer, die ebenfalls von der vergriffenen EP stammt und so klingt, als wäre Dylan 45 Jahre später geboren worden und hätte Newport 2010 und nicht 1965 mit seinen elektrischen Teufelsinstrumenten das Fürchten gelehrt. Danach gehen die Lichter aus. Brandon Young verarztet seine Schlagzeugfingerblasen, Jon Jameson – der wieder mal nicht wusste, ob er klamottenmäßig eher zu Survivor oder Phish passen möchte – hat den subtilen Schalk im Nacken und Matt Vasquez mischt sich unters Publikum. Und Kelly Winrich? Der verflucht die Bürokratie und freut sich aufs hochverdiente Bett.