Es wird eng-Tour 2007
Die Ärzte haben bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 25 Jahre gibt es die Spasspunker aus Berlin nun schon. Zugegeben, ich persönlich bin mit der selbsternannten "Besten Band der Welt" nie übermäßig warm geworden. Trotzdem haben auch mich die Ärzte-Songs durch die Pubertät begleitet und Farin Urlaub huldige ich noch heute für sein grossartiges Nebenprojekt "King Kong". Inzwischen ist er zusammen mit Bela B. und Rodrigo González wieder so richtig angesagt. Das zeigt sich auch in der Kölnarena. Getreu dem Tourmotto "Es wird eng" ist die Hütte restlos ausverkauft.
Die Stimmung ist schon vor Konzertbeginn gigantisch. Die Fans feiern sich und die Ärzte mit Sprechchören und La Ola-Wellen. Als um kurz nach 20 Uhr (Vorgruppe gibt es keine) die ersten Takte von "Himmelblau" erklingen, greift im weiten Rund schon fast eine Art Hysterie um sich. Die ersten beiden Strophen spielen die Ärzte noch hinter einem schwarzen Vorhang mit dem Bandlogo. Beim Refrain fällt auch der und die Party kann beginnen. Weiter geht es mit "Lied vom Scheitern", ebenfalls vom aktuellen Album "Jazz ist anders". In den folgenden drei (!) Stunden brennt das Trio ein Feuerwerk aus alten, ganz alten und neuen Stücken ab ("Jazz ist anders" ist letztlich mit neun Songs vertreten). Der Sound ist bestens. Einziger Wermutstropfen ist das Fehlen jeglicher Videoscreens, was angesichts der Ausmaße der Kölnarena eigentlich eine Frechheit ist. Die Fans auf dem Oberrang entgegen der Bühne dürften die Band in Fingernagelgröße erlebt haben.
Die Setlist ist bis auf das Ende exakt die gleiche wie beim Konzert in München zwei Tage zuvor. Sie umfasst satte 40 Songs und lässt kaum irgendwelche Wünsche offen. Darunter Uraltschinken wie "Claudia hat ´nen Schäferhund" und "Paul" vom 1984er Album "Debil", "Elke" aus "Das ist nicht die ganze Wahrheit..." (1988) oder eher selten gespielte Stücke wie "Ein Sommer nur für mich" ("Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!", 2000). Natürlich sind auch die grossen Hits "Teenagerliebe", "Westerland", "Schrei nach Liebe", "Zu spät" oder die neue Single "Junge" vertreten. Die Ärzte schaffen es mit ihrer Mischung aus musikalischem Anspruch und gepflegter Anarcho-Attitüde genau die richtigen Knöpfe zu drücken, obwohl ihre nicht gerade wenigen Nonsens-Dialoge zwischen den Songs mit zunehmender Dauer etwas arg ermüdend wirken. Klar, dass dabei die üblichen Anspielungen auf die Dauerrivalität zwischen Köln und Düsseldorf, den Karneval oder die Kollegen von BAP nicht fehlen. Die Bühne wird von zwei überdimensionalen "Gwendoline"-Figuren flankiert und bietet neben einer vergleichsweise sparsamen Lightshow und ein paar fahrbaren Flatscreens keinerlei Schnickschnack.
Alles konzentriert sich auf die Musik und die macht einfach nur Laune. Die Band scheint daran selbst den grössten Spass zu haben. Jeder darf mal seine Sangeskünste unter Beweis stellen (wie Bela B. in "Tu das nicht"), die Instrumente werden untereinander getauscht und wenn er nicht gerade spielt, tigert Bela pausenlos um sein Schlagzeugpodest herum. Zur Erfrischung rufen die Drei zwischendurch auch mal einen der mobilen Bierzapfer auf die Bühne und ordern eine Runde kostenlosen Gerstensaft. Vor allem Farin Urlaub heizt die Leute immer wieder zu diversen La Ola-Spielarten an und als er bei "Unrockbar" zum kollektiven Aufspringen während des Refrains auffordert, macht wirklich bis zur letzten Reihe unter dem Hallendach jeder mit. Immer wieder bittet er zur "Wall Of Death", einer besonderen Variante des Pogo, bei der sich die Fans im Front Of Stage-Bereich zu zwei sich gegenüberstehenden Pulks formieren, die dann wie auf Kommando ineinander rasen.
Trotz einiger Längen und misslungener Improvisationen (der Mix aus "Paul" und "Elke" klappt beispielsweise trotz mehrerer Anläufe garnicht, weshalb die Band schließlich beide Stücke einzeln spielt) sind an diesem Abend ohne Zweifel alle auf ihre Kosten gekommen. Prädikat: Vollbedienung. Mittlerweile umfasst die Ärzte-Gemeinde ja schon die zweite oder gar dritte Generation. Letzteres merkt man zum Beispiel daran, dass bei den Liebesliedern nicht wie früher Feuerzeuge, sondern beleuchtete Handy-Displays in die Höhe gehalten werden. "Wir spielen schlechter als andere Bands, dafür aber länger", sagt Farin Urlaub zu Beginn. Stimmt! Und ganz zum Schluss spielen die Ärzte noch ein Stück, das heute sicherlich jeder Einzelne der 14.000 Fans sofort unterschreiben würde: "Gute Nacht, wir sind die Ärzte/Gute Nacht, auf Wiedersehen/Schöne Grüße an Mami und Papi/Sagt zu Haus: Es war sehr schön"!