Live From The Shadowsphere Tour 2011
Als ich vor wenigen Wochen das Ankündigungsplakat entdecke, ist die Vorfreude groß. Josh Davis, natürlich besser bekannt unter dem Künstlernamen DJ Shadow, gibt endlich wieder einmal ein paar rare Solo-Gastspiele in dieser Republik. In den vergangenen fünf Jahren beschränkten sich seine Auftritte hierzulande auf das letztjährige Melt-Festival, einen Gig in Hamburg im Rahmen der "The Hard Sell"-Tour mit seinem kalifornischen Kumpel Cut Chemist im Jahr 2008 und den Massive Attack-Support vom Sommer 2006. Wer den Meister des experimentellen Hip Hop also live erleben wollte, brauchte neben dem notwendigen Kleingeld und einem großzügigen Terminkalender auch stets eine ordentliche Portion Reiselust.
"Live From The Shadowsphere" betitelt Davis geheimnisvoll diese Tour, die quasi das Vorspiel zum neuen Album ist, das für den Herbst angekündigt wurde und wieder mehr zu den musikalischen Wurzeln seines bis heute unerreichten Geniestreichs "Endtroducing" führen soll, nachdem das letzte Werk "The Outsider" von 2006 doch viele Fans etwas ratlos zurückließ. Gespannt sind demzufolge auch alle, die an diesem warmen Frühsommerabend den Weg in die Live Music Hall im Kölner Westen gefunden haben.
In der Mitte der Bühne ist eine große schneeweiße Kugel mit einem Durchmesser von etwa zweieinhalb Metern platziert, die, montiert auf einer drehbaren Achse, einem überdimensionierten, transparenten Globus gleicht. Flankiert wird das Ganze von Beamern zu beiden Seiten und dem VJ-Pult im linken, hinteren Randbereich der Bühne. Um kurz nach 21 Uhr betritt dann der Meister des Sampling die Szenerie, wie gewohnt unscheinbar gekleidet mit weissem Shirt, Basecap und Turnschuhen. Nach kurzer, höflicher Begrüßung wünscht er viel Spaß und entschwindet sogleich rückseitig in die beschriebene Zauberkugel - die Show kann also beginnen.
Was nun folgt ist ein audiovisuelles Happening, das vom Farbenspiel her einem LSD-Trip in nichts nachsteht. Unterstützt vom Video Director Ben Stokes, der einzig und allein für die anspruchsvollen Visualisierungen zuständig ist, wird ein wahrer Bilderrausch auf die Kugel projiziert, kongenial von den Beats und Samples untermalt, die der 38-jährige Davis im Innenbereich der "Shadowsphere" zum Besten gibt. So wird alles Erdenkliche in die perfekte Form dieser Installation gemorpht - mal ein Fuss-, Golf- oder auch Basketball, eine Bowlingkugel, eine Pupille in einem übergroßen Augapfel, ein Erdball und ein Totenkopf, es werden Gesichter abgebildet, man bekommt eine kleine Street-View-Tour durch eine Einkaufsstrasse in Shadows Heimatstadt San Francisco und - irgendwie besonders originell - auch Bilder von ihm höchstpersönlich mittels Live-Cam bei seiner "Arbeit" aus dem Inneren. Der Fantasie sind hier absolut keine Grenzen gesetzt.
Alle zwanzig Minuten etwa dreht sich das Teil zur offenen Seite hin und gewährt Einblicke auf seine Plattenteller nebst gesamtem Equipment, das in der Regel aus zwei MPC 3000 (Hardwaresequenzer mit eingebautem Sampler), vier Plattenspielern und einer Korg Triton (Synthesizer-Workstation) besteht. Zusätzlich hat der "King Of Diggin" noch ein elektronisches Schlagzeug an Bord, mit dem er ab und an ein paar der Drums live einspielt. Stilistisch wird munter drauf los gemixt, Klassiker wie "Organ Donor" oder "High Noon" spontan de- und rekonstruiert, zwischendurch auch mal das Tempo angezogen, so dass die bpm schon im Bereich des Drum'n'Bass liegen. Und immer wieder muss man sich vor Augen führen, dass hier nur ein Künstler allein agiert, der aber phasenweise wie ein komplettes Soundsystem klingt und von der vollen Halle wie eine Rockband zurecht abgefeiert wird.
Nach gut neunzig Minuten (inklusive Zugabe) ist das audiovisuelle Gesamtkunstwerk, zumindest für diesen Abend und für Köln, Geschichte - ein leider allzu kurzer Trip durch Traum und Zeit. Der Meister steigt aus seiner Kugel, bedankt sich freundlich, wünscht noch einen schönen Abend und man reibt sich unten im Publikum kurz verwundert die Augen - nicht allein aufgrund des eben Erlebten, sondern auch wegen der sympathischen Bescheidenheit dieses Herrn, der in seinem Genre doch eine absolute Ausnahmeerscheinung darstellt. Die Welt ist eine Scheibe - oder vielleicht doch eine Zauberkugel?