Dockville Festival

5. Dockville Festival - 12.-14.08.2011 - Tag 3 mit Noah And The Whale, Timber Timbre, The Pains Of Being Pure at Heart, Crystal Fighters, Kele u.v.a.

14.08.2011 Elbinsel Wilhelmsburg / Hamburg

Von: Bettina Zimmermann

Dockville Festival Hamburg

Der Sonntag beginnt schon früh mit furchtbarem Dauerregen und lässt mich etwas schwermütig auf den letzten Festivaltag blicken. Mein erster Gedanke gilt der Lage vor Ort, wird das Line Up heute wie geplant auf allen Bühnen stattfinden können? Ein Blick auf die Website stimmt mich zunächst erst einmal missmutig, hatte doch der Veranstalter am Vortag doch noch einen Ersatzslot für Peggy Sue um 00:00 Uhr im Spinnaker online angekündigt, wobei auf den Bühnen nicht mal eine Information darüber erfolgte! Mit den Worten "Bitte weitersagen!" war es wohl online getan, hier stimmt offensichtlich aber mit der Informationspolitik etwas nicht, denn es läuft ja nicht jeder auf einem Festival mit Smartphone durch die Gegend... Sehr gerne hätte ich mir ihr Konzert am Samstag noch angesehen, wenn ich doch nur davon gewusst hätte! Die gute Nachricht hingegen ist, dass trotz der Wetterverhältnisse alle Konzerte ohne Ausfälle wie geplant stattfinden werden. Heute muss man für das Hardcore-Wetter gewappnet sein, soviel steht fest.

Als ich auf dem Festivalgelände zu dem Auftritt von Noah And The Whale (16:20 Uhr Grossschot) eintreffe, hört es nach Stunden doch tatsächlich zum ersten Mal auf zu regnen und sogar die Sonne lässt sich für einen kurzen Moment blicken, wenn das mal kein gutes Zeichen für das Londoner Quartett ist! Dementsprechend präsentieren sie uns sichtlich gut gelaunt eine schöne Auswahl ihres wundervollen Indie-Folk-Pop-Repertoires aus ihren drei Alben, wobei "5 Years Time" sowie "L.I.F.E.G.O.E.S.O.N." von ihrem gerade erst im März erschienen Album "Last Night On Earth" natürlich nicht fehlen dürfen. Ihre schönen mehrstimmig arrangierten Songs mit Gitarre, Schlagzeug, Geige, Ukulele und auch Piano verzücken die Zuhörer mit ihrer Harmonie. Kein Wunder, dass die Briten in England nur ausverkaufte Konzerte spielen und ihr drittes Album direkt unter die Top Ten der UK Charts schnellte. Das Publikum wirkt entspannt und lässt sich in ihre Melodien entführen, zumindest so lange die Sonne noch scheint.

Am Himmel braut sich derweil schon wieder was zusammen, insofern muss man die kurze Zeit ohne Regen einfach mal genießen. Ich mache mich auf den beschwerlichen Weg durch den mittlerweile dünnflüssigen Schlamm und wate rüber zum Vorschot wo Timber Timbre (17:10 Uhr) mit starker Verspätung erst um 17:30 Uhr anfängt zu spielen. Zu meiner Verwunderung wurde heute tatsächlich die Absperrung entlang des Kabelkanals entfernt, die mich die letzten Tage schon genervt hatte, da sie den Zuschauerbereich vor der Bühne in zwei nicht verbundene Hälften teilte. Bei dem ganzen Schlamm war das taktisch unklug, da auf der einen Seite der Bierstand ist und auf der anderen Seite die Dixie-Klos, so dass man jedes Mal das "Schlammbecken", bis hinten um den Turm der Tontechnik herum, umlaufen musste. Die experimentell anmutende musikalische Darbietung des kanadischen Trios um Sänger Taylor Kirk bewegt sich zwischen Folk und Blues. Es ist eine eher ruhige Session, welche durch die typische Klangfarbe seiner Stimme eine besondere Qualität erhält und einen leichten Hauch von Elvis verspüren lässt. Ihr Stil ist reduziert, die wenigen Instrumente sparsam aber effektvoll kombiniert, teilweise kommt durch verzerrte Gitarrenklänge fast sphärische Stimmung auf, die durch einzelne Trommelschläge dann durchbrochen wird. Die Geige erzeugt eine dramaturgische Atmosphäre, die langsam pochenden Bassdrumschläge kontrastieren zu der schmeichelnden Stimme Kirks.

Partiell wirkt die Musik auf mich etwas sehr bedrückend und anstrengend, so dass ich die Gelegenheit nutze, um mir noch das Ende des Konzerts von Edward Shape & The Magnetic Zeros (17:30 Uhr Grossschot) anzuhören. Frontmann Alex Ebert wirkt ein wenig wie der auferstandene Jesus in seinem Outfit und auch die Performance hat irgendwie was Love & Peace-mäßiges, obwohl die zwölfköpfige amerikanische Band ihre hauptsächlich vom Folk geprägten sanften Songs gut performen. Alles wirkt jedoch ein wenig improvisiert, vor allem die Kommunikation mit dem Publikum während der Songs, und dennoch scheint dieser Hippie-Touch beim Publikum gut anzukommen. Leider fängt es zum Auftritt von The Pains Of Being Pure at Heart (18:20 Uhr Vorschot) wiederholt an zu regnen, was aber der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch tut. Alle wippen hier zumindest mit, sofern das bei wadentiefem flüssigem Schlamm eben möglich ist, und erfreuen sich der eingängigen Indie-Pop-Songs der New Yorker, die heute in einer Fünferbesetzung auf dem Dockville spielen. Die vielfältigen Gitarreneffekte in Kombination mit den stark präsenten Drums zu der sanften Stimme von Sänger Kip Berman geben der Musik ihren besonderen Charakter. Der in seiner Publikumsansprache noch etwas schüchtern wirkende Frontmann zieht jedoch alle Sympathien auf sich indem er sagt, dass für sie das Dockville das beste deutsche Festival ist, auf dem sie in diesem Jahr gespielt haben. So werden sie dann auch gebührend mit enthusiastischem Applaus nach Ende ihres Sets verabschiedet.

Auf dem Weg zurück zur Hauptbühne bekomme ich zufällig mit, wie als Abschluss-Performance die Kunstinstallation "Brennendes Haus", eine bereits angekokelte Holzhütte vom Künstler Marc Klee, trotz Regens in Flammen aufgeht. Ein beeindruckendes Spektakel, gerade weil sich die herumstehenden Festivalbesucher nicht im Klaren sind, ob dies so sein soll oder nicht.

Wieder an der Hauptbühne angekommen bekomme ich noch den Abschluss des Auftritts der etwas durchgeknallt wirkenden nordspanischen Emotronic-/Folk-Band Crystal Fighters (18:50 Uhr Grossschot) mit. Ihren eigentümlichen Sound erzielen sie sowohl durch die Integration traditioneller baskischer Instrumente in Verbindung mit Synthie- und Elektrobeats als auch durch die stilmäßig nicht immer klar zuzuordnenden Vocals. Das macht ihre Darbietung so interessant und unterhaltsam, jedenfalls kommt das Publikum tanztechnisch voll auf seine Kosten. Nach ihrem Set leert sich der Platz vor dem Grossschot schnell, viele nutzen sicherlich jetzt schon die Gelegenheit, sich auf den Nachhauseweg zu begeben, da der Blick zum Himmel schon wieder Regen prophezeit. Der Platz gleicht mittlerweile einem einzigen Matschmeer, daher wird das Dockville mittlerweile auch schon liebevoll "Mudville" getauft, was die Sache an sich ziemlich genau trifft.

Bevor ich heute zum gefühlten zwanzigsten Mal zwischen Grossschot und Vorschot hin und her stapfe, bleibe ich zunächst an der Hauptbühne, da hier gleich noch die amerikanischen Progressive-Rocker von ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead (20:30 Uhr Grossschot) auftreten werden. So richtig voll wird es zu dem Konzert nicht mehr, viele haben aufgrund des wettertechnisch schwierigen Tages schon die Segel gestrichen und nur noch die ganz Hartgesottenen bleiben zu den letzten Konzerten. Ich versuche weiter durchzuhalten und mich in die doch recht brachial wirkende Rockmusik der vier Texaner reinzuhören. Jedoch scheint mein Limit des Festivalwochenendes langsam erreicht zu sein. Sympathisch finde ich die solidarische Geste von Frontmann Conrad Keely den Festivalbesuchern gegenüber, so spielt er sein ganzes Set in einem bonbonfarbenen Regencape. So emotional sich das wirklich toll performende Quartett auf der Bühne auch zeigt, ich werde mit der von mir in diesem Moment als lärmig empfundenen Musik heute nicht mehr so richtig warm, wobei eingefleischte Rockfans hier voll auf ihre Kosten kommen.

Trotz inzwischen bleierner Beine und schmerzender Füße bleibe ich eisern, denn ich möchte mir unbedingt noch das Konzert von Kele Okereke (21:00 Uhr Vorschot), dem Frontmann der derzeit pausierenden Erfolgsband Bloc Party ansehen, zumindest jedoch noch kurz reinhören. Mit seinem perfekt tanzbaren Electrosound versteht er es die Stimmung im Publikum an diesem Abend noch mal richtig anzuheizen und seine durchweg elektrisierten Fans zum Tanzen zu animieren. Bei der Musik kann man einfach nicht mehr stillstehen, auch wenn es in der Sumpfkuhle vor der Bühne praktisch unmöglich ist. Die Fans strecken die Arme nach oben, singen mit und fangen auf dem Boden teilweise tatsächlich an zu springen. Kele überzeugt mit seiner unglaublichen Bühnenpräsenz und der ständigen Kommunikation mit dem Publikum. Auch wenn mir insgesamt die musikalische Linie von Bloc Party ein wenig mehr zusagt, bleibt mir sein beeindruckender Auftritt sicher noch lange in Erinnerung. Ein absolut würdiger Headliner für einen wettertechnisch doch eher anstrengenden dritten Festivaltag. Bevor sich nun noch der nächste böse Regenschauer über das Festivalgelände ergießt, beschließe ich, wie viele andere schlammmüde Festivalgänger auch, den Heimweg anzutreten und dem alles in allem sehr außergewöhnlichen Dockville Festival 2011 schließlich "Auf Wiedersehen in 2012" zu sagen.

Mein Resümee des diesjährigen Festivals ist kurz und knapp: Daumen hoch für die Veranstalter, die es unter hohem Arbeitseinsatz überhaupt geschafft haben, das Festival in dieser Form stattfinden zu lassen, auch wenn es durchaus einige organisatorische Schwachstellen gegeben hat! Daumen hoch für die Festivalgänger, die sich trotz Schlamm nicht haben unterkriegen lassen! Daumen hoch für die Künstler, die ein großartiges Dockville Festival 2011 in Hamburg gespielt haben! Man sollte also auf jeden Fall den Dockville-Onlineshop unter www.shop.dockville.de im Auge behalten, um sich eins von den unschlagbar günstigen Frühbuchertickets zu sichern und sich frühzeitig auf ein wunderschönes MS Dockville 2012 – dann hoffentlich mit weniger Schlamm und viel Sonne - freuen zu können. Hier ist schon einmal die Vorschau für 2012:

MS DOCKVILLE 2012

KUNSTCAMP: AB JULI 2012
FESTIVAL: 10.-12. AUGUST 2012
VVK-START: 16.OKTOBER 2011

Alle Fotos mit Festivalimpressionen gibt es hier und die der Künstler findet ihr hier.

 

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