4. Dockville Festival - 13.-15.08.2010 - mit K.I.Z., I Blame Coco, Dúné, The Whip, Bratze, Bonaparte, Jamie T, Klaxons, We Were Promised Jetpacks, Therapy, Jan Delay und Disko No.1 u.v.a.
Kaum zu glauben, dass ein Festival in einer Großstadt wie Hamburg in einer solch schönen Lage Platz finden kann. Auf Europas größter Flussinsel, dem Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg am Reiherstieg, findet dieses Jahr zum vierten Mal das Musik- und Kunstfestival Dockville statt. Und genau diese Kombination aus Musik und Kunst macht dieses zu einem Festival der besonderen Art. Bereits fünf Wochen vor dem Musikevent fand unter dem Motto "Recreation" ein dreiwöchiges Kunstcamp unter freiem Himmel statt, welches 30 internationale Künstler und Künstlerinnen zusammenführte. In einer darauffolgenden zehntägigen, kostenlosen Ausstellung mit Abendprogramm konnten die Werke schließlich bewundert werden. Parallel dazu fand das Kindersommercamp Lüttville statt, welches 130 Kindern ermöglichte, eine Woche lang kostenfrei an 13 Kreativ-Workshops teilzunehmen. Das dreitägige Festival bildet schließlich den Höhepunkt dieser kreativen Veranstaltung. Die Kunstwerke sind dabei auch an diesem Festivalwochenende auf dem gesamten Gelände ausgestellt und selbstverständlich sind, genau wie im letzten Jahr, auch die Werke der Lütten wieder zu sehen. So zieht sich das Motto "Recreation" durch alle Teile des Festivalgeländes und sorgt dafür, dass langweilige Wartezeiten während der Umbaupausen auf den Bühnen sinnvoll genutzt werden können.
Bei solch einer Fülle an Innovation mit Liebe zum Detail wundert es kaum, dass das Festival einen stetigen Zuwachs an Besuchern zu verzeichnen hat und mittlerweile längst kein Geheimtipp mehr ist. Und so ist schon Wochen vor dem Festival der Campingplatz ausgebucht und es muss auf die umliegenden Hostels und Hotels verwiesen werden. Eine gute Nachricht gibt es dennoch: Auf Grund der Nachfrage im letzten Jahr hat der Campingkiosk auch in diesem Jahr wieder geöffnet. Vorbei das lästige Kistenschleppen, adé warmes Bier, adé drei Tage kalte Ravioli... Gekühltes Bier gibt es schon für 1 € und auch zahlreiche Leckereien können zu durchaus fairen Preisen käuflich erworben werden.
Leider schaffe ich es erst relativ spät zum Festivalgelände, sodass ich die ersten Auftritte, darunter zum Bespiel Secrets (15:50-16:20, Großschot), Villagers (16:50-17:30, Großschot) und Portugal.The Man (18:00-18:50, Großschot), verpasse. Bei den angenehmen Temperaturen haben sich schon zahlreiche Festivalbesucher am Ort des Geschehens eingefunden, als ich dann doch endlich mal am Gelände ankomme. Und sogar die Sonne gibt sich allergrößte Mühe, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Nicht zuletzt das schöne Wetter trägt wohl zu dieser ausgelassenen Stimmung bei. Ein Blick auf das Lineup für heute beweist: Es wird ein äußerst abwechslungsreiches Programm geboten, bei dem wirklich für jeden etwas dabei ist. Mit provokanten Texten in Verbindung mit viel schwarzem Humor und Ironie schaffen es die jungen Berliner von K.I.Z. (19:20-20:10, Großschot) spielend leicht, das zahlreich erschienene Publikum ordentlich anzuheizen. Ich kann mit dieser Art von Musik leider herzlich wenig anfangen und so zieht es mich schon früh weiter, um mir erstmal einen kleinen Überblick vom Gelände zu verschaffen. Es ist viel passiert im Vergleich zum letzten Jahr. Die Getränkestände wurden aufgestockt und auch in den Namen der Bühnen zieht sich ein roter Faden durch, sehr zur Freude von Segelfans: Zusätzlich zu der Hauptbühne Großschot hat man die Wahl zwischen der kleinen Dockvillebühne namens Vorschot, die ihrem alten Platz gewichen ist und dadurch mehr Zuschauern Platz bietet, und dem Maschinenraum, in dem es dunkel und laut ist und in dem für Antrieb gesorgt werden soll. Selbstverständlich ist auch Das Horn in diesem Jahr wieder vertreten, außerdem geben sich im Spinnaker sowie im Dorf und im Butterland zahlreiche DJ´s mit ihrem Set die Ehre. Es gibt folglich viel zu entdecken.
Dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, kann I Blame Coco (20:20-21:00, Vorschot) an diesem Abend bestens unter Beweis stellen. Sie ist niemand geringeres als die Tochter von Schmusesänger Sting und hat ganz offensichtlich vom Papa genau die richtigen Gene mit auf den Weg bekommen. Mit ihrer außergewöhnlichen Interpretation von Pop schafft sie es ohne Probleme, den Platz vor der Bühne mehr als gut zu füllen und das Publikum zum Tanzen zu animieren. Zur Belohnung gibt es von diesem überaus enthusiastischen Applaus. Gleich im Anschluss gibt die dänische Rockgruppe Dúné (21:30-22:10, Vorschot) vor dieser atemberaubenden Kulisse ihre energiegeladene Show zum Besten. Die Begeisterung der Fans grenzt schon an Hysterie, als die siebenköpfige Band die Bühne betritt. Von der ersten Sekunde an wird ordentlich Gas gegeben und der Funke springt dabei eindeutig auf das Publikum über. Sie springen, tanzen und beweisen sich zudem als äußerst textsicher. Als absolut headlinerwürdig erweist sich an diesem Abend die aus Manchester stammende Electroband The Whip (22:40-23:30, Vorschot), die mit einer hervorragend zusammengestellten Setlist den prall gefüllten Platz in Begeisterung versetzt. Der klare Sound lässt keine Wünsche offen und sorgt dafür, dass es einem regelrecht schwer fällt, die Füße still zu halten. Wer sich jetzt schon ordentlich in Fahrt getanzt hat und noch längst nicht genug davon hat, begibt sich nun in den Maschinenraum, wo man eigentlich die Jungs von Bratze erwartet. Mühsam arbeitet man sich bis in die Halle vor und stellt fest, dass es sich bei den Herren auf der Bühne nicht um das Audiolithduo handelt sondern um Die Vögel, das Duo um Mense Reents (Egoexpress und Goldene Zitronen) und Jakobus Siebels (Jakönigja und Disziplinen übergreifender Künstler seines Zeichens). Macht aber auch gar nichts. Mit Flöte, Tuba und Trompete unterstützen die sympathischen Herren ihre Electroklänge und beweisen damit einmal mehr, dass elektronische Musik durchaus Anspruch besitzen kann! Mit knapp zwei Stunden Verspätung dürfen dann endlich die Jungs von Bratze auf die Bühne. Da eine der Maschinenraumbands ihre Instrumente verbummelt hat, kommt es hier zu der enormen Zeitverzögerung. Tut aber nichts zur Sache, denn das Duo verfolgt ein Ziel: Die kleine Halle zum Kochen zu bringen und dieses bewältigen sie mit Bravour!
Der Samstag bietet einen vollen Terminplaner, hier ist Zeitmanagement gefragt! Und so pellt man sich nach durchzechter Nacht aus dem Bett, um wenn auch nur einigermaßen ausgeschlafen in einen neuen fantastischen Festivaltag zu starten. Zahlreiche Künstler und ein wirklich bunt gemischtes Programm jagen einen regelrecht von Bühne zu Bühne. Neben den netten Indierockern Friska Viljor (16:20-17:10, Großschot) aus Schweden, die es immer wieder auf ein Neues verstehen, ihr Publikum in Begeisterung zu versetzen und sowohl zum Tanzen als auch zum Mitsingen zu animieren, sorgen auch die jungen sympathischen Briten um Bombay Bicycle Club (17:40-18:30, Großschot) mit ihrem harmonischen Indierock für ausgelassene Feierstimmung und beweisen einmal mehr, dass ihnen der vom NME verliehene Titel "Best New Band 2010" völlig zu Recht gebührt. Als wolle das Wetter dem Treiben von Bonaparte (19:00-20:00, Großschot) einen Strich durch die Rechnung machen, verdunkelt sich der Himmel und es beginnt leicht zu regnen. Davon lässt sich jedoch niemand so schnell abschrecken. "Anti, Anti" dröhnt es von der Bühne, "Anti, Anti" hallt es aus dem Publikum zurück, dabei wird eifrig mitgesprungen. Diejenigen, die sich nicht der Musik hingeben, folgen der expressiven Bühnenperformance. Das Leben ist nichts weiter als eine große Party, da bleibt sogar dem Regen nichts anderes übrig, als sich zu verziehen. Schön zu sehen, dass auch junge Nachwuchskünstler immer wieder ihre Gelegenheit hier bekommen. Gerade erst die Volljährigkeit erreicht, müssen sich die Jungs von Sizarr (19:40-20:20, Maschinenraum) jedoch so gar nicht hinter irgendwem verstecken. Leider ist die Konkurrenz mit Bonaparte dann aber wohl doch zu groß und der Weg zum Maschinenraum scheinbar doch zu weit. Nur wenige verirren sich in die Halle, diejenigen, die es jedoch geschafft haben, scheinen Gefallen an den Indieklängen der jungen Landauer gefunden zu haben. Gespannt darf man auf alle Fälle sein, was man von dem Trio noch so hört. Derweil wird der Platz vor der kleinen Bühne mit Zurufen erfüllt, bei genauem Hinhören, vernimmt man den Namen Uffie (20:00-20:50, Vorschot), die mit ihren frechen, anzüglichen Reimen zu treibenden Electrobeats genau den Nerv der Zeit trifft. Voll jugendlicher Energie und Lebendigkeit geht es ebenfalls auf der Hauptbühne zu, auf der es sich Jamie T (20:30-21:50, Großschot) bequem gemacht hat, und mit ihm zahlreiche Festivalbesucher. Dem Charme des sympathischen Briten kann sich - und damit meine ich nicht nur das weibliche Publikum - kaum jemand entziehen. Enthusiastisch wird zu den äußerst melodiösen, aber dennoch auch ungewöhnlichen Kombinationen und Anleihen aus verschiedenen Stilrichtungen wie Folk, Ska oder auch elektronischen Elementen getanzt und mitgesungen. Nachdem der britische Fernsehsender BBC Delphic (21:20-22:20, Vorschot) auf ihre "Sound Of 2010" Liste setzte, wurden die aus Manchester stammenden Herren als eine der größten Entdeckungen 2010 gehandelt. Und das ganz offensichtlich völlig zu Recht: Nicht alleine die Hits wie "Counterpoint" oder "Doubt" sorgen fast schon für Hysterie, sondern wohl auch das durchaus sympathische Auftreten der Briten. Nach dem Konzert wird das Trio folglich nicht nur mit reichlich Applaus belohnt, sondern sie dürfen auch eifrig Autogramme am Zaun geben. Auf seinen Lorbeeren soll man sich ja bekanntlich nicht ausruhen. Auch wenn die Klaxons (22:30-0:00, Großschot) nach dem Erfolg ihres ersten Albums "Myth Of The Near Future" lange keinen Laut von sich zu hören gaben, meldeten sie sich nun schließlich mit großem Knall zurück. Das Debüt für ihr neues Album geben sie nirgendwo geringer als auf dem Dockville in Hamburg und beweisen sich darüber hinaus auch noch als herausragende Liveband. Gekonnt schaffen sie es, eine zunächst eher zurückhaltende Menge für sich zu gewinnen und sowohl zum Klatschen als auch zum Tanzen und Springen zu animieren. Nicht alleine die Songs der alten Platte ernten enthusiastischen Applaus, auch die neuen Songs werden hervorragend von den Zuschauern aufgenommen. Ein bisschen kurz ist der Auftritt der Briten zwar schon, aber dafür umso schöner. Ein perfekter Abschluss eines fantastischen Festivaltages.
Auch am letzten Tag zeigt sich das Wetter eher bescheiden. Dunkle Wolken wechseln sich mit kurzen Regenschauern ab und lassen die Sonne nur sporadisch hervor. Jedoch kann man bei den Festivalgängern weder Müdigkeit noch schlechte Laune feststellen. Weil die jungen Briten um The Kabeedies (12:10-13:00, Vorschot) bereits im letzten Jahr hier zu Gast waren und einen überraschenden Erfolg verzeichnen konnten, wundert es kaum, dass sie auch in diesem Jahr wieder für helle Begeisterung bei den Zuschauern sorgen können. Mit ihrer frischen, jugendlichen Art spielen sie sich direkt in die Herzen des Publikums und haben leichtes Spiel dieses zum Tanzen zu bewegen. Bei so viel Euphorie, die das junge Quartett von seinen Fans erntet, wird man sie mit Sicherheit bald wieder bewundern dürfen. Die Raketenrucksäcke sind aufgeschnallt, es kann also weiter gehen, und zwar mit We Were Promised Jetpacks (15:30-16:10, Großschot). Nicht zu übersehen ist eine gewisse Nervosität der Schotten, die aber irgendwie auch niedlich ist und zusätzlich für Sympathie sorgt. Natürlich überzeugen sie aber noch viel mehr mit ihrem dynamischen Indierock, bei dem man einfach nicht anders kann, als sich stets kollektiv mitzubewegen. Da lässt einen selbst der Regenschauer kalt, den der Himmel auf die Festivalmeute hinablässt. Begeistert werden die Songs von dem ein oder anderen Fan textsicher begleitet, mit Sicherheit haben sie mit ihrer fast schüchternen, charmanten Art aber auch noch ein paar weitere Fans für sich gewinnen können.
Vielleicht haben sich die Good Shoes (16:40-17:20, Großschot) durch den äußerst gelungenen Auftritt im letzten Jahr eine eiserne Fangemeinde erspielt, vielleicht ist es aber auch einfach das Talent der jungen Musiker, was sie so beliebt macht. Jedenfalls begeistern sie auch in diesem Jahr ihre Fans wieder mit einem munteren und fröhlichen Auftritt, bei dem Sänger Rhys Jones stets ein Lächeln im Gesicht hat und unentwegt den Kontakt zum Publikum sucht, sei es durch Blickkontakt oder eine Runde Crowdsurfen. Im Vergleich zu der Fülle bei den sympathischen Briten sieht der Platz ziemlich leer aus, als die Altrocker um Therapy (17:50-18:30, Großschot) die Bühne betreten. Das Durchschnittsalter des Publikums ist kurzerhand eindeutig gestiegen und es scheinen wirklich überwiegend Fans erschienen zu sein. Dass auf diesem Festival wohl eher Indie und Electro abverlangt wird, scheint die netten Hardrocker jedoch nicht zu stören. Unbeirrt geben sie ordentlich Gas auf der Bühne und animieren sogar ein paar Besucher zu einem Moshpit, während in den hinteren Reihen die Songs bei einem Bierchen begleitet werden. Ganz anders sieht es an der Vorschotbühne aus, als die sympathischen Schweden um Fanfarlo (18:00-18:50, Vorschot) die Bühne betreten. Der Platz ist gerappelt voll, jeder versucht sich noch einen Platz mit guten Blick auf das nette Quintett zu erhaschen. Die Boyband schlechthin im Indiebereich stellen momentan eindeutig The Drums (19:20-20:10, Vorschot) dar. Sie sind jung, sehen gut aus (angeblich), sind smart und machen Musik, die sofort den Platz in den Gehörgängen für sich einnimmt. Damit erfüllen sie alle Voraussetzungen, die es bedarf, um beim Publikum für vollkommene Furore zu sorgen, zumindest bei den zahlreichen Mädchen, die zu dem Auftritt hier erschienen sind. Ihre Songs sorgen für sommerliche Gefühle und trotzen regelrecht dem Regenwetter.
Bei dem Auftritt von Jan Delay und Disko No.1 (20:30-22:00, Großschot) scheint dem Wettergott endgültig der Geduldsfaden gerissen zu sein. Bereits nach dem zweiten Song beginnt es zu regen, zu gießen wie aus Eimern oder eher Badewannen. Und als wenn das noch nicht genug ist, werden die grünen, roten und blauen Scheinwerfer auf der Bühne mit hellem Blitzlicht und grollendem Donner am Himmel unterstützt. Viele fliehen unter Bierstände oder Zelte, die meisten jedoch scheinen dem Unwetter zu trotzen, singen und springen zu der energiegeladenen Show mit. Der Rapper versteht es ganz hervorragend, die Situation zu meistern und die Fans auf seine Seite zu ziehen. "Wir schmusen den Regen einfach weg" ruft er ins Publikum und wird dafür mit tosendem Applaus bedacht. Genau wie im letzten Jahr bei MGMT bildet auch heute den krönenden Abschluss die Tanzperformance einer Gruppe von Kids, die Jan bei dem Song "Disko" unterstützt. Obwohl mich der Auftritt von Jan Delay und seiner Band durchweg überzeugt hat, bis zur Zugabe kann ich dann leider doch nicht bleiben, zu durchnässt sind meine Klamotten, zu durchgeweicht meine Sachen, die ich bei mir trage. Durchnässt und ein wenig unterkühlt, aber dennoch glücklich begibt man sich schließlich auf den Heimweg.
Obwohl es sich bei dem Dockville noch um ein recht junges Festival handelt, muss es sich durchaus nicht hinter seinen alteingesessenen Konkurrenten verstecken. Mit viel Liebe zum Detail und einem schön zusammengestellten Lineup schaffen es die Veranstalter genau den Zahn der Zeit zu treffen und immer mehr Menschen für sich zu gewinnen. Ich freue mich jedenfalls jetzt schon auf ein Dockville 2011 mit ausgefallener Kunst, schöner Musik und tollen Menschen. Ab dem 15.10. gibt es übrigens die Frühbucher-Tickets für das Dockville 2011 vom 12.-14. August!