Progressive Nation 2009 mit Dream Theater + Opeth + BigElf + Unexpect
Ein Mini-Festival in Frankfurt? Von Progressive Bands? Welcher Mensch mit Musikverstand kann sich das entgehen lassen? Hier kommt eine kurze Rückschau.
Unexpect ist wohl richtig. In der Progressivnation auch genau richtig. Kurz und knapp und verstörend. Erhebend? Hmmm. Wer mal Ligeti bewusst und nicht nur im Film 2001 gehört hat, weiß, dass eine solche Band nur folgerichtig und logisch in die Tradition des Progressive Metal (Rock) gehört. Selbstverständlich ist es eine virtuose halbe Stunde, der Musiker in mir ist tief beeindruckt. Komplexe Kompositionen, die den einzelnen Bandmitgliedern viel abverlangen, auf den Punkt gespielt, Respekt. Sehr verkopfte Musik. Mögen muss man das Ganze trotzdem nicht. Und ja, ja, Ligeti ist noch deutlich anstrengender in der Rezeption. Macht sechs Punkte von zehn.
Der Anfangspunkt der Progressiv-Geschichtsschreibung wird einem darauf folgend mit BigElf (was für ein beknackter Name...) vor Augen, äääh Ohren geführt. Pink Floyd aus Ummagumma-Zeiten, Beatles, Krautrock vom Feinsten, Bilder einer Ausstellung (im Gewand von Emerson, Lake & Palmer) oder Led Zeppelin, ist fast alles drin, was der Connaisseur der 60er und 70er kennt und schätzt. Allerdings ist da wenig, was man heute neu aufgelegt braucht. Die Klamotten weit, die Kreuze groß, die alten Instrumente schön anzusehen, Hammond Orgel, Moog, Gibson SG, der weit aufgerissene Orange-Verstärker (damit er überhaupt anständig verzerrt) sind sehr populär, sehr retro, aber folgerichtig eben nichts neues. Insbesondere das finale "Money Machine" ist ein Konglomerat an bekannten Melodien und Elementen, die ein wenig umarrangiert erscheinen. Nicht, dass die Band nicht einen perfekten Auftritt absolviert hätte. Aber die Erwartungen an eine aktuelle Progressive-Band sind etwas andere als ein Cover-Potpurri, das nicht als solches gekennzeichnet ist.
Setlist:
1. The Evils Of Rock & Roll
2. Blackball
3. Bats in the Belfry I
4. Money, It's Pure Evil
5. Money Machine
(fünf Punkte)
Ahhh, Opeth!!! Das Quintett beginnt mit einer etwas länglichen Ballade, um dann süffisant festzustellen, "We are Opeth from Sweden and the first song was a little trick for those who hate death metal. Well let me say this to those who hate death metal: fuck off" und dann folgt "The Lotus Eater", beginnend mit quasi-Gregorianischen Gesängen, und entwickelt, was die Hörer von Opeth kennen und erwarten. Opeth mischt sehr melodische Rock- und Pop-Elemente und Gesangsparts mit anständig bösem Death Metal. Es wird gesungen, gebrüllt, geschrien, schönste Gitarrensoli sind ebenso vertreten wie wildes Geschredder und Gemalme. Sehr sehenswert. Und, klar hörenswert. Die Songauswahl ist kurzweilig, abwechslungsreich und gut. Die Pausenansagen trocken und witzig: "We dry rehearsed this song, because we haven't played it in a while. Dry rehearse basically means sitting in the dressing room and – jerking off (grinst)", "My Guitar is like an extension of my cock. If it's not working, it's not fun" oder "One more song until John Petrucci is going to show you all the licks that I've taught him".
Setlist:
1. Windowpane
2. The Lotus Eater
3. Reverie / Harlequin Forest
4. Burden
5. Wreath
6. Hex Omega
(9,5 Punkte)
Was soll man noch zu Dream Theater sagen? Gut, bevor es losgeht, gibt es Akustik-Coverversionen von Dream Theater zu hören. Wer es noch nicht gefunden hat, dem sei gesagt, diese sind von Pipo & Elo aus Frankreich. Zu Dream Theater: Perfekt gespielt, perfektes Licht, neue Songs im Gepäck, deren Genuss auf der Scheibe "Black Clouds And Silver Linings" an dieser Stelle dringend anempfohlen sei, eine große Videoinstallation... okay, da kann man vielleicht einhaken. Es beschleicht einen stellenweise das Gefühl, dass die Patriotismus-Film-Förderung, die unter Bush jr. installiert wurde, auch die Tour von Dream Theater mit den zu erhaltenden $100.000 gefördert hat, jedenfalls gemessen an der Zahl der porträtierten US-Flaggen und 'Helden' des 11.09.01.
Und die später auftauchenden Vögel sind so grausig animiert, dass man die lieber weggelassen hätte. Dann gibt`s noch das Video zu "Forsaken" aus dem japanischen Gonzo-Studio, das die zugrunde liegende Kurzgeschichte "Phantoms" Ivan Turgenevs ausmalt mit einem so aufgehübschten LaBrie, dass man nicht mehr sagen kann, ob er's sein soll oder doch Petrucci. Ein Keyboard-Battle von Jordan Rudess gegen sein animiertes, gesichtsstarres aber fingerfertiges Comic-Konterfei "Bebo" ist recht witzig.
Herr Portnoy erfreut das Publikum mit Drumstickweitwurf. Solange, bis der Bühnentechniker genau genug zurückwirft, dass der Stock gefangen werden kann und weiter zum Spielen dienen darf. Weitere Animation mithilfe von Ohrstöpsel herausnehmen muss ihm auch erst mal jemand nachmachen. Herr LaBrie ist in guter Verfassung und singt gut, das gab's bei langen Touren auch schon anders, hier also auch nichts auszusetzen. Herr Myung spielt hintergründig virtuos, wie man es kennt, Herr Petrucci hält weiterhin zurecht seinen Gitarren-Legendenstatus. Es ist ein gelungenes Konzert. Kein "Pull Me Under", was sowohl schade als auch gut ist, denn die neuen Nummern verdienen es, live gespielt zu werden. Summa summarum – da gehen wir wieder hin!
Setlist:
1. A Nightmare To Remember
2. A Rite Of Passage
3. Keyboard Solo
3. Sacrificed Sons
4. Erotomania
5. Voices
6. Forsaken
7. As I Am
8. The Count Of Tuscany (Encore)
(9,7 Punkte)