The Second Coming Tour 2009 - Support: Harmful
Crossover... wer hat´s erfunden? Nein, es waren weder die Schweizer noch die Finnen. Vielmehr wagte eine Band aus San Francisco seit den 80er Jahren die Vermischung sich scheinbar ausschließender Genres zu etwas ganz Neuem. Metal, Rap, Funk und Soul hießen einige der Zutaten, die von Album zu Album in immer neue Formen gegossen wurden. Faith No More nannte sie sich und zum Leidwesen der Fans kam es 1998 zur Trennung. Eine stilbildende Band mit einem kaum gekannten Potenzial an Kreativität hatte sich aufgelöst.
11 Jahre später lautet das Motto, unter dem sich diese Band mit einigen der damaligen Weggefährten wiedertrifft „The second coming“. Sie sind also wieder da. Und das ist gut so. Rund um die Jahrhunderthalle genießen die mit der Band gealterten Fans das schöne Wetter und ihre Vorfreude. Menschen unter 25 Jahren sind kaum anwesend. Dafür wurden sehr viele T-Shirts aus der Kiste gekramt - zum Teil mit Mottenbefall. Was wenig später in der nicht ganz ausverkauften Jahrhunderthalle zu bestaunen sein wird, hat mit Mottenkiste hingegen nichts zu tun.
Nach dem Heimspiel von Harmful, die in Person Billy Goulds eine besondere Beziehung zu den Kaliforniern haben, betreten Faith No More ganz behutsam die Bühne. Noch fast im Dunkeln erklingt feinster Soul in Form eines Peaches & Herb Covers. Mike Patton folgt humpelnd und auf einen Gehstock gestützt und haucht im Duett mit Roddy Bottum „Reunited and it feels so goooood“ ins Mikrofon. Diese dicke Portion an charmanter Selbstironie fühlt sich tatsächlich gut an. Noch in Berlin plagte Patton übrigens tatsächlich eine Verletzung am Bein. Aber heute ist schon beim darauf folgenden „From Out Of Nowhere“ auch dem letzten Anwesenden klar, dass der Gehstock nur zur Requisite gehört. Und während der „Angel Dust“-Songs „Land Of Sunshine“ und „Caffeine“ wissen sie auch: Diese Band hat nichts von ihrer Qualität und Energie eingebüßt. Der Spaß an der Sache ist den adrett gekleideten Musikern (mit Ausnahme Bordins tragen alle farbenfrohe Anzüge) im Gesicht abzulesen. So sieht keine Band aus, die sich möglicherweise nur aus niederen (sprich finanziellen) Beweggründen erneut zusammen rottet. Faith No More scheinen es vermisst zu haben, gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Das holen sie nun intensiv nach.
Zu Beginn des wunderschönen Durchschnaufers „Evidence“ ist der Gesang nicht zu hören. Hat sich Patton womöglich am eigenen Mischpult selbst den Saft abgedreht? Wohl eher nicht. Der Sound ist gut. Die Jahrhunderthalle entpuppt sich als ideale Spielstätte. Refrains, dessen Schönheit ich über die Jahre fast vergessen hatte, reihen sich pausenlos aneinander. Den Höhepunkt bilden hierbei „Last Cup Of Sorrow“ und „Ashes To Ashes“. Woher nimmt Patton eigentlich dieses grenzenlos scheinende Repertoire an Facetten seiner Stimme? Absolut beeindruckend und man möchte mit offenem Mund staunen, müsste man nicht mitsingen. Das tun auch alle während „Midlife Crisis“ und werden überrascht vom plötzlichen Aussetzen der Musik, wodurch das Publikum für zwei Refrains den Song ganz alleine trägt. „Thank you, we needed it“ kommentiert Patton den Jubel aufrichtig. Vom einzigartigen „King For A Day“ bis zum Klassiker „Epic“ ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Patton ist bester Laune, dirigiert das Publikum mit seiner Gehhilfe und wirft, wenn auch vorsichtig, seinen Mikrofonständer ins Publikum. Zudem imitiert er durch eine Handbewegung das Knipsen mit einer Kamera. Wohl ein Wink für etwas, was sich in den vergangenen 11 Jahren augenscheinlich verändert hat, denn permanent werden Handys und Digicams in die Luft gereckt. Mit „Just A Man“ verlässt die Band für eine kurze Zugabenpause die Bühne.
Beste Beatbox-Qualitäten beweist Patton dann bei „Chariots Of Fire“, das direkt in das sphärische „Stripsearch“ übergeht. Dieser Song ist vom letzten gemeinsamen „Album Of The Year“, welches ich mir unbedingt nochmal zu Gemüte führen muss. Mit diesem Vorsatz warte ich auf die zweite Zugabe, die Patton eröffnet mit „it´s time for requests“. Manchen schwant, der Abend könnte legendär werden. Jedoch folgt „nur“ noch der Mitschunkler „Take This Bottle“, der der deutschen Countryband Truck Stop gewidmet wird. Nein, ich mache keine Witze.
Nach 90 intensiven Minuten freuen sich die ca. 4.000 Zuschauer über die äußerst geglückte Wiedervereinigung und Rückkehr einer einzigartigen Band. Wir möchten gerne mehr. Ein Album und eine weitere Tour... bitte!
Setlist:
Reunited
From Out Of Nowhere
Land Of Sunshine
Caffeine
Evidence
Surprise! You're Dead!
Last Cup Of Sorrow
Cuckoo For Caca
Easy
Ashes To Ashes
Midlife Crisis
Introduce Yourself
King For A Day
The Gentle Art Of Making Enemies
Be Aggressive
Epic
Just A Man
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Chariots Of Fire/Stripsearch
As The Worm Turns
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Take This Bottle