The Second Coming Tour 2009, Support: FarmerÂ’s Market & ZU
Es ist das Zeitalter der Reunionen. Seit knapp zwei Jahren treten vermehrt Bands in Erscheinung, die sich vor langem geschworen hatten, nie wieder (also NIE NIE NIE) gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Doch man wird älter, reifer und offensichtlich ärmer. Ob aus Geldmangel oder den offiziell angegebenen Gründen, sprich der Einsicht der Größe der Band und dass durch ihr Abtreten eine Lücke im Musikmarkt entstanden sei, ist es überaschenderweise eine große Bereicherung und vor allem die älteren Generationen dürfen sich über die Wiederkehrer freuen.
Wenn es sich bei einer Reunion auch noch um eine regelrechte Metalrevolution der 90er wie Faith No More handelt, fühlt man sich in die Jugendzeiten zurückgebeamt und freut sich wie damals beim allerersten Konzertbesuch. Somit war es nicht verwunderlich, dass das Durchschnittsalter der Konzertbesucher der Berliner Wuhlheide ziemlich alt war. Offensichtlich war die Konzertlocation nicht ausverkauft, doch konnte man auf den ersten Blick erkennen, dass es sich hier ausschließlich um langjährige Fans handelte, die voller Erwartung den Platz füllten.
Die erste Vorgruppe „Farmer’s Market“ aus Norwegen verursachten anfänglich einige fragende Gesichter. Die Musik klang genauso konfus, wie die Bezeichnungen ihrer Musikstile: bulgarische Volksmusik, Zigeunersurf, türkischer Metal und Balkan-Glam. Zum Ende bewegte sich dann doch die ein oder andere Person im Publikum und Applaus gab es für die sich verausgabenden Musiker allemal zu Genüge.
Zu den Italienern von „ZU“ füllte sich die Wuhlheide mehr und mehr. Das Instrumentaltrio aus Rom präsentierte eine solide Noise-Rock / Punk-Jazz Mixtur. Leider fehlte es an Gesang – kein Wunder, denn der übliche Gastsänger Mike Patton bereitete sich ja gerade auf seinen Auftritt mit Faith No More vor. Doch ZU legten sich ordentlich ins Zeug und rissen das Publikum mit soweit es eben möglich war. Denn die Vorfreude auf den Auftritt von FNM und die Ungeduld lagen spürbar in der Luft.
Gegen 21 Uhr war es dann auch. Im taghellen Sommerlicht kamen die Helden der 90er auf die Kindlbühne Berlin. Ein riesiger Applaus erklang als die Originalbesetzung – außer „Big“ Jim Martin – zu der „Peaches & Herb“ Coverversion von „Reunited“ die Bühne betraten. Welch passender Song und herrlich selbstironisch trugen die sichtlich in die Jahre gekommenen Herren altmodische pastellfarbene Anzüge, bei deren Anblick man die Mottenkugeln förmlich riechen konnte, mit Blumensträußchen im Knopfloch. Um das Bühnenbild abzurunden hinkte Sänger Mike Patton als letzer mit rosafarbenem Gehstock zum lachsfarbenen Anzug auf die Bühne. Bei dem nahtlos folgenden „The Real Thing“ rastete das Publikum aus und auch die Fotografen an der Front nickten mit den Köpfen und formten die Lyrics mit den Lippen mit. Und plötzlich erlebten alle einen Flashback – mal abgesehen von den Anzügen, der fehlenden Kopfbehaarung und der etwas eingerosteten Bewegungen, befand sich die Menge der Wuhlheide plötzlich wieder in den 90ern. FNM rockten als seien sie nie von der Bildfläche verschwunden. Perfektionist Mike Patton gab astreine Vocals zum Besten und hatte auch seinen wilden, bösartigen Blick nach wie vor drauf. Während „From Out Of Nowhere“, „Land Of Sunshine“ und „Evidence“ und tauten die Bandmitglieder immer mehr auf und das ein oder andere Lächeln huschte über die Gesichter – sollte das vielleicht Erleichterung sein, dass sie es nach wie vor können oder einfach die Freude endlich wieder auf der Bühne zu stehen...? Vielleicht eine Mischung aus beidem.
Zum Ende von „Chinese Arithmetic Additional“ erklangen plötzlich bekannte Töne. Und jeder Radiohörer erkannte bald die folgende Coverversion von Lady Gaga’s „Pokerface“. Die FNM-Version des Songs war sogar sehr gut hörbar und es amüsierte umso mehr, wenn man bedachte dass das Gaga-Küken die Heroen von FNM wahrscheinlich gar nicht mehr kannte. Trotzdem wurde einem bei der FNM-Pokerface-Version etwas gaga im Kopf und zum Glück wurde bald zu „Surprise! You’re Dead!“ eingelenkt. Und dann folgte eine ganz große Hymne, die man als Fan fast schon nicht mehr hören kann. Man kann getrost sagen: eine der größten Coverversionen, die es je gab. Mit dem Spotlight auf Mike spielten FNM ein gänsehautverursachendes „Easy“. Die Backgrounds erklangen genauso brilliant wie der Frontgesang und zum Gitarrensolo schwenkte das Spotlight über zu Jon Hudson.
Die verzauberte Atmosphäre wurde durch den berauschenden Jubel gebrochen, den die Band sichtlich dankbar annahm. Ein auf die Bühne fliegender Geldbeutel wurde sogleich von Mike in Augenschein genommen. Er wühlte sich durch Babybilder und Techniker Krankenkassen Karten, doch der Besitzer wollte sich trotz wiederholter Aufrufe (und Heiratsanträgen) nicht zu erkennen geben. Nach weiteren Highlights wie „I Started A Joke“, das erneute Schauer hervorrief und „Be Aggressive“ mit wunderbarem Kanoneinsatz kam eine weniger freudige Aussage von Mike Patton, der den letzten Song ankündigte. Auf die enttäuschten Buhrufe hin scherzte dieser „But what if it is a good song?!“. Und es war ein guter! „Mark Bowen“ bei dem Mike erneut über die Bühne hechtete.
Natürlich musste die Menge nicht lange auf eine Zugabe warten. Zu artig hatten sie mitgerockt und zum Intro von „Vangelis“ erschien nicht Henry Maske im Ring, sondern FNM zum zweiten (The Second Coming eben) für „ Chariots of Fire/Stripsearch“. Und natürlich durfte nun an zweiter Stelle ein weiterer Klassiker nicht fehlen. „We Care A Lot“ schallte es durch die gesamte Wuhlheide. Und man durfte sich sogar über eine zweite Zugabe erfreuen – das Berliner Publikum war hartnäckig – Mike Patton und Co. ließen ihr geniales Konzert mit „Pristina“ stimmungs- und würdevoll ausklingen. Danach durfte auch gar nichts mehr folgen, zu perfekt war die Setlist (auch wenn „A Small Victory“ fehlte).
Selbstironie im großen Stile, gepaart mit perfektionistischer Bühnenpräsenz. Ohne großen Firlefanz im stilsicheren (hüstel) Anzug und sich wohl bewusst was man kann und was die Fans erwarten - erwachsen und professionell. Das war sie also, die Second Coming Tour 2009 in Berlin – und mal unter uns gesagt... SO komme ich gerne zweimal ;)