Clutching At Stars 2007
Die Hall Fondouq im luxemburgischen Dudelange ist schon ein recht seltsamer Konzertort. Das ehemalige Stahlwerk, dass nun für kulturelle Aktivitäten umgestaltet wurde, ist nämlich riesengroß und so gut wie unbeheizt. Und Ende Oktober brachte diese Tatsache zum einen die knapp 500 gut in Mäntel und Schals eingewickelten Zuschauer zum frieren und zum anderen eine hervorragend aufgelegte Band zum dampfen. Tatsache. Auf Fishs spärlich behaartem Kopf entwickelte sich eine kältebedingte Dampfschwade, die der beste Pyrotechniker so nicht hinbekommen hätte.
Der Songpoet aus Schottland ließ sich von den Umständen nicht aus der Ruhe bringen und erzählte gleich zu Beginn den Witz vom Polarbären, der zuerst seine Mutter und dann seinen Vater löchert und wissen will, ob er wirklich ein Polarbär sei – nicht etwa ein Grizzly-, Koala- oder Braunbär. Natürlich sei er ein Polarbär. Warum die Frage? „Mir ist sooo kaaaaalt.“ Und schon hatte Fish die Lacher auf seiner Seite.
„Clutching At Stars“ heißt die aktuelle Tour, die den Schotten im November auch nach Deutschland führen wird (Tourdaten im Anhang) und widmet sich dem 20 Jahre alten Marillion-Album „Clutching at Straws“, das fast komplett gespielt wird, und einem Best-Of-Programm aus Fishs beeindruckender Solokarriere. Als Intro gab es in Dia-Form einen witzigen geschichtlichen Abriss, den der britische Komiker Will Smith für sein Programm „Misplaced Childhood“ kreiert hat, in dem er unter anderem den Mauerfall in Deutschland mit der Trennung Fishs von Marillion in Zusammenhang bringt. Sehr amüsant.
Nach einem kurzen Zwischenspiel aus der Beatles-Ecke „It was twenty years ago...“ ertönten die ersten Klänge von Slainte Mhath und riefen Begeisterungsstürme hervor. Wenn die Halle auch nur zu einem, Viertel gefüllt war – hier merkte man nichts mehr davon. Die Band war (anders als noch beim Loreley-Open-Air) sehr gut eingespielt. Man spürte deutlich, dass die Tour nun schon seit einigen Monaten im Gange ist. Fish selbst klang fast wie in alten Zeiten und hielt diese stimmliche Höchstleistung bis kurz vor Konzertende durch. Nur bei den Zugaben schien er etwas angeschlagen und die Vocals wurden rauer.
„Circle Line“ war der erste Song des neuen Studioalbums „13th Star“. Er handelt von der Irrfahrt eines Suchenden nach seiner echten großen Liebe, bei der er sich fühlt wie ein Reisender in der Londoner Haupt-U-Bahn-Linie, der „Circle Line“, die immer wieder die Stadt umrundet. Fish ist von dieser musikalischen Idee sichtlich angetan und man empfand förmlich, wie seine private Situation ihn hier emotional beeinflusste.
„So Fellini“ vom Album „Fellini Days“ wurde zur ersten Mitsingprobe fürs Publikum. Mit Bravour bestanden. Dann folgte mit „Square Go“ ein gitarrenlastiger neuer Song, der eine perfekte Verbindung zum Klassiker „The Perception Of Johnny Punter“ einging. Wunderschön, diesen Song wieder im Set zu hören und das Zusammenspiel der harten Gitarrenriffs von Steve Vantsis, Chris Johnson und Frank Usher zu bewundern. Bassist Steve Vantsis ist in den vergangenen Monaten zum Erstaunen aller zum Haupt-Songwriter für Fish avanciert und bringt eine neue Härte in seine Musik zurück – ähnlich wie dies Porcupine Tree-Frontman Steven Wilson mit „Sunsets On Empire“ gelungen ist. Diese Zusammenarbeit soll sich auch auf dem nächsten Album, das für Ende 2008 geplant ist, fortsetzen.
Bei Songs wie dem genialen „Manchmal“ spürt man die Früchte dieser Arbeit. Ich persönlich finde es schade, dass Fish sich entschieden hat, den Anteil von „13th Star“ noch auf vier Songs zu beschränken, da das Album zunächst nur per Mailorder erhältlich ist. Nach dem offiziellen Release im Frühjahr soll aber eine weitere Tour folgen, die andere Schwerpunkte setzen wird.
Die nächsten Songs gehörten wieder „Clutching At Straws“. Das Opening-Triple wurde gespielt und versetzte die Zuhörer in einen Mitgröhl-Taumel. Wundervoll, das nochmal erleben zu dürfen. Foss Patterson bleibt zwar weiterhin der Schwachpunkt der Band, hielt sich aber mit den Keyboards höflich zurück.
„Dark Star“ ist ohne Frage einer der Höhepunkte des neuen Albums. Sehr atmosphärisch, proggy, lang und variantenreich. Eine Mischung aus „Plague Of Ghosts“ und den härteren Stücken des Sunsets-Albums. Es folgte „Sugar Mice“ – die Vorzeigeballade. Die glücklichen Gesichter ringsum konnten nur dadurch noch gesteigert werden, dass Fish zu den Klängen von „Vigil“ ins Publikum stieg und die Anfangssequenz aus der Menge heraus sang. Diese Form der Publikumsnähe macht immer noch das Besondere an Fish aus. Und wenn man einmal erlebt hat, wie er gleich einem Fels in der Brandung zwischen seinen Fans steht, wird sein Charisma jeden gefangen nehmen.
„Vigil“ und „Perception“ in einem Set. Das ist schon eine Reise zum Fish-Konzert wert. Überhaupt ist es bemerkenswert, dass Fish im Vergleich zur „Return To Childhood“-Tour nur eine einzige Wiederholung (nämlich „Incommunicado“) im Programm hat. Das soll ihm erst mal jemand nachmachen.
Zum vorläufigen Abschluss folgte „White Russian“ – einer der Marillion-Songs, auf den ich mich am meisten freute, der aber auch recht schwierig ist. Es klang nicht alles so, wie vom Original (erwähnte ich die gewöhnungsbedürftigen Keys schon?), aber Fishs Interpretation ist und bleibt einzigartig. Ein bewegender Moment.
Zur Zugabe gab es Ushers Geniestück „Cliché“, in dem er seine Soloqualitäten voll ausleben durfte. Dann das erwähnte „Incommunicado“ und zu guter letzt (wie soll es anders sein?) „The Last Straw“. Eine Krönung für ein einzigartiges Konzert. Fish brachte seine Gefühle im abschließenden Gruß auf den Punkt und ich kann mich dem nur anschließen: „It was fucking cold, but it was fucking great“.
Wir sehn uns auf den Konzerten in Mainz und Limbourg.
14.11. Oldenburg, Staatstheater
16.11. Erfurt, Gewerkschaftshaus
17.11. Aschaffenburg, Colos Saal*
18.11. Köln, Live Music Hall*
20.11. Mainz, KUZ*
21.11. Krefeld, KUFA*
23.11. Winterbach (Stuttgart), Lehenbachhalle*
24.11. Karlsruhe, Tollhaus*
25.11. Limbourg (Belgien), Le Kursal
27.11. Pratteln (Schweiz), Z7
*Support: CENTRAL PARK aus München
Beginn jeweils 20.00 Uhr.