Return To Childhood
Fish lud ein zu einer „Reise in die Vergangenheit“ – und alle kamen. Das Konzert wurde kurzfristig vom kleineren Kulturzentrum KUZ in die Phönixhalle verlegt. Knapp 1500 Fans aus alten und neuen Tagen fanden den Weg nach Mainz, und Fish war sichtlich gut gelaunt, was wir schon nachmittags zu spüren bekamen, als er sich ganze 23 Minuten Zeit für ein ausführliches Interview nahm und seine Freude über die aktuelle Konzertreihe zum Ausdruck brachte.
Es war ein sehr altersgemischtes Publikum – aber doch mit deutlicher Tendenz Richtung Geburtsjahrgänge 1965-75. Viele hatten sicher den Solo-Künstler Fish über die Jahre aus den Augen verloren und nahmen die „Return To Childhood“-Tour zum Anlass, eine Art Revival mit ihm zusammen zu feiern.
Wie auch die aktuelle Live-CD begann das Konzert mit einem einstündigen Set aus Fishs Solo-Repertoire. Die Haltung des Publikums war hier noch sehr abwartend, was aber der Spielfreude von Fish und Band keinen Abbruch tat. Mitreissend waren vor allem der Opener „Big Wedge“ und das geniale „Brother 52“. Leider ist die Akustik in der Phönixhalle nicht gerade gut, und am Mischpult versuchte man, dies durch ein Hochfahren der Lautstärke zu kompensieren. Zum Glück ist Fish stimmlich in Topform und hatte keine Probleme damit, gegen diese Widrigkeiten anzusingen.
Innerhalb der Band hat es zwei Veränderungen (gegenüber Tour 2005 und Live-Album) gegeben: Drummer John Tonks, der inzwischen mit Neneh Cherry unterwegs ist, wurde ersetzt durch den Schotten David Innes, der bisher vor allem mit Midge Ure und Paul Carrack gearbeitet hat. Auch Backgroundsängerin Deborah French war nicht mehr mit von der Partie, was aber nicht unbedingt negativ auffiel. Keyboarder Tony Turrell hat erstaunlich souverän diesen Part übernommen, wo es nötig war. Auch Fish selbst konnte seine Stimme noch stärker ausspielen als im vergangenen Herbst.
Nach einer kurzen Pause, in der das Klassik-Intro „La gazza ladra“ von Rossini komplett vom Band kam, endlich die ersehnten Klänge von „Pseudo Silk Kimono“. Fish erschien auf der Bühne und freute sich wie ein kleines Kind über die Begeisterung im Publikum. Die Performance des Konzeptalbums in voller Länge war ein Genuss, wenn es auch ein paar kleine technische Pannen gab und der Instrumental-Part nicht immer ganz rund lief. Die Band hielt sich nah an der Originalfassung der Songs – nur vereinzelt war ein stärkerer Gitarren-Einfluss spürbar. Fishs Stimme und Charisma sind nach wie vor sehr beeindruckend.
Wie fühlt man sich nun, ein Album nochmal komplett live zu erleben, mit dem man selbst aufgewachsen ist, mit dem man Ereignisse und Gefühle der Vergangenheit verbindet, das einem nach wie vor viel bedeutet? Fish verstand es, die Emotionen aus dem Publikum aufzunehmen und widerzuspiegeln. Für viele sicher ein unvergessliches Erlebnis. Okay, es gab nur eine schwache Lightshow und auf seine früheren Kostümierungen hat Fish gänzlich verzichtet. Mir persönlich wäre das auch unpassend erschienen.
Als Zugaben folgten die Marillion-Klassiker „Incommunicado“, „Market Square Heroes“ und das geniale „Fugazi“, das leider nicht auf allen Konzerten der Tour gespielt wurde. Mit einer Gesamtdauer von 135 Minuten konnte jeder zufrieden sein. Die Tour wird fortgesetzt und einer der Höhepunkte wird sicher das Konzert auf der Loreley (Freilichtbühne St. Goarshausen) sein, das Fish mit RPWL und Seconds Out bestreiten wird. Vielen Fans wird dieser Veranstaltungsort noch aus Marillion-Zeiten in bester Erinnerung sein, wurde doch im Jahr 1987 eines der besten Live-Videos der Band dort aufgezeichnet. Ein Muss also für alle Nostalgiker.