Fishheads Acoustic Tour 2011
Wer sich dieser Tage ein Fish-Konzert ansieht, muss sich auf ein ganz spezielles Ereignis gefasst machen. Der Onkel ist nämlich nicht mit großem Orchester unterwegs, sondern er bereist in kleiner Besetzung die kleinen Clubs. Seit Mitte 2010 geht das schon so. Mal vor 70 Zuschauern, mal vor 400, mal bestuhlt, mal in drangvoller Enge einer kleinen Stehfläche. Das Konzert in Landstuhl war mein fünftes auf dieser Tour – und jedes (wirklich jedes) Konzert ist wieder irgendwie anders.
Die Stadthalle Landstuhl war einer der größeren Veranstaltungsorte. Bestuhlt – welcher Luxus. Meiner Meinung nach nimmt dies zu Beginn ein wenig von der Atmosphäre, doch Fish hat sein Publikum immer im Griff und spätestens zur Hälfte des Konzerts ist die Stimmung auf jedem Konzert am Siedepunkt – egal ob sitzend oder stehend. Für die Fishheads Acoustic Tour hat Fish nur zwei Mitstreiter dabei: Frank Usher an der Akustik-Gitarre und Foss Patterson am Keyboard bzw. Piano. Zumindest ein einziges Mal (im luxemburgischen Dudelange) habe ich Fossy bisher am Flügel sitzen sehen. Ansonsten ersetzt das Keyboard den Pianoklang.
Die Songauswahl muss sich natürlich diesen minimalen Gegebenheiten anpassen. Es nützt also nichts, wenn ein paar Unverbesserliche mal wieder "Grendel" rufen (das nützt übrigens nie was) oder nach "Plague Of Ghosts" sowie "Forgotten Sons" schreien. Die Setlist hat momentan trotzdem etwas von einem Wunschkonzert. Fish geht auf das Publikum ein, nimmt Rufe auf, erklärt, warum ein Song nicht gespielt werden kann oder gibt eben seinen Mitstreitern die Anweisung "Jau, den spielen wir jetzt". Spontan und auf dem kleinen Dienstweg.
In Landstuhl stand Fish zunächst allein auf der Bühne und gab "Regieanweisungen". Fotografieren nur ohne Blitz, keine Videofilme und: wer quatschen will, geht raus. Da kennt der Hüne nix. Es soll schon vorgekommen sein, dass er während eines Konzerts abbrach und Störenfriede höflich aber konsequent des Saales verwies.
Als ersten Song gab es – komplett a cappella – das Songfragment "Chocolat Frogs". Vermutlich tut Fish dies, um alle Zweifler davon zu überzeugen, dass seine Stimme wieder voll auf der Höhe ist. Er singt nicht mehr so hoch wie zu Marillion-Zeiten, aber seine Vocals sind fest und klar – ab und zu in den Höhen ein wenig heiser. Deshalb wurden Songs wie "Jigsaw" und "Slainte Mhath" einige Töne tiefer gesetzt. Aber das macht nichts. Fish singt prägnant und mit Charakterstimme. Das ist eh besser als sonstige Perfektions-Heulbojen.
Im ersten Konzertteil gab es viele Songs, die man schon von früheren Akustik-Ausflügen des Meisters kennt: "State Of Mind", "Somebody Special", "Just Good Friends". Leider waren während des ganzen Gigs keine Stücke der letzten drei Alben dabei, obwohl sich da auch viele Songs für eine unplugged-Umsetzung eignen würden. Fish geht momentan auf Nummer sicher.
Die Instrumentalisten bleiben etwas blass. Usher bekommt keine echten Soli – sein Paradesong "Cliché" funktioniert ohne E-Gitarre nicht. Und Fossy ist seit jeher kein begnadeter Keyboarder. Die Prog-Atmosphäre mancher Marillion-Songs liegt ihm gar nicht. Stattdessen glänzte er da, wo er wie ein Pianist aufspielen konnte. Bei "A Gentleman’s Excuse Me" beispielsweise oder bei "Just Good Friends".
Als das Publikum auftaute, war auch auf der Bühne der Bann gebrochen: Als Fish den Wunsch nach "Lavender" erhörte, gab es kein Halten mehr und der Marillion-Part nahm seinen Lauf. "Punch And Judy", "Jigsaw" und "Fugazi" sind die Stücke, in die das Trio sein ganzes Herzblut gelegt hat und die wider Erwarten in reduzierter Form ausgezeichnet und stimmig rüberkamen. Die Arrangements sind nicht ausgefeilt oder virtuos – die Songs werden nicht auseinandergepflückt und neu erfunden. Nein, man spielte sie so, wie es die Instrumentierung halt zulässt. Und dann war da Fish mit seiner Bühnenpräsenz, seinen gestischen Einlagen, seinem Ausdruck und seiner ganzen starken Persönlichkeit. Man muss das erlebt haben, um es beschreiben zu können.
Zwischendurch erzählte der Schotte kleine Anekdoten. Vom Stau zwischen Kaiserslautern und Landstuhl – seiner Meinung nach verursacht durch ängstliche Amerikaner (und er betonte süffisant, dass das "Palästinensertuch" um seinen Hals nur ein harmloser Schal ist). Von seiner zweiten Scheidung, die ihn nun zum echten Rockstar macht. Vom Fußballspiel zwischen England und Deutschland bei der WM 2010, das ganz Schottland zum Weinen brachte – vor Lachen! Und es gab den ständigen Disput mit den Soundmixern, die nach Fishs Meinung nicht verstanden haben, dass es auch bei unplugged-Konzerten laut zugehen darf.
Nach 130 Minuten ging ein geniales Konzert zu Ende – mit einer Interpretation von "Sugar Mice", die vielen die Tränen in die Augen trieb. Standing Ovations und glückliche Gesichter aller Orten waren die Folge. Schön, dass die lokalen Veranstalter von AndersWelt den Schotten in die Pfalz geholt haben. Überhaupt ist das eine sehr rührige Truppe, die stets aufs Neue einen Reigen von Gänsehaut-Konzerten auf die Beine stellt. Kann ich nur empfehlen, denn die Organisation ist immer perfekt und der Rahmen äußerst ansprechend.
Nächste Gelegenheiten:
13. Mai – Joseph Parsons und Band in Schönenberg-Kübelberg
24. September – Ray Wilson & Stiltskin in Landstuhl
5. November – Guitar Night mit Henrik Freischlader, Aynsley Lister und Willie Logan in Landstuhl
www.anderswelt-event.de
Und auch Fish kommt im Herbst wieder nach Deutschland:
21.09. Downtown Bluesclub - Hamburg, D
22.09. Ursprung - Rostock, D
23.09. Potsdam - Lindenpark, D
25.09. Lüdenscheid, D
27.09. Spectrum - Augbsurg, D
28.09. Hirsch - Nürnberg, D
29.09. Das Rind - Rüsselsheim, D
30.09. Kubana - Siegburg, D
02.10. Kulturkirche Paulus - Dortmund, D
03.10. Manufaktur - Schorndorf, D
05.10. Theater am Ring - Saarlouis, D
06.10. Klosterkirche - Oberndorf am Neckar, D
07.10. Cafe Hahn - Koblenz, D
08.10. Six - Königs Wusterhausen, D
www.raingods.de