Fury In The Slaughterhouse

Farewell and Goodbye Tour 2008

31.07.2008 Amphitheater / Trier

Von: Andreas Weist

Fury In The Slaughterhouse Trier

Fury in the slaughterhouse. Anfang der 90er waren das Konzerte in meinem Terminplan, die eine ganz besondere Magie hatten. So reiste ich zu allen Spielstätten im Raum Trier-Saarbrücken, um die Hits vom weißen Debüt sowie den Alben „Jau“ und „Hookahey“ immer wieder live zu erleben. Auch „Mono“ und „The Hearing And The Sence Of Balance“ zählen noch heute zu meinen All-time-favourites. Nach dem 1997 erschienenen „Brilliant Thieves“ habe ich meine Heroen dann aber etwas aus den Augen verloren und die weitere Entwicklung nur sporadisch verfolgt. Doch was ist das? Abschiedstour? Nach 21 Jahren im Geschäft? Da muss ich doch noch mal dabei sein, um ein letztes nostalgisches Tränchen zu verdrücken. Und was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht. Das Konzert hätte in dieser Form auch Mitte der 90er stattfinden können, da vor allem die Hits der ersten fünf Alben gespielt wurden. Erkennbar auch daran, dass ich nur zwei Songs der Setlist überhaupt nicht kannte. Das mag ein schwaches Zeugnis für die späteren Alben der Furies sein – aber so krass möchte ich das gar nicht ausdrücken. Schon mit „The Hearing and the Sence of Balance“ und „Brilliant Thieves“ begann halt die Phase ambitionierterer Musik, die sich nicht mehr so ohne weiteres zum Party feiern eignete. Und was man auf der aktuellen Tour will, ist eben genau das: Abfeiern ohne Kompromisse.

Das Ambiente in Trier war perfekt gewählt. Die historische Stätte Amphitheater, in der vor 2000 Jahren Gladiatoren mit Löwen kämpften, wurde für viele hartgesottene Fans zum Kampf mit den Tränen. Die Abendstimmung zwischen den Weinbergen war perfekt und schaffte schon ein kleines Gänsehautgefühl, ohne dass der erste Ton gespielt war. Über den Support act möchte ich lieber keine Worte verlieren. Ich kann mich an einen Song erinnern, in dem Jesus zum Mann mit lilafarbenem Geschlechtsorgan erklärt wurde. Ähnlich niveauvoll war dann auch der ganze Set.

Die Helden des Abends betreten pünktlich um 21.00 Uhr die Bühne und liefern ein zweistündiges Konzert vom Feinsten. Bereits mit „Hello And Goodbuy“ haben sie das Publikum fest im Griff und halten den Bogen über „Hang The DJ“ bis hin zu „Radio Orchid“. Danach darf die Single-B-Seite „Jericho“ zu Live-Ehren kommen, die für mich immer zu den besten Non-Album-Tracks aller Zeiten gehörte. Und da die Menge kräftig mitsingt, bin ich wohl nicht der einzige, der das erkannt hat. Das Mikro gehört bis auf wenige Ausnahmen Kai Wingenfelder, dem ältere der Brüder, die 1987 mit Rainer Schumann, Christof Stein-Schneider und Hannes Schäfer in Hannover die Band gründeten. Inzwischen gibt es erste Soloaktivitäten der beiden: Kai veröffentlichte das Album „Alone“ mit ziemlich typischem Fury-Sound und englischen Texten, der jüngere Bruder Thorsten allerdings wagte sich auf das gefährliche Feld der deutschen Musik und legte mit „360° Heimat“ ein wahres Meisterwerk hin. In Trier darf Thorsten nur einmal die Lead Vocals übernehmen – und zwar für sein Paradestück „Then She Said“.

„Dancing In The Sunshine Of The Dark“, “Should Have Known Better”, “One Good Reason”, “On Alarm”. Band und Fans sind wie im Rausch und es folgt ein Kracher auf den anderen. Spätestens beim Megahit „Every Generation Got Its Own Disease“ wird bis in die letzten Reihen mitgesungen. Und dann folgt mit „Trapped Today, Trapped Tomorrow“ mein persönliches Highlight mit balladesken Tönen. Zu „Cry It Out“, „Milk And Honey“ und „When I’m Dead And Gone“ ist es dunkler geworden und die dezente aber dennoch eindrucksvolle Lightshow kommt besser zur Geltung. Kai Wingenfelder berichtet von seinen Erlebnissen in Trier – wie er dort geheiratet und sein Bruder auf dieser Hochzeit seine spätere Frau kennen gelernt hat. Christofs Einwürfe sind weniger intelligent und widmen sich wie gewohnt vor allem seinem Lieblingsthema: Alkohol. Hätte auch keinen Zweck, wenn er im 21. Jahr noch sein Image zu verbessern suchte. Trotzdem nervt das ewige „Mein Arzt hat nämlich gesagt, im Alter soll man viel trinken.“ Erst mit „Kick It Out“ kommt Christofs Sternstunde, wenn er voll Enthusiasmus „I’m just a lonely boy, drinking too much liquor“ ins Mikro krächzen darf. Schön.

Die Gänsehautfraktion ist mit „Time To Wonder“ und dem erlösenden „Won’t Forget These Days“ gefragt. Erlösend deshalb, weil doch der Großteil der Anwesenden diesen Song seit Stunden im Ohr hatte, der sich bei einem solchen Ereignis einfach in die Gehirnwindungen schleichen muss. Wozu hat „Won’t Forget These Deays“ nicht schon alles gedient? Als Hymne im Jugendclub und beim Schulabschluss, als Premiere-WM-Song, als Schwur für die erste Liebe. Es gibt sogar eine wundervolle A-cappella-Version von den Prinzen. Auf der Abschlusstour wird er zum Bekenntnis aller Anwesenden, die sich an zig Konzerterlebnisse und schöne Stunden erinnern. Das könnte zu pathetisch werden – doch zum Glück grölt der ganze Rund einstimmig mit und macht den ultimativen Partysong draus.

Der Zugabenteil wird ruhiger. Vor allem „Down There“ und „Seconds To Fall“ bieten die nötige Sentimentalität, um sich von Fury in the Slaughterhouse zu verabschieden. Ein einzigartiges Konzerterlebnis geht zu Ende, das ich in dieser Form nicht mehr von den Furies erwartet hätte. So bleibt die Erinnerung durchweg positiv. Und die Atmosphäre im Amphitheater hat ihr Übriges dazu getan. Schön, dass man diese geniale Stätte für Konzertzwecke nutzen kann. Ich empfehle jedem, der die Gelegenheit zu einem Konzertbesuch dort hat, einmal davon Gebrauch zu machen.
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