Gazpacho

Missa Atropos Tour 2011

22.01.2011 Kulturbrauerei / Berlin

Von: Shirin K

Gazpacho Berlin

Das Gazpacho-Fieber geht um, zumindest in meinem Freundeskreis. Ich bin nicht ganz unschuldig daran, da ich seit einem Jahr jedem, der es nicht hören will, damit in den Ohren liege: Ihr müsst unbedingt Gazpacho hören!! Dabei habe ich selbst meine Startschwierigkeiten gehabt. Auf den ersten Blick (auf das erste Ohr??) ist die Musik mit ihren epischen Längen und detailverliebten Melodien nicht so schnell zugänglich. Hinzu kommt Jan Henrik Ohmes Gesang, der teilweise sehr ungewöhnlich klingt, vor allem, wenn er in die Höhe geht. Als Artrock-Fan kommt man aber um Gazpacho nicht herum. Googelt man sich durch Musikforen, so landet man immer wieder bei dieser Band. Und hat man sich erst mal festgehört, dann läuft man Gefahr, die Melodien nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen. Um es kurz und knapp zu sagen: Man verfällt ihnen. Und nein, sie klingen nicht nach Marillion...

Und nun haben die Norweger ihr sechstes Album "Missa Atropos" herausgebracht und präsentieren die neuen Songs auf einer zweiwöchigen Tour. Berlin ist die erste Stadt auf ihrer Route und da ich es nicht mehr erwarten kann, muss ich halt eben da sein. Und – um es schon vorwegzunehmen – es ist das beste Konzert seit dem letzten Gazpacho-Konzert... vor allem ist das Maschinenhaus sehr gut besucht an diesem ungemütlichen Januar-Abend, was mich am meisten freut.

Da auf dieser Tour das neue Album promotet werden soll, geht es auch direkt mit dem Opener von "Missa Atropos" los: Nach dem melancholischen Intro (es ist nun mal eine Messe) steigen die sechs Jungs direkt mit "Defense Mechanism" ein, ein Lied, das einem jedes Mal Gänsehaut beschert: Jan Henriks Stimme auf der tiefsten Ebene und hypnotische Drumbeats läuten den Song ein und lullen den Zuhörer ein, bis ausladende Gitarrensounds über ihn hereinbrechen und ihn endgültig in ihren Sog ziehen. Visuell unterstützt wird das Ganze durch Projektionen von eher surrealistisch anmutenden Zeichnungen und Fotografien auf einer Leinwand.

Mit "Snail", "Vera" und "River" folgen drei weitere neue Songs, allesamt musikalische Highlights (nicht schwer bei einem Set, das nur Highlights besitzt). Während "Snail" eine recht eingängige Popballade mit wunderschönen Melodien ist, kommt "Vera" artrockig – und sanft – daher und endet in endlos verspielten Gitarren- und Keyboardflächen. "River" ist dann schon eher groovy für Gazpacho-Verhältnisse, wenn auch unheimliche Elemente wie gloomige Pianoläufe für das gewisse Etwas sorgen.

Dann ist es Zeit für einen Rückblick: Mit "Desert Flight" rocken sich die Norweger zurück zum "Tick Tock"-Album. Kenner wissen ja, dass dieses Konzeptalbum sich mit dem Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry beschäftigt, genauer mit seiner Notlandung in der Sahara und einer fünftägigen Irrung durch den Sand, die später die Grundlage seiner großen Erfolgserzählung "Der kleine Prinz" sein sollte. "Desert Flight" gehört zu den rockigsten Stücken Gazpachos, schnell, lebhaft und tanzbar. Dementsprechend geht es auch auf der Bühne busy zu, Bassist Kritian Torp kommt aus seiner Ecke raus und lässt es gemeinsam mit Gitarrist Jon-Arne ordentlich krachen. Ohme wippt mit Händen und Füßen mit, und auch das Publikum ist zum Tanzen bereit.

Das Leitmotiv des Albums, das Ticken einer Uhr, läutet dann den dreiteiligen, über 20 Minuten langen Übersong "Tick Tock" ein. Dieser lässt sich Zeit: Lange hört man fast nur Jan-Henriks Stimme, während sich die Musik dezent im Hintergrund hält. Dann macht es bumm und die Gitarren übernehmen die Herrschaft über den Song. Dann wieder Stille, ein Männerchor singt ein Requiem, dieses wird von plötzlich einsetzenden Drums sabotiert und die Gitarren dominieren wieder. Wieder Stille, wieder das Ticken der Uhr, Überleitung zum zweiten Teil von "Tick Tock", den man in seiner Schönheit nicht beschreiben kann. Besonders stark ist hier der Gesang, der fast schon kalt und erbarmungslos über den epischen Soundteppichen schwebt. Wer hier nicht ins Träumen kommt, muss aus Stein sein... (Na, haben die Gazpacho-Kenner das originelle Wortspiel erkannt?? Ehem...)

Die Band setzt die Massenhypnose mit den (natürlich perfekten) Songs "Missa Atropos" und "Splendid Isolation" aus dem neuen Album fort, um dann zwei Alben zurückzugehen: Jetzt ist es Zeit für die ersten drei Tracks aus "Night", die musikalisch und thematisch zusammengehören (ist bei Konzeptalben ja nun mal so). Allein schon "Dream Of Stone" könnte sich nicht noch mehr Zeit lassen. Ein schleichender Rhythmus, ganz dezente Streichermusik und das schönste Instrument von allen, Jan-Henriks Stimme, arbeiten sich ganz langsam durch die Gehörgänge. Wenn es Höhepunkte gibt, dann werden sie kurz vor dem endgültigen Ausbruch wieder zurückgenommen – bis Mikael Krømer sich seine Violine greift und die herzzerreißendste Melodie des ganzen Abends spielt. Erste Tränen fließen im Publikum, nanana...

Mit dem verhältnismäßig kurzen, melancholischen "Chequered Light Buildings" und dem für Gazpacho-Standards recht beschwingten "Upside Down" beschließen die Magier aus dem hohen Norden das Konzert. Naja, fast, denn das begeisterte Publikum will natürlich mehr. Daher gibt es dann das von allen ersehnte "Winter Is Never" aus "Tick Tock" – und wieder werden weite Traumlandschaften heraufbeschworen, die Band und Publikum gemeinsam durchwandern.

Und dann ist es endgültig Zeit zum Verabschieden. Und als kleine Hilfe, um von dem gerade erlebten Trip zurückzukommen, spielt die Band "The Secret" aus ihrem allerersten Album "Bravo", das leichtfüßig und augenzwinkernd daherkommt – mit einem spitzbübisch lächelnden Mikael Krømer an der Violine, der die Folk-Einlagen bravourös herausarbeitet. "The Secret" endet in einem fulminanten, rhythmischen Drum-Solo, zu dem die ganze Band hüpft und klatscht. Ja, jetzt sind wir wieder wach!!

Fazit: Zwei Stunden, die wie im Traum vergangen sind, und die ich nicht missen möchte. Der Zauber der Musik hält noch sehr sehr lange nach dem Konzert an. Einen Song habe ich dann doch vermisst, nämlich "Bravo", einer der Gazpacho-Songs, die momentan in meinem MP3-Player rotieren (naja, vielleicht nicht rotieren, aber ihr wisst schon...). Vielleicht beim nächsten Konzert!

Setlist:

Defense Mechanism
Snail
Vera
River
Desert Flight
Tick Tock, Part 1
Tick Tock, Part 2
Tick Tock, Part 3
Mass For Atropos II
Missa Atropos
Splendid Isolation
Dream Of Stone
Chequered Light Buildings
Upside Down
---------------
Winter Is Never
The Secret

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