TBA Tour 2010
Eins kann man über Gazpacho mit Sicherheit sagen: Sie haben sich einen wirklich bescheuerten Namen ausgesucht. Was lässt sich wohl über den psychischen Zustand einer Band sagen, die sich nach einer kalten Gemüsesuppe benennt? Na gut, vielleicht stand auch der gleichnamige Song von Marillion Pate, was die Sache nicht wirklich besser macht… Trotzdem, irgendwie passt der Name "Gazpacho" nun mal nicht zu dieser norwegischen Band, auf die man immer wieder stößt, wenn man im Netz auf die Jagd nach progressiver Musik geht. Denn sie serviert alles andere als kalte Suppe!! Sie glänzt vielmehr in regelmäßigen Abständen mit sophisticatedetedene (man sollte sich nicht in Anglizismen verheddern…) und soliden Veröffentlichungen im Art Rock-Sektor und ist gern gesehener Gast auf Prog-Festivals. Bekannt ist die Band für ihre melancholische und meditative Musik und wird gerne mit Bands wie Radiohead, Coldplay oder Pineapple Thief verglichen.
Es ist ein wenig verwunderlich, dass an diesem Samstagabend doch so viele Menschen den Weg ins Kölner Underground gefunden haben, um Gazpacho zu sehen, obwohl die Tickets immerhin satte 25 Euro kosten und es noch nicht mal einen Warm-Up-Act gibt (na gut, die Suppe muss wohl wirklich kalt serviert werden, hehe…). Der Altersdurchschnitt ist recht hoch, allerdings sind nicht nur ältere Musikgourmets anwesend, sondern auch viele junge Menschen mit Appetit auf gute Musik. Und genau das wird dem Publikum an diesem Abend aufgetischt! Essensmetaphermodus aus.
Um halb neun betreten die sechs Norweger unter Applaus die Bühne und eröffnen ihr Set mit "Put It On The Air", einem recht poppigen Song aus ihrem zweiten Album "When Earth Lets Go", wobei hier schon klar wird: Gazpacho lebt vor allem auch von Jan Ohmes Stimme, die sehr charakteristisch für die Musik der Band ist und fast als eigenes Instrument gesehen werden kann. Beim verträumten "117" z.B. streichelt und beruhigt sie den Zuhörer, während sie bei Songs wie "The Walk" fast bedrohliche Ausmaße annimmt und das Ende der Welt heraufbeschwört. "The Walk 1" und "The Walk 2" sind zusammen mit "Upside Down" an diesem Abend meine absoluten Favoriten. "Upside Down", weil es einen auf einer frischen Brise über das Meer hinwegträgt und zum Träumen bringt, und "The Walk" eins und zwo, weil man wirklich das Gefühl hat, auf einem "magic carpet" über dem heißen Wüstensand zu fliegen und an Karawanen und Wasserpfeife rauchenden Beduinen vorbeizuziehen. Zwei Geniestreiche vom letzten Gazpacho-Album "Tick Tock". Wirklich magisch!! Zauberhaft sind indes auch die Solo-Einlagen des Violinisten Mikael Krømer, der die Zuhörer mit seinem Instrument mal in mystische Traumwelten entführt, mal in verrauchte irische Pubs, wo Männlein und Weiblein wilde Tänze auf den Tischen vollführen.
Zum musikalischen Hochgenuss kommt allerdings noch ein weiterer nicht zu verachtender Faktor hinzu: Jan-Henrik Ohme ist nicht nur ein begnadeter Sänger, sondern auch ein Unterhaltungstalent. Ich hatte eigentlich eher erwartet, dass die Musiker einer solchen Band in sich versunken auf der Bühne stehen und alles runterspielen und mich daher auf einen düsteren Abend eingestellt. Pustekuchen! Ohme, der aussieht wie ein junger verwirrter Professor, ist eine Labertasche vor dem Herrn und lässt beim Publikum keine Müdigkeit aufkommen. Er erzählt zum Beispiel, dass sie auf dieser Tour Songs spielen, die sie noch nie live gespielt haben und beschimpft seine Bandkollegen als "Bastards", weil sie nur die Songs aussuchten, die für sie einfach zu spielen, aber für ihn schwer zu singen seien (und packt sich bei "Once In A Lifetime" demonstrativ an die Gurgel, wenn es an die hohen Töne geht), dann bittet er das Publikum, den neuen Drummer mit Applaus willkommen zu heißen und dem Gitarristen Jon-Arne einen "Happy Birthday" Song zu singen, bedankt sich dauernd, macht kleine Witze und lacht und zwinkert in die Runde – um dann aber plötzlich mit einem todtraurigen Gesicht von Einsamkeit und Weltschmerz zu singen. Der Knaller: Als die Band ein Lied spielt, das auf dem neuen Album zu hören sein wird (ein sehr rockiges und fast tanzbares Stück), hat Ohme absolut kein Problem damit, den Text von einem Blatt abzulesen und am Ende auch zuzugeben, dass der halbe Text noch gar nicht fertig sei und er nur "Gibberish" gesungen habe – aber so sei das nun mal bei "Work in Progress" und überhaupt – wer wolle denn schon immer die Texte verstehen...
Wie könnte mein Fazit nach so einem Bericht anders lauten als: Einfach großartig! Eine Wechseldusche der Emotionen gepaart mit genialer Musik und beinahe komödiantischen Einlagen. Kalte Suppe??? Nein, eher ein heißer Chili-Topf!! Tusen takk Gazpacho!!