Tour 2008 - Support: Wolfgang Müller
Als Gisbert zu Knyphausen vergangenen Samstag im Osnabrücker ’Glanz & Gloria‘ aufschlägt, kündigt sich Folgendes bereits eine Stunde vor Konzertbeginn an: Die Semesterferien sind demnächst vorbei. Viele Studis sind zurück am Ort ihrer Vorlesungen und wieder heiß darauf, abends das beschauliche Osnabrücker Nachtleben unsicher zu machen. Ein Besuch des Mannes, der im bisherigen Jahr die beste deutschsprachige Platte veröffentlicht hat – ja, ich weiß, dass Tomte, Kettcar und Niels Frevert in den letzten Wochen und Monaten neue Babys unters Volk gebracht haben –, wird da natürlich gerne zum Anlass genommen die versommerten Partyknochen gründlich zu entstauben.
So ist der kleine, verwinkelte Club gegenüber der großen Stadthalle sehr gut besucht und bereits beim von Gisbert zu Knyphausen angekündigten Support, Wolfgang Müller, kein Platz mehr in der vorderen Hälfte zu finden. Jeder, der auf den seitlich versteckten Sitzgelegenheiten Platz genommen hat, steht auf und will sehen, was eine Querflöte auf der Bühne zu suchen hat. Einer der zwei Adjutanten von Müller spielt nämlich dieses eher unrockige Instrument. Anfangs ist das ungewohnte Gezwitscher noch nicht wirklich überall im Raum angekommen, aber Stücke wie das lustige “Leben wie Franzosen Autofahren“ oder “Blüten“ eignen sich perfekt zum Warmwerden. Neben der Querflöte – die am Ende einem gestutzten Saxofon Platz macht – begleiten Müller eine E- und eine Akustikgitarre und bei vertonten Gedichten wie “Im inneren Kreis“ auch Gisbert zu Knyphausens Drummer Sebastian Deufel. Bis auf einen zu angeheiterten Zwischenrufer ein Set zum Verweilen, Träumen und der Sehnsucht nach dem nächsten Frühling.
Um 21.40 Uhr bahnen sich dann Gisbert zu Knyphausen und seine Mitstreiter den Weg durch das dicht gedrängte Publikum und starten behutsam in ihren Teil des Abends. “Verschwende deine Zeit (Gisberts Blues Nr.135)“ und “Spieglein, Spieglein“ sind die ersten beiden – fast ohne hörbare Band gespielten – Songs. Man lässt es, im Gegensatz zum bereits erwähnten Zwischenrufer (einem der wenigen Ü40er im ’Glanz & Gloria‘), langsam angehen. Erst beim zweifelnden Lonesome-Cowboy-Geständnis “Wer kann sich schon entscheiden?“ steigen alle Musiker voll mit ein und stellen den großartigen Albumsong auf eine noch höhere Livestufe. Im Anschluss haben die ruhigen Set-Momente ebenso Pause, wie der störende Herr im Publikum. Nach einem erheiternden Wortwechsel mit Gisbert – auf die Behauptung zu Knyphausens der Mann mit der weißen Baseballmütze sei zu besoffen für das Konzert, antwortet dieser entrüstet, er sei nicht besoffen, er sei bekifft – geleitet man den selbst ernannten Schotten zum Ausgang und die Band gibt mit “Neues Jahr“ und “Flugangst“ erfrischendes Zwischengas.
Nach zwei neuen Stücken nimmt “Der Blick in deinen Augen“ wieder etwas Tempo raus. Man sammelt als Kollektiv Kräfte, um anschließend mit “Erwischt“ das Haus auf Höchsttemperaturen zu bekommen. Im Publikum springt, tanzt und singt man lauthals mit. In der Folge mischt der immer noch schüchtern wirkende zu Knyphausen – in Pausen zwischen den Songs Geschichten zu erzählen, wird wohl nie seine Lieblingsbeschäftigung werden – mit zwei herausragenden Covern, “Mitbewohnerin“ (Moritz Krämer) und “Wer ich wirklich bin“ (Element Of Crime), den eigenen Laden gut durch. Bereits jetzt deutet sich an, dass ein veröffentlichtes Album noch lange nicht dafür stehen muss, dass ein Konzert nur ähnlich lang bzw. kurz dauert. Eine überraschende Blues-Version von “Sommertag“, das brandneue “Gebrochene Knochen“ und ältere Songs wie “Hurra, Hurra! So nicht“ und “Wer du bist“ beenden unter tosendem Applaus den 80-minütigen Hauptteil.
Zwei Mal werden Gisbert zu Knyphausen und seine Unterstützer dann zu Zugaben auf die Bühne geklatscht. Im ersten Teil gibt‘s zwei neue Songs – wobei speziell “Fick dich ins Knie, Melancholie“ ganz großen Appetit auf ein neues und laut Knyphausen 2009 kommendes Album macht – und danach ein eigentliches Unding. Man stimmt zum zweiten Mal “Sommertag“ an. Was besonders von Nickelback und Konsorten bekannt ist – die “How You Remind Me“ manchmal mehrfach spielen, um die aufbrausende Meute im Zaum zu halten – verwirrt mich nach diesem konzerttechnischen Sahnestück etwas. Schnell fällt jedoch auch bei mir der Groschen. Der bluesigen “Sommertag“-Version aus dem Hauptteil folgt zum Abschluss ihr rockender Zwilling. Ungewöhnlich, aber mit nur einem Album im Rücken 100 Minuten zu spielen, ist auch ungewöhnlich und ein Fingerzeig, wo der Weg von Gisbert zu Knyphausen hingehen wird. An die kreative Spitze zeitgenössischer Songschreiber.