Gisbert zu Knyphausen

Gisbert zu Knyphausen - Das Heimspiel

15.07.2010 Weingut Baron Knyphausen / Eltville-Erbach

Von: Rabea König

Gisbert zu Knyphausen  Eltville-Erbach

Ist er es? Kann man wirklich sagen, dass er es ist? Der neue Liedermacher nach Sven Regener, der uns mal melancholisch, mal bodenständig und ganz banal, mal plakativ alles aus der Seele schreit, was wir uns nicht zu schreien wagen. Als modernen Liedermacher dürfen wir ihn bezeichnen. Er fasst das in Worte, was uns tagtäglich beschäftigt, wie man wohl damit umgehen sollte oder könnte, es nicht tut und am Ende nur nichts bereuen darf, weil es schlichtweg der Wahrheit entspricht. Gisbert zu Knyphausen bringt zum Ausdruck, wie man sich fühlt in der heutigen Gesellschaft, wie man beherrscht wird von Hochs und Tiefs, ihnen ausgesetzt ist und als Sklave dient.

Also ja, er ist DER neue, DER moderne Songwriter, der uns ins Schwärmen bringt und weiter in die Melancholie stürzen lässt, in der man sich gerne suhlt, weil es sich im Endeffekt doch so gut anfühlt. Paradox. Aber dennoch, sein zweites Album "Hurra! Hurra! So nicht." erschien auf Platz 12 der deutschen Charts (!) - fraglich nur, ob ihn das interessiert – und stieß auf ausschließlich positive Resonanz. Seine Konzerte in Hamburg jedes Mal gänzlich ausverkauft, die restlichen ziemlich gut besucht – so auch das Konzert auf dem Weingut des Freiherrn zu Knyphausen. Schon zur Begrüßung am Einlass erhält jeder Gast ein Weinglas, auf welchem Gisbert ganz im Stil des Albumcovers schimmert, als Geschenk. Weiter geht es auf Erkundungstour. Das Gelände ist schließlich groß, wirkt geheimnisvoll und soll erforscht werden. Dort das prächtige Herrenhaus, da ein paar versteckte Ecken hinter Sträuchern, und natürlich Weinreben ringsherum, überall, wohin man schaut.

Nachdem also die Umgebung inspiziert, die Flasche Wein namens "Edition Gisbert" aus der Special Edition gekauft und eingeschenkt ist, die Vorband ihre letzten Takte gespielt hat, kann es endlich anfangen. Locker und bodenständig wie eh und je kommt Gisbert zu Knyphausen mit Band auf die Bühne, spricht ein paar belanglose Worte, nimmt seine ge- und auch beim Publikum sehr beliebte Akustikgitarre ("Musik ist scheiße") zur Hand und legt los. Urplötzlich verwandelt er sich vom Lausbuben in einen leidenschaftlichen Musiker. Als durchlebe er jeden Song von Neuem, als hinge er an jedem einzelnen Wort mit jeder einzelnen Faser seines Körpers. Sollen er und die Leidenschaft eine wirklich so ungewohnte Kombination sein? Schwer zu glauben bei solch einem Talent. Nach dem Titelsong "Hurra! Hurra! So nicht.", einigen Liedern der alten Platte und wunderbar spitzbübischen Ansagen kommt es endlich zu einem Gitarrensolo Gisberts, in welchem er das Publikum zum Mitträumen und Abdriften einlädt, auf eine kleine Reise des Schwermuts und der Selbstkritik. Ach Melancholie, so klappt das nie. Sommerabendbrise, Wein und rundum zufriedene Gäste vollenden das Konzert perfekt. Wir nehmen unsere Schuhe mit, laufen barfuß nach Hause und packen jegliche Zweifel ein.

Nach einer langen Phase des Applaus und einem laut und provokativ rufenden Publikum ("Wir brauchen einen neuen Anfang") gibt die Band noch zwei Stücke zum Besten, verabschiedet sich anschließend große Worte des Dankes aussprechend im Dunkel der Nacht - um vielleicht noch das ein oder andere Glas Wein der "Edition Gisbert" zu genießen. Wir erinnern uns gerne an das Lachen, das wir an jenem Sommertag gelacht haben, behalten es in unseren Gedanken als auch auf unseren Lippen und im Grunde, ja im Grunde ist alles okay.

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