Haldern Pop Festival - 12.-14.08.2010 - mit The National, Beirut, Mumford & Sons, Yeasayer, Beach House, Portugal.The Man, Junip u.v.a.
Eigentlich ist alles wie immer: Die Karten für das Haldern Pop sind lange im voraus ausverkauft, das Programm sorgfältig zusammengestellt mit vielen noch unbekannten Künstlern die bald auf großen Bühnen zu sehen sein werden, und die Stimmung bei Besuchern wie Mitarbeitern entspannt und freundlich. 5.500 Karten werden verkauft – Vergrößerung ausgeschlossen denn Wachstum würde diese besondere Atmosphäre zerstören.
Zum 27. Durchgang des kleinen feinen Festivals am Niederrhein belohnt Petrus das mit allerbestem Wetter, sodass Haldern 2010 eigentlich als perfekt durchgeht! Bereits am Donnerstag geht es im Spiegelzelt los. Da dieser wunderschöne Ort mit Spiegeln, Samt und Logen nur 1.000 Menschen fasst, wird den Außenstehenden eine LED-Wand mit Soundanlage geboten. Erstes Highlight sind Beach House aus Baltimore, die mit düster-verträumten Tracks zu entführen vermögen. Sängerin Victoria Legrand verwirrt einige Zuschauer mit ihrer tiefen Stimme, aber genau das macht einen Teil des "Besonderen" aus - krass wie sie zu Zeitlupen-Beats ihre Metal-Mähne schüttelt. Stings Sohn war bereits vor einigen Jahren mit seiner Band in Haldern zu Gast, dieses Jahr ist seine Tochter Eliot Pauline Sumner an der Reihe. Mit ihrer Band I Blame Coco serviert sie Popmusik für die Clubs, allerdings ist das letztlich doch etwas gefällig und die Tonsicherheit hat zumindest an diesem Abend Entwicklungspotenzial. Charmant ist das aber allemal. Eine schöne Überraschung sind die kunterbunten Hunde von Seabear: Die sechs IsländerInnen schütteln tolle Melodien und erfrischende Arrangements einfach so aus dem Handgelenk. Geige, Piano und Trompete – eine typische Haldern-Band da noch unbekannt aber mit ganz viel Potenzial! Dagegen wirken die studierten Stornoway aus Cambridge fast etwas glatt, ihre Mischung aus den erfolgreichen Neofolkbands der vergangenen Jahre und die wenig aufregenden Ansagen hinterlassen einen etwas faden Gesamteindruck.
Traditionell am Freitag wird das Gelände um die Hauptbühne eröffnet, doch zunächst lockt der an den Reiterhof angrenzende Badesee ganz untraditionell zum erfrischenden Bad inmitten von Buchten und Bäumen. Bereits am Nachmittag steht Marcus Mumford als Gastmusiker von Laura Marning auf der kleinen Bühne des Spiegelzelts; ihr Gig wäre aber auch ohne prominenten Besuch stark in Erinnerung geblieben: Beste Sängerin des Festivals! Nach einer überzeugenden Show der populären Delphic sorgt eben jener Marcus & "Söhne" mit ungestümem Folkpop und genialen Hits für beste Festivalatmosphäre, es wird geklatscht, getanzt und gesungen, dass es eine Freude ist. Im vergangenen Jahr begann im Spiegelzelt die steile Karriere der Mumford & Sons, jetzt sind sie bereits heimliche Headliner. Beirut machen nämlich anschließend den Fehler, ihr Set zu guten Teilen aus noch unbekannten neuen Songs zusammenzustellen und dürften so zwar hartgesottene Fans erfreut haben, die größere Masse aber erreichen sie weniger intensiv als erwartet. Anschließend Kontrastprogramm pur: Serena Maneesh satteln ihre Pferde für einen brachial-lauten Noise-Ausritt Richtung Sonic Youth und My Bloody Valentine und klirrende Nachtkälte. Dagegen fühlt man sich mit dem Schwaben Daniel Benjamin im wohligen Zelt wie auf einem Kirchenfest, so brav schillern seine Songperlen – beruhigend irgendwie. Die Messe aber soll erst jetzt folgen: Kurz vor 3 Uhr in der Nacht setzen sich Junip um José González nieder um auf Akustikgitarre, Bass, Orgel und Schlagzeug spirituellen Folk - ganz tief getränkt in Krautrock - zu spielen. Gonzáles‘ charismatische Stimme nun in Bandformat zu hören, mit warm-wabernden Tastensounds und fließenden Rhythmen zu morgendlicher Stunde hinterlässt manchen in Trance. Die "Rope & Summit EP" gibt es kostenlos auf der Bandwebsite, das Album "Fields" erscheint im September. Auf frenetischen Applaus folgen noch zwei Zugaben. Dann ist es Zeit in den Schlafsack zu kriechen. Zum Glück sind die Wege in Haldern kurz.
Samstag müssen Portugal.The Man bereits um kurz nach 14 Uhr auf die Bühne und spielen ein flirrendes Set aus 70er Rock’n’Soul – "it’s all one Song" möchte man meinen. Leider dauert der nur 40 Minuten. Passt aber sehr gut und bildet nach einhelliger Meinung der Anwesenden ein erstes Highlight des noch jungen Tages. Das weitere Programm steht dann eher im Zeichen elektronischer Klänge: Everything Everything bestechen durch Helium-Vocals und catchy Popsongs - beim nächsten Gastspiel garantierter Wechsel auf die Hauptbühne! Die Dänen von Efterklang führen auf großer Bühne eine famose Postrock-Oper auf, die Sonne geht langsam unter und die nordischen Harmonien bis unter die Haut. Im Zelt dann eine erfrischende Überraschung in Gestalt von Bear In Heaven aus Brooklyn mit intelligent-minimalistischem Elektro 80er-Pop mit Bee Gees-Gedächtnisgesang ins Bandformat transferiert. Zurück zu den 70ern fliegen einen dann die Amis von Sleepy Sun, Stonergrooves und ausufernde Psychoblues-Eskapaden mit ganz viel Nebel und Rotlicht - eine perfekte Zeitreise! Das ganze musikalische Gegenstück erklingt parallel auf der Hauptbühne: The Tallest Man On Earth klingt tatsächlich wie Bob Dylan, aber dieser Typ schafft es verdammt nochmal nur mit seiner Stimme und einer Klampfe Tausende Menschen zu berühren. Zwei Songs waren zu wenig, von diesem jungen Musiker wird man noch so einiges hören! Es dämmert mittlerweile, und mit Yeasayer erhält dann für eine Stunde cleverer Oriental-Dancefloor Einzug auf die Hauptbühne – hier Stimmen Set und Performance. Co-Headliner Position des Samstags erfolgreich erfüllt! Was The National als Abschluss anschließend leider nicht gelingt: Die Performance leidet zunächst akut unter massiven Soundproblemen und letztlich an zu hohen Erwartungen. Songs wie "Squalor Victoria" oder "Terrible Love" sind jedoch einfach großartig und sorgen für einige Schauer, sodass man am Ende auf niemanden sauer sein kann. Selbst der defekte Gitarrenamp hat es ja letztlich wieder getan. Eine Nummer kleiner, aber wesentlich wilder geht es derweil im Zelt ab. Der Soundweirdo Dan Deacon ballert animalische Digitalsounds in eine dankbare Menge – ein genial-durchgeknallter Freak! Aber auch hier ist Haldern Pop 2010 noch nicht vorbei: The Whale Watching Tour versammelt die Créme de la Créme des isländischen Bedroom Community-Labels, und die bieten bis zum Morgengrauen betörende Kammermusik, Ambient und postfolkige Klangspielereien.
Haldern Pop – ein buntblühender Strauß voller Entspannung, Ursprünglichkeit und unerwarteten Möglichkeiten.