Tour 2007
Mit Ende 20 der jüngste Besucher eines Rockkonzerts zu sein ist schon etwas komisch. Passiert ist es mir bis zu diesem Samstagabend in Wetzlar noch nie. Noch nicht mal bei Eric Burdon war das so. Und das Konzert liegt schon fast zehn Jahre zurück. Anfangs kommt man sich zwar etwas exotisch vor, aber im Lauf eines solchen Abends lernt man ein Durchschnittsalter von um die 50 durchaus zu schätzen. Denn das Schöne an so was ist, dass die Musik uneingeschränkt im Vordergrund steht. Hektik, Unfreundlichkeit oder sonstige nervige Begleiterscheinungen die teilweise bei Konzerten unter Altersgenossen auftreten können, sucht man hier erfreulicherweise vergebens.
Anlässlich des Auftritts von Hank Shizzoe, alias Thomas Erb, kommen an einem spätherbstlichen Abend geschätzte 60 Besucher ins kleine, sympathische Franzis. Nette Leute an der Kasse, nette Leute hinter der Theke, bis auf eine Ausnahme nette Leute im Publikum (dazu später mehr), äußerst zivile Preise und auf einem Flyer des in vier Tagen stattfindenden ’Rainravens’- (eine nicht ganz unbekannte Americana-Band aus den USA) Konzerts die drollige Unterschrift: „Schüler, Studis, Zivis + Hartz4ler Eintritt frei!!“ Hier ist die Welt noch in Ordnung!
Gegen Viertel nach Neun betritt der Gitarrist und Sänger Hank Shizzoe mit seinen drei Mitstreitern die Bühne des leider nur mäßig gefüllten Franzis. Oli Hartung (Gitarre), Michel Poffet (Kontrabass) und Christoph Beck (Schlagzeug) fungieren bei dieser Tournee – wie auch auf dem aktuellen Album „Headlines“ – als Shizzoes Backing-Band. Für noch mehr Musiker hätte die kleine Franzis-Bühne auch keinen Platz mehr geboten. In der Raummitte verteilt sich der größte Teil des Publikums. Man sitzt auf Hockern, trinkt Bier oder Wein und manche ordern eine leckere Portion Nachos. Die Plätze in Bühnennähe sind für Shizzoe-Fans unter 40 bestimmt.
Das Main-Set teilt sich in zwei Hälften. Die Höhepunkte von beiden Teilen sind neben den Songs – auf die ich gleich zu sprechen kommen werde – zwei Soloeinlagen. Michel Poffet zupft in Teil eins virtuos an seinem Kontrabass und stellt heraus wie wichtig das leider viel zu oft in Vergessenheit geratene Instrument für den Sound des Abends ist. Noch herausragender ist allerdings das Solo von Christoph Beck in Teil zwei. Teilweise zischen die Drumsticks wie bei einem Heavy-Metal-Drummer durch die Lüfte um im nächsten Moment die Felle sanft zu streicheln und sich auf den nächsten Energieausbruch vorzubereiten. Wie die Soli schon andeuten, werden die Stücke von Shizzoe und seiner Band nicht einfach nach "Schema F“ heruntergedudelt, Jams und Improvisationen gehören bei den Musikern glücklicherweise mit zum guten Ton.
An Songs bekommt man im Franzis von Hank und seinen Mitstreitern vor allem viel vom neuen, auf ’Blue Rose’ erschienenen Album „Headlines“ zu hören. „The Farmer’s Song“, „The Sailor And The Queen“ und „Headline“ stechen dabei heraus. Speziell das zuletzt genannte erinnert positiv an die Shizzoe-Favoriten ’Dire Straits’. Einem weiteren seiner Lieblinge – Bob Dylan – huldigt Hank mit dem ebenfalls auf „Headlines“ vertretenen „Yea! Heavy And A Bottle Of Bread“. Von Dylan – laut Shizzoe – selbst nur ein einziges Mal live gespielt, bekommt das Stück durch den Schweizer die Aufmerksamkeit, die es verdient. Ältere Nummern wie “Southern Movements”, “Low Budget” oder das Hank Williams-Cover “I Can’t Get You Off Of My Mind” runden das Set perfekt ab.
Was den guten Hank so richtig sympathisch macht sind seine kleinen Geschichten zwischen den Songs. Ob amerikanisches Fernsehprogramm, ein rauchender Eric Clapton in der rauchfreien Royal Albert Hall, die kürzlich absolvierte „Blues-Cruise“ bei der sich die gesamte Band dicke Erkältungen eingefangen hat oder der Frage wie es beim Fußball steht (Deutschland spielt gerade in Irland). Besonders bei der Fußball-Episode merkt man das Shizzoe sich fürs Publikum interessiert und es zu schätzen weiß, dass man auf sein Konzert gekommen ist und nicht zuhause vor dem Fernseher Lehmann und Co. die Daumen drückt. Denn eigentlich kann der Schweizer Fußball auf den Tod nicht leiden.
Zum Abschluss bedanken sich die vier Musiker mit zwei Zugabenblöcken. Im Ersten gibt’s das Creedence Clearwater Revival-Cover „Green River“ und im Zweiten „Six Blade Knife“ aus der Feder von Mark Knopfler. Nach „Green River“ macht sich ein neunmalkluger Zuschauer übrigens bei Band und Publikum äußerst viele Freunde. Ein komischer Ausspruch a la „das war eure schlechteste Nummer, Fogerty spielt das ganz anders“, war alles andere was dieses mit Freude und Spielwitz vorgetragene Cover verdient hat. Der Sänger und ein anderer Zuschauer haben glücklicherweise äußerst treffende Antworten parat.
Beim Rausgehen fällt mir ein Mann um die 60 auf. In seiner Hand hält er drei Shizzoe-CDs die der Fan offensichtlich mitgebracht hat um sie signieren zu lassen. Ich schmunzle und denke mir, hoffentlich gibt’s solche Clubs und Musiker wie Hank Shizzoe auch in 30 Jahren noch.