Schiffsverkehr Tour 2011
Insgesamt 13 Konzerte absolviert Herbert Grönemeyer auf seiner "Schiffsverkehr"-Tour durch Deutschland. Die grössten Venues sind dabei gerade gut genug. Köln ist die neunte Station und 30 Jahre nach seiner Rolle im Wolfgang Petersen-Film "Das Boot" geht Kapitän Grönemeyer im Rhein Energie Stadion vor Anker. Wo sonst der 1. Fussballclub der Domstadt mit eher durchwachsenem Erfolg gegen den Ball tritt, haben sich heute 40.000 Menschen eine Bordkarte gekauft, um mit Herbert Grönemeyer durch mehr als drei Jahrzehnte seines musikalischen Schaffens zu schippern. Ob sie wissen, dass sie auf heiligem Rasen stehen? Die Bühne ist mehr in die Breite als in die Höhe und vor der Südkurve aufgebaut, wo normalerweise die treuesten FC-Fans für die Gesänge sorgen. Aber auch ohne ihre Unterstützung steigt der Stimmungspegel bereits vor dem Konzert in beachtliche Höhen. Zwei zusätzliche Leinwände im Innenraum stellen sicher, dass hier wirklich niemand etwas verpasst. Die Atmosphäre ist dementsprechend entspannt und auch wir verzichten zugunsten eines Bieres und einer Bratwurst auf den Support Act. Sorry, Norman Sinn!
Mit knapp fünfzehnminütiger Verspätung lässt Herbert Grönemeyer um 20.30 Uhr die Leinen los und startet mit "Schiffsverkehr" standesgemäß in sein Set. Lässig mit Jeans, Turnschuhen, Jacket und einer gelben Gitarre. Mit ihm zusammen auf der Kommandobrücke stehen viele vertraute Gesichter: Norbert Hamm am Bass, Schlagzeuger Armin Rühl, die beiden Gitarristen Jakob Hansonis und Stephan Zobeley, Frank Kirchner und sein Saxophon oder Alfred Kritzer am Keyboard. Über der Bühne hängen fünf weitere Leinwände unterschiedlicher Größe, auf denen im Verlauf des Abends allerlei Projektionen, kleine Filme und natürlich Live-Bilder zu sehen sind. Ansonsten gibt es bis auf eine ausgefeilte Lightshow keinerlei Schnickschnack, außer man möchte den Laufsteg zur Rechten und die überdimensionalen Stehlampen in Tütenoptik als solchen bezeichnen. Herbert Grönemeyer lässt lieber seine Musik für sich sprechen (und erzählt zwischendurch selbst das ein oder andere Anekdötchen). Das hat er schon immer getan. Und die Mischung aus Alt und Neu stimmt.
"Halt mich" ist der erste Gänsehaut-Moment und die direkt darauffolgenden "Bochum" und "Musik nur wenn sie laut ist" sorgen für befreiende Ekstase unter den Kölner Passagieren. Der Sound ist anfangs leicht matschig, Grönemeyers Stimme geht zeitweise etwas darin unter. Vielleicht streut er deshalb mit "Stück vom Himmel", "Deine Zeit" und "Zu dir" eine ruhige Passage ein, zu der er am stilvollen Kawai-Flügel Platz nimmt, bevor "Männer", "Was soll das" oder "Alkohol" das Stadion erneut explodieren lassen. Zu "Mensch" erhebt sich ein Meer aus Armen, das Grönemeyer wellenartig von links nach rechts und wieder zurück schwappen lässt. Überhaupt animiert er die Leute immer wieder zum Singen, Klatschen und Tanzen. Bis hinauf auf die Tribünen folgen ihm alle bereitwillig und beweisen nebenbei einige Male ihre Textsicherheit. Auch Grönemeyer wirkt bei seinen Tanzeinlagen längst nicht mehr so ungelenk wie früher. Nur einmal herrscht andächtige Stille im weiten Rund. Als er "Der Weg" anstimmt, das Lied für seine 1998 verstorbene Frau Anna, nehmen in meiner Umgebung bei nicht wenigen die Tränendrüsen ihre Arbeit auf. Zum Ende des Mainsets führt uns Kapitän Grönemeyer dann alle "Zum Meer" und die Laserbilder über dem inzwischen dunklen Stadion weisen die Richtung. Wie Leuchttürme. Beeindruckend!
Mein persönlicher Favorit "Land unter" leitet erfreulicherweise den ersten Zugabenblock ein, der mit dem WM-Song von 2006 "Zeit, dass sich was dreht" abgeschlossen wird. Grönemeyer teilt die Kölner in zwei Gesangsgruppen wie einst Moses das Wasser. Die Stimmung ist bombig und die minutenlangen Ovationen machen den Berufsbochumer sichtlich sprachlos. Die Band steht geschlossen auf dem Laufsteg, um sich zu bedanken. Da bleibt sie auch gleich und spielt mit kleinem Besteck "Flugzeuge im Bauch", "Glück" und "So wie ich". Es ist Zeit für Wunderkerzen. Mittlerweile hat es leicht angefangen zu regnen, aber Grönemeyer hat offenbar beschlossen, den Hafen heute abend trotzdem erst später anzulaufen. Mit "Vollmond" rockt die komplette Besatzung nochmal amtlich ab, bevor sich nach zweieinhalb Stunden alle endgültig in ihre Kojen zurückziehen.
Was Herbert Grönemeyer nach wie vor so symphatisch macht ist die Tatsache, dass er trotz der bislang geradezu triumphal verlaufenden Tour und angesichts der überschäumenden Begeisterung immer noch ehrlich überwältigt scheint. Okay, er nuschelt und wirkt manchmal etwas zu angestrengt intellektuell, aber er hat sich trotz allem etwas von dem netten Typ Sozialarbeiter bewahrt, dem man gerne mal sein Herz ausschütten würde. Irgendwie gehört er ja fast schon zur Familie. Jedenfalls in musikalischer Hinsicht. Und dass man mit ihm auch Spass haben kann, hat er in Köln deutlich unter Beweis gestellt. In diesem Sinne: Allzeit gute Fahrt, Herbert! Ahoi!
Setlist:
Schiffsverkehr
Kreuz meinen Weg
Fernweh
Halt mich
Bochum
Musik nur wenn sie laut ist
Stück vom Himmel
Deine Zeit
Zu dir
Männer
Was soll das
Der Weg
Auf dem Feld
Kopf hoch, tanzen
Unfassbarer Grund
Alkohol
Mensch
Bleibt alles anders
Zum Meer
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Land unter
Demo (Letzter Tag)
Zeit, dass sich was dreht
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Flugzeuge im Bauch
Glück
So wie ich
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November
Vollmond