Im Augenblick Tour 2011
Für mich persönlich ist es die dritte Verabredung mit Herman Van Veen auf seiner aktuellen "Im Augenblick"-Tour. Nach Siegburg und Köln im vergangenen Jahr nun also Bonn. Wo jedoch bei vielen Künstlern die Routine regiert und Abend für Abend dasselbe Programm abgespult wird, verzaubert Herman Van Veen in seinen Konzerten jedesmal wieder aufs Neue. Er könnte sich wahrscheinlich auf die Bühne stellen und das örtliche Telefonbuch vorlesen, die Leute würden ihm trotzdem an den Lippen hängen. Es ist schon eine besondere Beziehung, die den Holländer seit nunmehr 39 Jahren mit seinen deutschen Fans verbindet. Auch die Beethovenhalle, die im Inneren noch den symphatischen Charme der Siebziger verströmt, ist nahezu ausverkauft. Zwei Reihen vor mir entdecke ich "Hobbythek"-Urgestein Jean Pütz, dessen immer noch erstaunlich voluminöse Haarpracht mir ein wenig den Blick versperrt.
Das Schöne an Herman Van Veen-Konzerten ist, dass man schon beim Einlass den Alltag an der Garderobe abgibt und in eine Welt aus Musik, Clownerei, Nachdenklichkeit und einer Prise Poesie abtaucht. Als er pünktlich um 20 Uhr in Begleitung von Erik Van der Wurff (Piano, Kontrabass, Akkordeon), Jannemien Cnossen (Geige) und Edith Leerkes an der Gitarre (wie gewohnt barfuß) die Bühne betritt, erweist ihm Bonn zunächst mit einem "Happy Birthday"-Ständchen zu seinem vor zwei Tagen begangenen 66. Geburtstag die Ehre. Herman Van Veen bedankt sich auf seine Art, indem er den Bonnern einen fast 3-stündigen heiter-melancholischen Abend bereitet, wobei die 20-minütige Pause nicht mit eingerechnet ist! Nachdem er ihnen beigebracht hat, wie man Regen, Gewitter und Sonne akustisch darstellt, folgt als erster Höhepunkt "Laat Me" - das Lied für seinen verstorbenen Freund, den holländischen Chansonnier Ramses Shaffy. Im Gegensatz zum letzten Jahr sehr früh im Set, was aber nicht die einzige Veränderung ist. Auch "Buona Sera Signorina" (im Original von Adriano Celentano) ist beispielsweise neu im Programm. Wie Herman Van Veen dazu über die Bretter "tanzt" hat etwas rührendes.
Er besingt seine Mutter, philosophiert über Freundschaft ("Vergesslich bin ich schon"), die Liebe, das Leben, den Tod ("Tu es jetzt") oder über Fremdenfeindlichkeit ("Köln-Ehrenfeld"). Er lässt einen Tischtennisball verschwinden und danach Dutzende von der Decke regnen. Später wiederholt er dieses Kunststück noch mit Plastikbechern. Ein besonders störrischer bleibt baumelnd über dem Klavier hängen. Herman Van Veen spielt auf einer imaginären Panflöte, um gleich darauf ein wildes Mundharmonikasolo aufs Parkett zu legen und glänzt an Gitarre, Geige und Piano. Anschließend bearbeitet er sogar ein Cajón, eine peruanische Kistentrommel. Seine Mitstreiter stehen ihm in nichts nach und stellen ihr Können auch gesanglich einige Male ebenso eindrucksvoll unter Beweis. Wenn etwa Edith Leerkes ein minutenlanges Gitarrensolo anstimmt, kann man in der Beethovenhalle eine Stecknadel fallen hören. Alle Vier strahlen eine immense Ruhe, Freude und gegenseitigen Respekt aus. Als Edith Leerkes singt, steht Herman Van Veen einfach nur da, mit einem schwarzen und einem weißen Schuh... und mit geschlossenen Augen.
Ob "Ich lieb dich noch", "Regen", "Amsterdam", "Hier unten am Deich", "Wahrscheinlich ist es einfach" oder "Weg da" (auf holländisch) - Herman Van Veen selbst malt seine Bilder mit Worten. Bilder aus Anekdoten, Witzen, Erinnerungen an sein Leben und an das anderer. Manchmal reicht eine kleine Geste und das Publikum schweigt. Oftmals bleibt ihm bei den hintergründigen Geschichten aber auch das Lachen im Hals stecken. Ganz so, wie Herman Van Veen es beabsichtigt. Das "Ave Maria" singt er noch einmal als 11-jähriger Junge am Grab seiner Oma oder er parliert wie ein Tolpatsch zu den "Freunden der Musik". Zum Schluss schießt Herman Van Veen einen weißen Fussball ins Publikum und geht quer durch die Stuhlreihen nach draußen.
Sagte ich zum Schluss? Hier ist noch lange nicht Schluss. Der Applaus will nicht enden. Also kommt das Quartett ein weiteres Mal auf die Bühne, um mithilfe des Publikums eine wunderschöne Version von "Rosa" zu singen. Abgang. Tosender Applaus. Noch mehr Zugaben. Herman Van Veen kramt ganz tief in seiner Songkiste und zieht "Weißt du wie es war" von 1973 heraus. Inzwischen sitzt in der Beethovenhalle niemand mehr, außer denjenigen, die schon gegangen sind, als vor einer gefühlten Ewigkeit die Hallenbeleuchtung anging. Sie verpassen das wundervolle "Ich hab ein zärtliches Gefühl", Herman Van Veens allererstes Lied, das er jemals in Deutschland gesungen hat und das auch heute noch für Gänsehaut und so manch verstohlene Träne sorgt. Vierter Abgang, aber die Bonner geben sich immer noch nicht geschlagen. "Wie alt bist du?", fragt Herman Van Veen ein kleines Mädchen in der ersten Reihe, als er sich der Begeisterung ein letztes Mal ergibt. "9 Jahre? Ist das nicht unverschämt jung?". Er hat inzwischen zusammen mit Edith Leerkes auf dem Bühnenrand Platz genommen, an dem jetzt die Zuschauer stehen und singt noch zwei leise Lieder von Selma Meerbaum-Eisinger, die mit 18 Jahren im ukrainischen KZ Michailowka starb. Dann flüstert er endgültig "Auf Wiedersehen". Die altehrwürdige Beethovenhalle ist um einen unvergesslichen Abend reicher.
Um kurz vor halb Zwölf stehe ich auf dem Parkplatz und rauche noch eine Zigarette. Die Welt hat sich verändert. Sie ist irgendwie schöner, weicher geworden. Dieses Gefühl soll mich auch den ganzen nächsten Tag noch begleiten, neben einem ausgeprägten Dauergrinsen. Als ich im Autoradio die neuesten Meldungen aus Japan höre, muss ich an eine von Herman Van Veens Geschichten denken, die viel über ihn aussagt: Ein Opa geht mit seinem Enkelkind spazieren. Da fragt das Kind: "Opa, was ist das dort drüben?". "Oh, das ist ein Kernkraftwerk, mein Schatz", antwortet der Opa und streichelt dem Enkelkind über den Kopf. "Und was macht es?", fragt das Kind. Der Opa sagt: "Es gibt uns Strom", und streichelt dem Kind über den anderen Kopf.