Hinterm Horizont - Das Musical mit den Hits von Udo Lindenberg
Ich zäume mal das Pferd von hinten auf: Am Ende des Abends stand der Meister selbst auf der Bühne und schmetterte mit "Mein Ding" sein Lebensmotto in die begeisterte Menge: "Ich mach’ mein Ding. Egal was die andern sagen. Was die Schwachmaten einem so raten, das ist egal." Udo Lindenberg war immer ein Künstler, der für Furore gesorgt hat. Der sich was in den Kopf setzte und dann alles tat, um es zu verwirklichen. Ein Konzert in der DDR, das berühmt-berüchtigte, fast liebevolle Fernduell mit Erich Honecker – immer für eine Schlagzeile gut. Ende der 80er wurde es ruhiger. Zum einen war da zwar das Werk "Bunte Republik Deutschland", das wie kein anderes deutsches Album den Geist des Mauerfalls eingefangen hatte und heute gerne mal von Bundespräsident Wulff zitiert wird. Gleichzeitig aber auch die sperrigen, seinen Eltern gewidmeten Alben "Hermine" und "Gustav", ersteres vorrangig angereichert mit Chansons der 30er Jahre, letzteres als musikalische Revue aus mehreren Epochen zusammengestellt. Und dann kam da die als musikalische Zeitreise aufgemachte Musikshow "Atlantic Affairs", die wiederum einen sehr ernsten Künstler Lindenberg präsentierte – und nicht den rockenden Barden. Zeitgeschichte war stets sein Ding. Und so war es nicht die Frage, ob es irgendwann ein musikalisches Dokument seiner DDR-Anekdoten geben wird, sondern nur noch, wann und in welcher Form.
Jetzt – 21 Jahre nach dem Mauerfall und der lang ersehnten ersten Tournee durch den Osten – ist es endlich soweit. Ein Musical ist es geworden. Oder ein "Panical", wie Udo gerne mal sagt. Erfolgsautor Thomas Brussig ("Sonnenallee") hat die Story geschrieben und Regisseur Ulrich Waller bringt die Geschichte auf die Bühne. Offizielle Premiere war am 13. Januar 2011 im Theater am Potsdamer Platz in Berlin. Musicheadquarter durfte bereits am Tag zuvor bei der Pressekonferenz und der Medienpremiere des Stücks dabei sein. Der Tag begann mit einem Fototermin und einer Pressekonferenz, deren wichtigste Inhalte ihr in Kürze unter "Interviews" nachlesen könnt. Abends folgte dann die komplette Aufführung im bis auf den letzten Platz besetzten Theater.
Die Story liest sich wie eine Ost-West-Romeo-Julia-Geschichte: Udo erhält 1983 die Erlaubnis, ein Konzert in der DDR zu geben und lernt dort das junge FDJ-Mädchen Jessy kennen. Zwischen beiden entwickelt sich eine Liebe, die es so nicht geben darf. Jahrzehnte später versucht eine junge Reporterin, diese Geschichte zu rekonstruieren. Der Anfang erscheint mir dabei etwas sperrig, denn das Musical beginnt in der Gegenwart, wenn die Reporterin Jessy aufsucht, um ihr ein altes Foto zu zeigen. Diese Rahmenhandlung bleibt aber angenehm kurz und sobald man in die Vergangenheit eintaucht, erwartet die Zuschauer ganz großes Musicaltheater. Starke Darsteller, allen voran Josephine Busch als junge Jessy, eine nachvollziehbare Handlung und viel authentisches Geschichtsmaterial.
Die Musik steht zwar weit im Vordergrund, wird aber nicht – wie bei vielen anderen Musicals – zum Selbstzweck. Die Länge von über drei Stunden erlaubt es, dass neben dem Gesang auch viel gesprochen wird. Das Leben einer "typischen" DDR-Familie wird mit satirischen Elementen aufgepeppt, die entstehenden Konflikte in Form von Sprechtheater vertieft. Vor allem Udo-Darsteller Serkan Kaya ist eher Schauspieler als Sänger. Gesanglich keineswegs abgehoben präsentiert er die Songs als Rocksongs. Nicht mit schöner Stimme, immer etwas nuschelig – so wie Udo dies auch tun würde.
Dazu kommt ein Spiel mit LCD-Wänden und historischen Einspielern, wie ich dies bisher noch in keinem Musical gesehen habe. Die Mauer dient als Projektionsfläche von Zeitdokumenten, beispielsweise dramatische Abschiedsszenen während des Mauerbaus, Momentaufnahmen vom 83er DDR-Konzert im Palast der Republik und Fernsehaufnahmen vom Tag des Mauerfalls. Sehr emotionale Momente. Die Zuschauer werden von einem Gänsehautmoment zum nächsten geführt und Udos melancholische Lieder wie "Mädchen aus Ost Berlin", "Hinterm Horizont" und "Wenn du durchhängst" tun ihr Übriges dazu.
So funktioniert die Story auf unterschiedlichsten Ebenen: Als Lovestory zwischen West-Romeo und Ost-Julia, als Abriss über drei Jahrzehnte Lebensgeschichte von Udo Lindenberg, als historisches Dokument, das eine lebendige Geschichtsstunde ermöglicht, und als schauspielerisches Zeugnis eines Lebens in der DDR, von Linientreue und Spießertum bis hin zu Revoluzzern und Flüchtlingen. Das Klischee des gedopten Sportlers wurde ebenso eingebaut wie die etwas tölpelhaften Mitglieder der Stasi oder diverse Doppelgänger, die sich für die Rolle des DDR-Udo bewerben. Ein lustiges Spiel mit überzeichneten Charakteren.
Es gibt Tränen der Rührung unter den Zuschauern, spontane Umarmungen des Ehepaars links neben mir, als Jessys Bruder am großen FDJ-Ballon über den Sitzreihen nach Westen flüchtet. Applaus an den ungewöhnlichsten Stellen, was dafür spricht, dass der Nerv der Zuschauer auf unterschiedlichste Weise getroffen wird – je nach persönlichen Erfahrungen. Die verwendeten Songs ziehen sich durch alle Epochen des großen Lindenwerks und es steckt inhaltlich viel mehr dahinter als beispielsweise beim Udo Jürgens-Musical, wo die hanebüchene Story nur konstruiert wurde, um möglichst große Hits zu verbinden. Bei Lindenberg hingegen finden sich auch viele unbekannte Stücke und die Lyrics erklären sich meist von selbst. Da haben wir "Boogie-Woogie-Mädchen" neben "Rock’n’Roll Arena in Jena" und "Vom Frieden singen unsre Lieder". Der Klassiker "Odyssee" und kurz darauf das speziell für die DDR geschriebene "Ich bin Rocker". Natürlich "Sonderzug nach Pankow" aber auch Balladen wie "Ich lieb dich überhaupt nicht mehr" und "Was hat die Zeit mit uns gemacht". Der Schluss wird hymnisch durch "Seid willkommen in Berlin" eingeleitet und im Finale steht der Klassiker "Andrea Doria" neben dem aktuellen "Ganz anders". Ein perfekter Streifzug.
In ausgedehnten Tanzszenen werden die Gegenpole unter die Lupe genommen. Mal Spießer und Hippies, mal Vertreter des westlichen und des östlichen Deutschlands, dann eine Gruppe von teils sehr guten Udo-Doubles. Der prägnante Hut des Meisters wird im Riesenformat Dreh- und Angelpunkt der Kulisse. Auf dem Boden, in der Luft – oder von den Darstellern als erhöhter Fluchtpunkt genutzt. Die Musik kommt von einer echten Rockband, die zeitweise ins Bühnengeschehen eingebunden ist. Besonderes Highlight ist das nachgestellte Udo-Konzert im Palast der Republik, das mit einem Perspektivwechsel fürs Publikum verbunden ist. Die Bühne wird gedreht, und so ist man zunächst unbeteiligter, stiller Beobachter im Hintergrund und wird plötzlich Teil der historischen Zuschauermenge aus FDJ-Funktionären.
Die Geschichte weist für mich keine Längen auf und endet in der Gegenwart. In der Kulisse des Hamburger Atlantic-Hotels, das Udo bis vor kurzem bewohnte. In alter Musical-Tradition gibt es zum Abschluss einen großen Showdown mit allen Beteiligten, der sich bei "Hinterm Horizont" zur großen Wiedervereinigungsparty auswächst. Das Publikum, das an diesem Abend zum größten Teil aus Medienvertretern bestand, feierte die Darsteller mit Standing Ovations. Udo selbst saß wenige Reihen vor uns in der Zuschauermenge, an der Seite seine Vertrauten Eddy Kante (Bodyguard) und Tine Acke (Fotografin). Nach dem Finale enterte er die Bühne und ließ die Aufführung als großes Rockkonzert enden, bei dem er selbst "Mein Ding" und "Candy Jane" zum Besten gab. Ein furioses Ende und ich kann nur sagen: Wer nach Berlin reist, sollte sich diese Aufführung nicht entgehen lassen. Sie wird auch dann zum Fest, wenn Udo nicht am Ende persönlich auf der Bühne steht.
Am 17. Mai wird Udo Lindenberg 65. Andere gehen an diesem Tag in den wohlverdienten Ruhestand. Er wird vermutlich im Hyatt Berlin sitzen, zum Theater am Potsdamer Platz schauen und sich pünktlich zum Finale in den Zuschauerraum schleichen. Vielleicht entert er auch die Bühne und lässt sich ein Happy Birthday singen. Oder aber – was am wahrscheinlichsten ist – er grübelt darüber nach, wie er seine Musik auf neue Art an den Mann und die Frau bringen kann. War da nicht mal die Rede von einem "MTV unplugged"? Wir werden sehen...